Choreografie der Massen

Wenn Ricardo Villalobos spielt, dann tanzt die Bassdrum. Nun vertonte er gemeinsam mit Moritz von Oswald und Max Loderbauer den Stummfilm »Berlin: Sinfonie der Großstadt« von 1927. Stephan Loichinger besuchte die Aufführung in Mannheim und sah die Moderne.

Cinemix Ricardo Villalobos Max Loderbauer Moritz von Oswald

CINEMIX: Ricardo Villalobos, Max Loderbauer und Moritz von Oswald (von links nach rechts) während der Live-Vertonung Berlins.

(Foto: © Ben van Skyhawk / Vitaminstudio)

Ricardo Villalobos musste für seinen Auftritt mit dem Jitterbug Orchestra – einem Ensemble aus Laptop- und Jazzmusikern – im vergangenen Herbst im Berliner Admiralspalast teils heftige Kritik einstecken. Unzureichend sei das vermeintliche Zusammenspiel gewesen, gar Unmusikalität wurde ihm unterstellt. Das dürfte für ihn neu gewesen sein. Im House- und Techno-Universum feiert man den gebürtigen Chilenen nämlich als nach vielen Seiten offenen musikalischen Meister, der in seinen Produktionen und DJ-Sets Elemente integriert, die erstmal wenig mit elektronischer Musik zu tun haben: eine spanische Gitarre, ein Blasorchester, vertrackte Conga-Rhythmik.

    Gut möglich, dass die Neuvertonung von Walter Ruttmanns Stummfilmklassiker von 1927, »Berlin: Die Sinfonie der Großstadt«, für den Wahlberliner Villalobos eine weitere Tür aufstößt in ein Leben außerhalb der Technoszene, deren Anforderungen an einen DJ seiner Klasse und Popularität doch ganz schön schlauchen können: jedes Wochenende mindestens zweimal auflegen und das weltweit.

Berlin Sinfonie der Großstadt Walter Ruttmann

BERLIN: SINFONIE DER GROSSSTADT: Das Szenenbild zeigt die Draufsicht auf den Potsdamer Platz, Berlin (1927).

(Filmstill: © Filmmuseum Berlin / Stiftung Deutsche Kinemathek

    Zunächst ist der »Cinemix«, der nun in Mannheim beim Time-Warp-Festival für Jetztmusik und Medienkunst seine Uraufführung feierte, eine Auftragsarbeit für das Festival – Villalobos und die beiden Berliner Technoproduzenten und Sound-Ästheten Moritz von Oswald (Maurizio, Rhythm & Sound, Basic Channel) und Max Loderbauer (Sun Electric, NSI) haben sie in engem Verbund erarbeitet. Sie hätten dabei, sagt Villalobos, vor allem »darauf geachtet, dass die Musik nicht aus dem Ruder läuft«; das Hauptaugenmerk solle ja auf dem Film liegen.

    Und so fügt es sich. Die drei Musiker bedienen sich im Mannheimer Atlantis-Kino einer breiten Werkzeugpalette: Becken, Steeldrum, diverse Percussion-Instrumente, Laptops, Keyboards, Sampler. Doch sie tragen nicht dick auf. Sie untermalen Ruttmanns Schwarz-Weiß-Bilder in einer Weise, wie man es von guter Filmmusik erwartet. Zum Beispiel die berühmte Anfangssequenz, in der sich ein Zug der großen Stadt nähert und vorbeirauscht an Feldern und Stromleitungen; der Streifzug der Kamera durch die noch menschenverlassenen Straßen morgens um fünf; diese Bilder atmen fast ländliche Idylle. Dazu perlen helle Töne aus den Lautsprechern und schwirren die sanft angeschlagenen Becken, als wollten die Musiker den morgendlichen Tautropfen einen eigenen Klang verleihen. Mit dem Einsetzen der Maschinen in der Molkerei ändert sich die Atmösphäre – auf der Leinwand wie in der Musik. Ein Schaben ersetzt das Perlende.

Fortsetzung und Filmausschnitt aus »Berlin: Sinfonie der Großstadt« auf Seite 2 (vor)

Fortsetzung von Seite 1 (zurück)

BERLIN: SINFONIE DER GROSSSTADT: Der erste Akt aus Walter Ruttmanns Stummfilm (1927).

VIDEO: Walter Ruttmann – Berlin: Sinfonie der Großstadt

Villalobos bedient das Schlagzeug, sorgt für Percussion und Delays, Loderbauer verantwortet die am Ambient Sun Electrics geschulten Melodien und Effekte, von Oswald bastelt ebenso an den Melodien. Die Rollenverteilung bei der Live-Aufführung entspreche in etwa der des Komponierens, berichten die Musiker – wobei stets im Konsens gearbeitet worden sei.

    Es ist gerade ihre Zurückhaltung, mit der die drei Filmmusikdebütanten (lediglich Loderbauer hat einmal am Soundtrack für einen Zeichentrickfilm mitgearbeitet) mit ihrem »Cinemix« der Großstadtsinfonie die gut zweihundert Besucher der Uraufführung beeindrucken. Nur selten ahmt das Trio Geräusche des im Film Gezeigten nach, das Rascheln des Laubs im Wind, die Telefone und die Schreibmaschinen etwa. Die Versuchung muss bangesichts des Überangebots an wechselnden Bildern und Szenen in Ruttmanns Film groß gewesen sein. Umso besser, dass der Film nicht noch durch übermäßig viele Soundinformationen überfrachtet wird.

    Moritz von Oswald etwa packt seinen an Maurizios pumpenden Techno erinnernden Bass erst im fünften Akt des Films aus, wenn sich die Großstadt beim Sport und in Varietés amüsiert. Den Komponisten, so erzählt Villalobos später, habe daran gelegen, »Musik zu schaffen, die zeitlich nicht sofort zuzuordnen ist«. Bassdrums also nicht als Referenz an das blühende Technoleben des heutigen Berlin, sondern allgemein als zeitlose Chiffre für Körperlichkeit, Drängen und Suche nach Euphorie.

    Und – erstaunlich – während des wiederholten Blicks auf Ruttmanns rhythmisch geschnittene Bilder fällt auf, dass sich so viel gar nicht verändert hat seit den 1920er Jahren. Natürlich sehen die Häuser anders aus, die Kleidung und die Menschen selbst, auch die Züge und die Reklametafeln. Doch der selten einheitliche Rhythmus einer Großstadt, die handelnden Personen, die Choreografie der Massen zu den Stoßzeiten haben ihre Struktur bewahrt. Männer und Frauen gehen zur Arbeit,  Rollos werden heraufgezogen, Kinder spielen auf der Straße, in den Schaufenstern blinkt die Konsumwelt. Die Musik dreier moderner Musikproduzenten zur unvergänglichen Modernität von Ruttmans visueller Sinfonie: Das passt.

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .