!!! (Chk Chk Chk) im Interview

Wenn man über Vielfalt sprechen will, oder eher: über musikalische Vielfalt, dann kommt man nur schwer an !!! (Sprich: Chk Chk Chk) vorbei. Knapp drei Jahre nach ihrem letzten Album »Louden Up Now« kommentiert das anteilig auf sowohl Sacramento als auch Brooklyn, New York City verteilte Musiker-Kollektiv wieder den amerikanischen State of mind. Im Gegensatz zu 2004 geschieht dies allerdings abwechslungsreicher, akzentuierter, hintergründiger. Spex traf !!!-Sänger Nic Offer Ende Januar in Berlin zum Interview.

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Ich würde gerne bei dem letzten Stück Eures neuen Albums anfangen, dem für mich offensichtlichsten Zeichen dafür, dass sich »Myth Takes« deutlich von »Louden Up Now« unterscheidet. Als ich bei »Infinifold«, diesem letzten Stück, ankam, war ich ziemlich überrascht eine Ballade auf einem !!!-Album zu finden, und dann auch noch auf einem, das ansonsten so klingt, als wolle es nichts anderes als Spaß.
   
Ganz ehrlich: Das Stück haben wir eigentlich als House-Track geschrieben. Wir haben so ein wenig rumgescherzt, das Ding hätte rund 0 BpM wegen des fehlenden Beats.

Nunja, das Klavier hat Beat-Charakter…
    Klar. Aber man könnte es eigentlich auch auf 121 BpM hochziehen. Wir haben es auf einen House-Rhythmus geschrieben, den mochte ich eigentlich ziemlich gerne. Aber Justin (van der Volgen), unser Bassist Slash Producer hat dann einfach die Drums völlig rausgenommen und meinte: »Das muss so klingen!«
    Wir waren zwar Anfangs etwas überrascht, aber eben positiv überrascht. Das klang wie ein Stück das in der Ewigkeit der Nacht stattfinden könnte. Und als dann klar war dass die Drums auch wegbleiben werden waren wir uns sicher: »Das ist der letzte Song!« Es funktioniert als guter Abschluss der Platte.
    Ich könnte Dir aber auch folgende Antwort geben: In den 80ern hatte jede Hard-Rock oder Metal-Band – zum Beispiel Night Ranger – so einen Soft-Rock drauf, eine Ballade eben. Damals konntest Du kein Album rausbringen ohne Ballade. You couldn't have a Record without a song for the chicks!

Wobei !!! nicht als Band mit dem klassischen Hard-Rock-Gestus durchgehen würden…
    Naja, ich habe meinen Fuß auch gerne mal auf dem Monitor. Live sind wir ziemlich Rock'n'Roll.

Um auf »Infinifold« zurück zu kommen: Wenn ihr das finale Stück radikal anders als ursprünglich angelegt habt, Justin dem Stück also erst in der späteren Produktionsphase ein neues Gesicht verliehen hat, wie sehr trifft das dann Euren sonstigen Arbeitsrhythmus? Funktionierten so auch andere Dinge beziehungsweise das Album an sich?
    Wir verändern uns ständig während des Aufnahmeprozesses und das schlägt sich eben auch in den Stücken nieder. They're being changed until the day it's due! Wir arbeiten daran in ständiger Evolution, und vermutlich würde das auch so weitergehen wenn wir kein Abgabedatum hätten. Manchmal sind wir darin besser, manchmal schlechter.

Das heißt, Eure Stücke haben immer etwas modulares, dynamisches, aus deren Einzelteilen man Neues wachsen lassen kann. Ist so auch das Album entstanden? Ihr lebt ja über das Land verteilt, in New York City und Sacramento. Wie groß war das Verhältnis Eurer gemeinsamen Zeit im Proberaum zu diesen modularen Elementen?
    Vorneweg: Wir geniessen unsere gemeinsame Zeit, wenn wir für zwei Wochen auf Tour unterwegs sind. Nur dass wir uns dann vorher zwei Wochen lang treffen und drei Songs machen. Einige der Stücke entstanden so aus dem traditionellen, gemeinsamen Jamming. Andere haben wir voneinander getrennt geschrieben. »Infinifold« war so ein separiertes Ding. Allgemein haben wir allerdings wesentlich mehr getrennt voneinander gearbeitet als bei »Louden Up Now«. Das war der Vorteil bei diesem Album: Justin war eine Art Richter der vieles für uns entschieden hat. Das war auch ganz gut, weil wir dazu neigen uns ziemlich zu streiten, sobald es um unsere Musik geht. Es gab für uns dadurch auch eine neue Form der Kommunikation.

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Was erklären könnte, warum die Stücke auf »Myth Takes« leichter zugänglich und eingängiger ist. Als Ganzes ist es da meiner Meinung nach wiederum völlig anders. Bei »Louden Up Now« hatte man das Gefühl der ordnenden Struktur, ähnliche Dynamiken, Rhythmen, ein ganzheitliches Album, das aber auch Tribut vom Hörer verlangte. »Myth Takes« macht auf mich einen faserigeren Eindruck: So als würdet Ihr die Songs nicht mehr dem Ganzen unterordnen. Die Stücke funktionieren einzeln als Singles, beim Hören des Albums fehlt allerdings der Flow, der Euer letztes Album ausgemacht hat.
    Naja, es gibt ja verschiedene Wege ein Album aufzunehmen. Man kann sich zum Beispiel die Beatles ausgucken, deren Stücke sich ja meistens radikal voneinander unterschieden. So geht es mir bei den meisten Pop-Künstlern die mich beeinflusst haben: Deren Stücke weisen diese Radikalität auf, nicht wie ein zweites klingen zu wollen. Outkast haben auf »Stankonia« mit jedem Track etwas völlig anderes gemacht und hatten Glück, dass sie später auch als Ganzes schlüssig waren. Bei »Louden Up Now« dachten wir, mit jedem Song etwas radikal anderes zu machen. Um am Ende feststellen zu müssen dass das Album eben doch sehr homogen war. Und wir meinten nur: »Oh, fuck!«
    Deshalb haben wir auch dieses Mal stärker als bisher versucht, Distanz in unsere Stücke zu bringen. Distanz ist manchmal hilfreich: Sie lässt Dich eine Idee zweimal überdenken. Erst in der Produktion kommt dann alles wieder zusammen. Und trotzdem denke ich, dass dieses Album eine gewisse Story hat, eine Art Anker oder so…

Würdest Du sagen, dass sich diese Story im Gesamtkonzept, beginnend beim Artwork niederschlägt? Wenn man an »Myth Takes« denkt, dann ist man schnell bei Mistakes und von da ist es nur noch ein kurzer Gedankenschritt Richtung US-Kritik. Das religiöse Motiv mit den Archen einerseits, ein aktuelles Thema wie Klimawandel andererseits…
    Wir wollten uns dieses Mal einige moderne Märchen vornehmen. Ich hasse Leute, die sagen: »So schlimm wie heute war es noch nie« oder »Nichts ist mehr so wie es mal war!«. Das kann ich nicht ernstnehmen! Ich kann solchen Menschen einfach nicht mehr in die Augen schauen! Wir wollten ihnen mit Album und Cover zeigen: »Schaut her, wir hatten das alles schon einmal! Es ist genau so schlimm wie es schon immer war.«
    »Heart Of Hearts« ist für mich ein gutes Beispiel dessen, was ein modernes Märchen sein sollte. Statt des Ideals, des alten Mythos der Ehe die ewig hält bis man stirbt, könnte man vielleicht eher folgendes anbieten: Man trennt sich zwar, aber man findet neue Liebe. Das sollte meiner Meinung nach das moderne Märchen sein! Was das politische angeht: Wir wollten ein wenig zweideutiger bleiben, Assoziationsraum anbieten. Ich glaube, »Louden Up Now« war zu klar formuliert (Anm.: Siehe »Pardon My Freedom«). Ich wollte dieses Mal keine solch direkten Texte, deshalb habe ich eine Erzählstruktur gewählt, die eher hintergründig aufgebaut ist. Die Mehrdeutigkeit der Texte schlägt sich dann auch im visuellen nieder.

Gutes Stichwort: Von wem stammt Euer Artwork?
    Ein guter Freund von uns, Kevin Hooyman, hat es gestaltet. Er lebt in New York, im gleichen Haus wie Gorman (Dan) und John (Pugh). Bisher hat er einige Bücher gemalt, alles Comics, das ist einfach sein Style. It's always very dense! Normalerweise malt er nur schwarz-weiß, für uns hat er aber eine Ausnahme gemacht. Wir mochten seine Sachen immer sehr gerne und baten ihn etwas für »Myth Takes« zu machen. Die Idee für das Artwork kam alleine von ihm, wir stellten nur das übergeordnete Motiv. Ich glaube, Kevin hat mit dem Szenarion den Kern vieler moderner Mythen getroffen. Vor allem den, dass man am Ende einfach wieder alles aufbauen kann.

    Lass uns noch über Eure Videoästhetik sprechen: Das letzte Video zu einem !!!-Stück war meines Wissens nach »Hello? Is This Thing On?«, das wegen der Spielereien mit Super-8-Video, den Farb/Schwarz-Weiß-Kontrasten ganz interessant war, dessen wirklicher Reiz aber in dem hinzufügen größerer Pixelflächen während der Postproduction entstand. Ihr habt gerade ein Video für »Must Be The Moon«, der nächsten Single abgedreht, richtig?!
    Bei dem Video zu »Hello? Is This Thing On?« spielten wir mit Elementen der zwischenmenschlichen Verständigung. Man kann mit dem Video nicht so vieles sagen, deswegen wird es immer pixeliger. Und am Ende hat man eben gar keine Kommunikation mehr. »Must Be The Moon« haben wir vor einigen Tagen außerhalb von New York gedret. Ich mache darin mit paar Mädels rum, Phillis (Anm.: Forbes, wie Offer Ex-Musikerin von Out Hud) ist auch dabei. Natürlich nur zum Spaß: Phillis ist Justin's Frau. Das Video sollte zum Release rauskommen. Aber das wird im Gegensatz zu »Hello?…« eine Verpixelung nötig haben.
    Unser Regisseur wollte so eine Art »Kenneth Anger« kreiren und… Fuck! Ich habe seinen Namen vergessen (Anm.: Ben Dickinson). Es hat diesen 60s-Seance-Vibe. Eigentlich ist es relativ lächerlich, gleichzeitig sehr ironisch und auch dämlich. Wir hatten viel Spaß beim Dreh. Ich weiß nur sicher, dass meine Mom sich nicht darüber freuen wird.

»Myth Takes« ist am 05. März bei Warp Records im Vertrieb von Rough Trade. Das gesamte Album lässt sich über ihre Website streamen.
!!! live:
23.04. Berlin – Knaack, 24.04. München – Atomic Cafe, 25.04. Köln – Gebäude 9

 

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