Chile erlebt nach Jahrzehnten neoliberaler Politik ein kollektives Aufbegehren. Eine Reise durch Santiagos elektronische Musikszene in Zeiten der Revolte.

„Das Land, in dem der Neoliberalismus begann, ist auch das Land, in dem sein Ende beginnt.“ – Graffito im Zentrum von Santiago de Chile

Iarahei hat Mundschutzmasken mitgebracht. Gegen das omnipräsente Tränengas, das selbst an ruhigen Tagen wie diesem Sonntag in der Luft hängt. „Du wirst dich in den nächsten Wochen daran gewöhnen”, sagt sie. „Wir haben uns alle daran gewöhnt, leider.”

Nach einem halben Jahr in Europa bin ich nach Santiago de Chile zurückgekehrt, um mein Viertel in der Innenstadt komplett verändert vorzufinden. Gleich nach meiner Ankunft treffe ich mich mit der Sängerin und Produzentin Iarahei. Wir wollen durch die Nachbarschaft spazieren. Zur Plaza de la Dignidad, was übersetzt „Platz der Würde“ bedeutet. Bis vor wenigen Monaten nannten die Menschen von Santiago diesen Ort noch Plaza Italia. Das war vor den Demonstrationen, die dort seit dem 18. Oktober 2019 beinahe täglich stattfinden.

Die größten politischen Unruhen seit dem Ende der Diktatur von Augusto Pinochet (Illustration: Manuel Wesely).

Unser Spaziergang führt Iarahei und mich von meiner Wohnung aus durch das beschauliche, bei Tourist_innen beliebte Barrio Lastarria. Ich habe dieses Viertel aus meiner Kindheit etwas unaufgeräumt und heruntergekommen in Erinnerung. Aber auch das Barrio Lastarria hat sich im Laufe der Zeit an die Standards der globalisierten Gentrifizierung angepasst – samt Barber Shops und Flat-White-Kaffee. All das sehen wir auch heute. Und doch ist etwas anders. 

Ausnahmslos alle Häuserwände sind vollgesprüht, bemalt und plakatiert. Mit Parolen, Illustrationen und Fotomontagen, die die herrschenden Zustände kritisieren. Attacken auf den konservativen Geschäftsmann und Präsidenten Sebastián Piñera. Forderungen nach einer verfassungsgebenden Versammlung, die die bestehende Verfassung ablösen soll – ein Überbleibsel aus den Zeiten der Diktatur unter Augusto Pinochet. Vor allem aber: Sprüche gegen die pacos, die Bullen, die Carabineros de Chile.

Vor dem improvisierten Altar: Halstücher, Schutzbrillen, leere Tränengashülsen, Blumen

Unser Spaziergang durch die zona cero, wie das Epizentrum der Proteste genannt wird, führt uns auch zum Club Noa Noa. Dort werde ich während meines Aufenthalts in Chile jeden Donnerstag auflegen – auch zusammen mit Iarahei. Vor dem Eingang stutze ich kurz, denn ich erkenne den Ort kaum wieder. Ein riesiges „ACAB“-Graffito bedeckt ihn komplett. „ACAB”, dieses international bekannte Akronym für „All Cops Are Bastards”, ist in Santiago heutzutage an beinahe jeder Ecke zu sehen, in jedem öffentlichen Klo, an Bushaltestellen, auf Straßenschildern. 

Wir biegen in eine Gasse ein, die zur Alameda führt, der großen, emblematischen Allee der Stadt, und stehen plötzlich an einer Straßenecke, die zum Altar umfunktioniert wurde. Eine Wandbemalung gedenkt den Opfern aus der primera linea, den vermummten Kämpfer_innen, die die direkte Konfrontation mit den pacos suchen, und die sich mit aus Straßenschildern oder Satellitenschüsseln gebastelten Schutzschilden, Schleudern, Feuerwerkskörpern und Molotowcocktails an die vorderste Front der nicht enden wollenden Tumulte begeben. Vor dem improvisierten Altar liegen unterschiedliche Gaben und Reminiszenzen: Halstücher, Schutzbrillen, leere Tränengashülsen, Blumen. Und immer wieder: zwei verschiedene Fahnen, die „Wenüfoye“, die Fahne der Mapuches, der indigenen Bevölkerung Chiles, und die umgewandelte chilenische Nationalflagge, ganz in Schwarz, mit weißem Stern.

Ausnahmslos alle Häuserwände sind vollgesprüht, bemalt und plakatiert (Foto: Matias Aguayo).

Etwas hat sich verändert in Chile. Seit dem Beginn der Demonstrationen im vergangenen Oktober. Seit dem Beginn dieser Revolution, die gemeinhin als estallido social, als sozialer Knall  bezeichnet wird. Die Menschen haben den öffentlichen Raum, der im hyperneoliberalen Chile vormals nur zum Konsum und als Transitraum auf dem Weg zur Arbeit gedacht war, als etwas erkannt, das sie selbst gestalten können. Weshalb sich dessen Nutzung in den vergangenen Monaten radikal verändert hat. Ein Einschnitt, der sich auch in der Art und Weise niederschlägt, wie Menschen miteinander sprechen. Viele Sätze beginnen heute mit: „Seit dem estallido social … “ Es gibt aber noch eine weitere Formulierung, die sich dieser Tage durchzusetzen scheint: „Seitdem Chile vorbei ist …“ – „Chile se acabó“, ein Gesang, den ich in den kommenden Tagen immer wieder auf Demonstrationen hören werde.

Was Chile in diesen Tagen erlebt, sind die größten politischen Unruhen seit dem Ende der Diktatur von Augusto Pinochet. 30 Jahre nach deren Ende ist das Land geprägt von extremer sozialer Ungerechtigkeit, einer klaffenden Schere zwischen Arm und Reich. Etwa die Hälfte der Bevölkerung Chiles verdient weniger als 400.000 Pesos im Monat, was umgerechnet nur um die 500 Euro sind. Zugleich sind die Lebenshaltungskosten im Land unverhältnismäßig hoch. Die aktuellen Proteste begannen im Oktober 2019, mehr als 30 Menschen sind seitdem ums Leben gekommen. Erstmals seit der Pinochet-Diktatur wurde in Chiles Hauptstadt der Ausnahmezustand ausgerufen. 

Entzündet hatten sich die Proteste an einer Fahrpreiserhöhung um 30 Pesos im öffentlichen Nahverkehr. Aber es geht den Demonstrant_innen um viel mehr. Eine der Parolen, die in den ersten Tagen der Revolte ausgerufen wurde, lautete: „Es sind nicht 30 Pesos, es sind 30 Jahre!” 30 Jahre, die seit dem Ende der Diktatur vergangen sind. 30 Jahre, in denen das Land scheinbar demokratisiert wurde, in denen aber die neoliberale Politik beibehalten und noch verstärkt wurde, die durch das Militärregime  einst doktrinär und institutionell eingeführt wurde.

Unter der Gewaltherrschaft Pinochets wurde die Grundversorgung im Land komplett privatisiert

Ich treffe mich mit Carol Schmeisser vom feministischen DJ-Kollektiv Sensorama, zu dem auch die Produzentin Valentina Gonzales von der Electro-Band Les Premes und die DJ Valentina Millán gehören. Schmeisser ist Anwältin und Mitglied von Abofem, einer Organisation feministischer Anwältinnen. Wir unterhalten uns über die Geschichte Chiles, über die Diktatur und die Jahrzehnte, die auf sie folgten. Unter der Gewaltherrschaft Pinochets wurde die Grundversorgung im Land komplett privatisiert. Bildung, Gesundheit, selbst das Wasser befindet sich heutzutage in Privatbesitz. 

„Diese extremen neoliberalen Ideen, diese theoretischen Konzepte sieht man in konkreten Texten und allen Institutionen des Landes kristallisiert”, sagt Schmeisser. „Auch in der in den Achtzigerjahren installierten Verfassung.” Diese schütze sich in ihrer Struktur vor jedweder Reform, so die Juristin, und etabliere die Familie als den Kern der Gesellschaft. Eine Strategie zur Atomisierung der Gesellschaft. Der Versuch, die größtmögliche Fragmentierung zu schaffen, um jegliches soziales Netz zu zerstören. Genau das ist die bestehende Verfassung Chiles: die Institutionalisierung eines Hyperneoliberalismus, der sich komplett auf den Schutz von Privateigentum eingefahren hat, und eine totale Abschaffung des öffentlichen Raums vorantreibt. „Die Idee, dass man von der Arbeit nach Hause geht, und von zu Hause zur Arbeit“, sagt Schmeisser.

Es ist die Generation der Millennials, die diesen Aufstand initiiert hat (Foto: Matias Aguayo).

Diese neoliberale Doktrin wurde in Chile über viele Jahrzehnte mit Gewalt und sektenhaftem Fanatismus verbreitet. Und mit Erfolg. Sozialer Zusammenhalt existiert kaum mehr noch, Ideen wie Solidarität und Gemeinschaftssinn wurden erst aus den Institutionen, dann aus der Gesellschaft vertrieben. 

Und heute? Heute ist es vor allem die Generation der Millennials, die diesen sich nun über weite Teile der Bevölkerung verbreitenden Aufstand initiiert hat. Es waren Student_innen und Schüler_innen, die dazu aufriefen, die Barrieren der U-Bahn zu überspringen. Es waren Student_innen und Schüler_innen, die die Universitäten besetzten und so das segregationistische System der PSU, einer Art Eignungstest für den Hochschulzugang, zum Stillstand brachten. Es ist die Generation, die die Diktatur nicht miterlebt hat, die sich nun der so tief in die chilenische Mentalität eingeschriebenen Lebensweise von Konsum, Konkurrenz und krassem Individualismus entledigen will. Und die – im Gegensatz zu den Erwartungen der Regierung – breite Solidarität aus der ganzen Bevölkerung erfährt.

Auch der Feminismus spielt eine fundamentale Rolle in den aktuellen Protesten. Die Kundgebung zum Frauenkampftag am 8. März in Santiago war die weltweit größte, gefolgt von einem feministischen Generalstreik. Zur feministischen Hymne des Tages wurde „Un violador en tu camino“ („Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“) der Performancegruppe Las Tesis aus der Hafenstadt Valparaíso. Ihre anderthalbminütige Choreografie fand weltweit Nachahmerinnen, die den Instruktionen von Las Tesis folgten: ein Outfit wie für eine Techno-Party oder einen Rave, dazu die Augen mit einem schwarzen Tuch verbunden. Zu verschiedenen simplen Tanzschritten skandieren sie einen Sprechgesang: „Das Patriarchat ist ein Richter, der uns für unsere Geburt verurteilt, und die Strafe ist die Gewalt, die du nicht siehst.“ Immer und immer wieder münden sie mit erhobenem Zeigefinger im Refrain: „Und es war weder meine Schuld, noch die Schuld des Ortes, an dem ich war, noch die Schuld der Kleidung, die ich anhatte, – der Vergewaltiger warst du!“

„Tanzen ist dieses Mal nicht genug”, sagt Produzentin Valentina Gonzales

Das Nachtleben kam durch die Proteste, vor allem aber durch die von der Regierung erlassene Ausgangssperre zunächst komplett zum Erliegen. Auch sah sich die Szene gezwungen, ihr eigenes Schaffen zu hinterfragen. Valentina Gonzales vom Kollektiv Sensorama sagt dazu: „Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir unsere politischen Positionen als Musiker_innen, DJs, Produzent_innen und Künstler_innen erkennen und artikulieren müssen.” Die Musikszene von Santiago müsse sich selbst erziehen, sagt Gonzales, sie müsse die Umstände verstehen, unter denen sie arbeitet und funktioniert. „Tanzen ist dieses Mal nicht genug, Musik ist nicht genug, nicht jetzt. Es muss mehr sein. Wir haben die Kraft, Leute zu mobilisieren, wir haben uns nur bis dato noch nie wirklich gefragt, was wir mit diesen Möglichkeiten machen können.“ 

Die Fragen, die sich Sensorama und andere Künstler_innen stellen, gehen tief: Kann Musikproduktion überhaupt revolutionär sein? Oder ist die Idee des Produzierens und Veröffentlichens an sich schon eine neoliberale?

Die Situation der lokalen Community für elektronische Musik in Santiago war immer schon prekär. Das Nachtleben in Chile und die Nutzung des öffentlichen Raums sind seit jeher kriminalisiert. „Deshalb ist für uns auch der Begriff des Widerstands so zentral“, sagt Gonzales, „Widerstand bedeutet in Santiago schon, einen Platz für sich selbst und andere zu schaffen. Wir müssen nach illegalen Orten Ausschau halten und aufpassen, dass wir nicht bei aktiver Beteiligung erwischt werden.“

„El violador eres tú” – „Der Vergewaltiger bist du“, skandiert die feministische Performancegruppe Las Tesis (Foto: Matias Aguayo).

Räume schaffen will auch das queere Partykollektiv Holograma. Seine Partys beginnen mit einer Gesprächsrunde, am Eingang werden die Gäst_innen persönlich begrüßt und mit der safer space policy des Clubs vertraut gemacht. Und die hat im Kontext der aktuellen sozialen Proteste noch einmal eine andere Qualität gewonnen. An einer Wand des Clubs hängt ein Plakat, darauf ein blutendes Auge – in Gedenken an die vielen Verletzten, die durch Gummigeschosse ein Auge verloren haben. Das Blut, das aus dem Auge fließt, formt die geografischen Umrisse Chiles. Daneben steht: „Kein Vergeben, kein Vergessen“. 

Ich spreche an diesem Abend lange mit Vicente und anderen Personen von Holograma, frage nach der Motivation für diese Art von Veranstaltung. Das Team von Holograma hat sich seit Beginn der Proteste immer wieder getroffen und mit Gäst_innen ausgetauscht, um über ihr weiteres Vorgehen zu beratschlagen. Sollte man jetzt Plätze besetzen? Sollten sie ihre Veranstaltungen von der Nacht auf den Tag verschieben, um sich mehr der restlichen Gesellschaft zu öffnen? Vicente zeigt die Zusammenhänge auf zwischen dem struggle der Community im Kleinen und den gesellschaftlichen Problemen im Großen – und das Potential, das in einem Austausch von Ideen steckt: „Wir wollen unsere eigene Revolution zeigen, aus unserem Blickwinkel. Weil wir merken, dass viele Themen, für die gerade gekämpft wird und über die die Leute jetzt sprechen, Themen sind, die wir in unseren Communitys schon lange behandeln. Einen Lebensstil grundsätzlich in Zweifel zu ziehen, zum Beispiel. Wie wir miteinander arbeiten und umgehen.” Cristóbal, ein weiteres Mitglied von Holograma, fügt hinzu: „Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen, haben uns gefragt, wie wir weitermachen sollen. Dann haben wir gemerkt, dass wir mit unserem Protokoll, an dem wir schon etwa ein Jahr arbeiteten, eigentlich etwas in der Hand haben, was sich in die ganze Situation einfügt.“

Nach ihrem Set setzt sich Valentina Millán von Sensorama zu uns. Auch sie fragt sich, wie sie mit ihrer Arbeit aus der Dance-Community heraus zur gesellschaftlichen Veränderung beitragen kann. Die aktuellen Zustände, so Millán, seien ja ein Beweis dafür, dass alles, was bisher getan wurde, nicht funktioniert hat. „Die traditionellen Formen der Politik bewirken nichts. Wir müssen auf andere Weise ein Gemeinwesen generieren.”

Die Grenzen zwischen Clubkultur und öffentlichem Raum aufweichen

Maxi Cat ist ein junger Produzent und DJ aus Santiago, Mitglied der Band Los Barbara Blade und Mitbegründer der Partyreihe „Baila como quieras“ („Tanz, wie du willst“). Eine Veranstaltung, die tagsüber stattfindet und deren Policy lautet: keine Schuhe, kein Alkohol, freier oder sehr preiswerter Eintritt, Wasser umsonst, und keine Altersbeschränkung. Das Ziel von „Baila como quieras“ ist, die Grenzen zwischen Clubkultur und öffentlichem Raum aufzuweichen. Hier läuft experimentelle und populäre Musik, es wird freizügig getanzt zu Rhythmen aus aller Welt, ohne Beschränkung auf irgendwelche Genres. Das Publikum ist eine bunte Mischung aus Raver_innen, Nachbar_innen und Passant_innen. „Die Proteste wollen das Paradigma verändern, unter dem wir leben”, sagt Maxi. „Das Paradigma, das besagt, dass Privatbesitz wichtiger ist als das Leben und unter dem die reichen Leute immer gewinnen. Damit fing alles an. Und als das Militär auf die Straße geschickt wurde, hatten die Chilen_innen endgültig die Schnauze  voll.“

Zusammen mit seiner Partnerin Flavia Furtado dreht Maxi seit dem estallido Kurzfilme. Die Videos zeigen Polizeigewalt, sie zeigen die Barrikaden, die von Polizist_innen selbst errichtet und für deren Bau später Demonstrant_innen bezichtigt wurden, sie zeigen die Reaktionen der Menschen. Für Maxi handelt es sich bei dieser Arbeit um kein ästhetisches Unterfangen, die Filme geben keinerlei Aufschluss über ihre Urheber_innen. Vielmehr sollen sie schlicht das zeigen, was jeden Tag in Chile passiert: „Wir haben Angst vor Staat und Polizei“, erklärt er. „Die vollziehen illegale Festnahmen anhand von Posts in den sozialen Medien, lassen rund um die Uhr Helikopter über Santiago kreisen, nur um den Menschen den Schlaf zu rauben.“  

Maxi und Furtado gehören zum harten Kern der Proteste, jeden Tag finden sie sich im Zentrum der Stadt ein. Dort beobachten sie teils besonders krude Vorgehensweisen der Staatsmacht: Wenn die Proteste klein seien, erzählt Maxi, also nur wenige Hundert Leute, schlage die Polizei besonders hart zu: „Dann zielen sie mit Gummigeschossen direkt auf die Augen der Demonstrant_innen.“ Seiner Einschätzung nach sei es sicherer, auf die Großdemos zu gehen. Aber selbst diese endeten meist in Gewalt: „Weil die pacos einfach Psychos sind“, sagt Maxi. Er erzählt mir davon, wie die Leute von „Baila como quieras“ vor einer Weile in die Kleinstadt Rungue gefahren sind, um dort für Schulkinder Musik zu machen. Rungue liegt etwa eine Autostunde nordwestlich von Santiago und ist im Rest des Landes vor allem für seine besonders hohe Umweltbelastung durch Kupferminen und als Abladefläche für einen Großteil des Mülls aus der Hauptstadt bekannt. „Tod und Müll sind dort überall“, erzählt Maxi. „Kinder werden mit Krebs geboren und die empresarios, die Großgrundbesitzer_innen, die die Stadt vergiftet haben, sitzen in Piñeras Kabinett.“ Man merkt ihm an, wie sehr ihn die Verhältnisse belasten. „Aber wenn wir dem Ganzen den Rücken kehren, wird’s nur noch schlimmer. Das ist unsere Verantwortung.“ 

Negro Matapacos, der „schwarze Bullenkiller”, ist zu einem Symbol der Bewegung geworden (Foto: Matias Aguayo).

Kürzlich hat Maxi mit ein paar Freund_innen eine Auswahl von Demo-Parolen in verschiedenen Geschwindigkeiten aufgenommen, um damit zu experimentieren. Ein paar Tage später spielt er mir die Aufnahmen in meiner Wohnung vor. Wir beschließen, Beats um die Schlachtrufe herum zu produzieren, um diese dann von einer Boombox auf Rädern auf der nächsten Demo abzuspielen. Einfach, um zu sehen, was passiert. Wir entscheiden uns für minimalistische, raue Rhythmen, die Rufe sollen im Vordergrund stehen. 

Am darauffolgenden Freitag treffen wir uns und ziehen mit Helmen, Schutzbrillen und Mundschutz los. Die überbordende Fantasie, die man in der ganzen Stadt in Graffiti und Wandmalereien beobachten kann, ist auch auf den Demos zu spüren. Als seien Instagram-Profile zu Fleisch geworden, trägt hier jede_r  den eigenen ästhetischen Ansatz in die Welt. Das altlinke Dogma roter Fahnen und erhobener Fäuste ist zugunsten von so bizarren wie diversen Erscheinungen gewichen. Etwa der sogenannten „Otaku-Antifa“, die in Katzenmasken auftritt. Dazu sieht man Aliens, Dinosaurier oder die allseits beliebte Tante Pikachu, die zwischen Demonstrant_innen durch die Gegend hüpft, die ihr „Baila, Pikachu!“ („Tanz, Pikachu!“) zurufen.

Die riesige Pappstatue eines schwarzen Hundes mit rotem Halstuch wird durch die Menge geschoben. Es ist Negro Matapacos, zu deutsch in etwa: „der schwarze Bullenkiller”. Der Hund selbst ist mittlerweile tot, weil er aber früher bei allen Demos dabei gewesen ist, ist er zu einem Symbol der Bewegung geworden. Heute sind besonders viele Fahnen der lokalen Fußballklubs zu sehen, allen voran die populärsten Teams Colo Colo und Universidad de Chile. Die verfeindeten Fanlager „Garra Blanca“ und „Los de Abajo“ rollen ein riesiges Transparent aus auf dem steht: „Wenn die Unterdrücker nicht fallen, wird es keinen Fußball geben“. Am Tag zuvor wurde ein Fan vor einem Stadion von einem Polizeiwagen angefahren und tödlich verletzt. Den heutigen Aufmarsch dominieren Fahnen unterschiedlicher Fußballteams. In der Menge kann ich auch eine Sankt-Pauli-Fahne ausmachen.

Der Nachmittag könnte kontrastreicher nicht sein. An einer Ecke liefern sich Polizei und Demonstrant_innen erbitterte Gefechte, einen Häuserblock weiter sitzen Leute in einem Straßencafé. Wenig später sehen wir, wie ein Bus abbrennt, zeitgleich werden in kurzer Entfernung Bier, Hot Dogs und Joints zum Verkauf angeboten. Eine ältere Frau geht lächelnd und resolut auf uns zu und fragt uns, ob wir schon zu Mittag gegessen hätten. Wir verneinen – und folgen ihr in eine Seitenstraße. Dort haben Anwohner_innen einen Essensstand aufgebaut. Geld wollen sie nicht, alle Gerichte sind gratis. „Wir kochen hier für die kämpfende Jugend, weil sich niemand fürsorglich um uns gekümmert hat, als wir jung waren und gekämpft haben”, sagt die Frau. Heute gibt es Gemüserisotto, Tomatensalat und eine Banane zum Nachtisch. „Alles immer vegan bei uns, das wollen die Kids so.“ Das Essen schmeckt vorzüglich. Um uns herum sitzen hauptsächlich Jugendliche, die eine Pause machen, um sich zu stärken.

Sie sprühen uns Bikarbonat ins Gesicht, das die Schmerzen und die Atemnot lindert

Wieder auf der Demo angekommen, spielen wir unsere Rhythmen ab, die für sich genommen zwar gut klingen, im Lärm des Protests aber untergehen. Als das Tränengas dichter wird, nähern wir uns den ebenfalls mit Helmen und Schildern geschützten rescatistas, Gruppen von medizinischem Personal, größtenteils in Ausbildung, die in Eigeninitiative Erste Hilfe leisten. Sie sprühen uns Bikarbonat ins Gesicht, das die Schmerzen und die Atemnot lindert. Im Tumult brechen wir unsere Aktion ab und beschließen, einen vorher verabredeten Besuch in der Galería CIMA zu machen, einer Galerie für zeitgenössische Kunst, von deren Terrasse man direkt über die Plaza de la Dignidad blicken kann. Seit dem Aufstand ist die Galerie geschlossen, jedoch haben ihre Betreiber_innen eine Kamera installiert, die 24 Stunden am Tag auf den Platz gerichtet ist und die Bilder live auf Youtube überträgt. Sie gilt seitdem als wichtige alternative Informationsquelle.

Trinidad Lopetegui, die Betreiberin der Galerie, hatte schon vor Jahren die Idee, eine Kamera an diesem Ort zu installieren: „Weil hier einfach viele Sachen passieren“, erklärt sie uns. „Das ist hier ein neuralgischer Punkt von Santiago, aber irgendwie haben wir die Sache nie konkretisiert.“ Nun aber war die Situation eine andere. Als die Galerist_innen um Lopetegui es trotz der Repressionen zum ersten Mal seit Beginn des estallido in ihre Räumlichkeiten schafften, wurde ihnen die Bedeutung des Überblicks klar, der sich ihnen von hier oben bot. Sie begannen sofort, live über Instagram zu senden. Das war aber keine dauerhafte Lösung, weswegen sie kurz darauf die Überwachungskamera, die eigentlich die Galerie schützen sollte, auf die Terrasse holten und mit dem Streaming begannen. „Die gab dann nach 46 Tagen den Geist auf“, sagt Lopetegui. „Wir setzten sie ja auch größtem Stress aus.“ Die nächste Kamera finanzierte innerhalb kürzester Zeit eine Crowdfunding-Kampagne. „Jetzt haben wir eine richtig gute, auf der man auch mehr sehen kann“, sagt Lopetegui.

Javiera González hat als Performerin und Sängerin unter anderem mit dem deutschen Techno-Musiker und Produzenten Tobias Freund zusammengearbeitet. Heute steht auch sie auf der Terrasse der Galería CIMA. Für die Musikerin ist die Bedeutung des dauerhaften Streaming kaum zu überschätzen. Schließlich habe sich die chilenische Bevölkerung gerade zu Beginn der Proteste einer extremen Desinformationskampagne ausgesetzt gesehen: „In den ersten Tagen war es sehr beklemmend, nicht zu wissen, was genau gerade passiert“, sagt González. Was war mit den Leuten, die man verhaftet hatte? Was mit den Toten, die auf den Straßen lagen? Das Fernsehen lieferte keine Antworten: „Da sahst du nur diese Journalist_innen, diese Söldner_innen genau jener Bourgeoisie, die sich jahrelang bereichert hat, die der Bevölkerung Quatsch erzählten.“ Der Live-Stream aber unterwanderte in González’ Augen diese Kampagne: „Wir waren dankbar. Es gab im Stream keinen Kommentar, keine Verfälschung“, sagt sie. „Sondern einfach diese Kamera, mit niemanden dahinter, der dir erzählt, was du sehen sollst.“ 

„Wir haben Angst vor Staat und Polizei“, sagt Produzent und DJ Maxi Cat (Foto: Matias Aguayo).

Die Galerie sei dadurch zu einem starken Symbol geworden, sagt González. Einem, das nichts mit Profit zu tun hat, einem „Bild von Konsequenz, welches uns dazu aufruft, uns neu zu erfinden, uns zu fragen, wie wir von dem, was wir machen, leben können, ohne auszubeuten, ohne zu verkaufen.“ Trinidad ergänzt, dass sämtliche großen Fernsehsender mit der Frage auf sie zugekommen seien, wie viel Geld sie denn für eine Sendeerlaubnis von der Terrasse verlangten. Das Team lehnte stets mit derselben Antwort ab: Sie teilten die politische Haltung der Sender nicht und seien an keiner Zusammenarbeit interessiert. „Lediglich unabhängige Journalist_innen oder Künstler_innen dürfen hier filmen“, sagt Trinidad.

Wir lehnen uns über die Balustrade und beobachten das Treiben von oben. Zwischenzeitlich ist es dunkel geworden. Laserpointer tauchen den Platz in grüne, manchmal blaue Streifen. Mit ihnen werden Hubschrauber, Wasserwerfer und Polizisten geblendet. Es fliegen weiterhin Feuerwerkskörper, die Luft ist schwer vom Tränengas. Die Polizei durchkämmt den Platz in voller Kampfmontur, um ihn zu leeren. Mithilfe von Motorrädern, Pferden, Wasserwerfern und Panzern schaffen sie es langsam, die Demonstrant_innen zu verdrängen und die Rufe zum Verstummen zu bringen.  Nach einiger Zeit ist die plaza komplett von Polizist_innen und ihren Fahrzeugen besetzt. 

Ende April soll in Chile eine Volksabstimmung stattfinden. Es geht um das Ja oder Nein zu einer Versammlung, die eine neue Verfassung erarbeiten soll. Der März hat bereits kämpferisch begonnen, irgendwo zwischen Angst vor neuen Repressionen, Wut über die herrschenden Zustände und der Hoffnung, dass dieser bittere Kampf für eine bessere Gesellschaft irgendwann Früchte trägt.

Maxi Cat meint, jetzt sei es Zeit, die Boombox wieder auszupacken. Wir stellen sie auf der Terrasse auf, unsere Tracks mit den Parolen gegen Polizeigewalt fluten den Platz. Vereinzelt stimmen die Menschen unten mit ein. Wir verstecken uns hinter der Veranda und halten die Boombox hoch. Verborgen bewegen wir uns zu den Rhythmen, während die Polizei beginnt, in unsere Richtung zu leuchten. Wir bekommen es mit der Angst zu tun, doch wir lassen die Beats weiter erklingen. Auch im Livestream sind sie zu hören. Die Demo geht unsichtbar weiter.

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