Chicks On Speed Artstravaganza

Nehmt eure Daten in die Hand, wir stürzen das System! Chicks On Speed begrüßen auf ihrem neuem Album, Artstravaganza, u. a. Julian Assange und Yoko Ono.

Wir lieben die Daten, und die Daten lieben uns, schreibt der Medientheoretiker Roberto Simanowski sinngemäß in seinem kürzlich erschienenen Buch Data Love. Chicks On Speed machen dieses wechselseitige Begehren seit vielen Jahren produktiv und bestellen und versenden Daten auf allen Kanälen. »Wir sind Daten« heißt denn auch ein Stück auf Artstravaganza, in dem der österreichische Medientheoretiker und -künstler Peter Weibel murmelt: »Wir schwimmen und ertrinken in Daten«.

Mit ihrem Gesamtpaket aus Performance, Musik, Mode und Medienaktivismus sind Chicks On Speed zur globetrottenden Firma geworden; es gibt kaum ein renommiertes Medienkunst- oder Medientheoriefestival, das ohne einen Beitrag der Chicks auskommt. Kritiker meinen, sie seien damit zum kuratorenfreundlichen Begleitprogramm geworden und ihre schrille Systemkritik sei längst zur schmerzfreien Agit-Techno-Folklore verkommen. Auch die neueste Veröffentlichung ist eine transdisziplinäre Angelegenheit an der Grenze zum Informations-Overkill, parallel zum Album erscheinen sechs Musikinstrumente als Apps. Als Kollaborateure sind unter anderen Julian Assange, Francesca von Habsburg, Yoko Ono, Anat Ben David und eben Peter Weibel dabei.

Angesichts der Multitasking-Manie mag die Musik fast Nebensache sein, doch finden sich auf Artstravaganza einige gelungene Tracks, die sich zwischen Techno, Art-School-House und Postpunk bewegen. Besonders inspirierend sind jene Passagen, in denen klassische Retro-Rave-Pianos oder eine »Pump Up The Jam«-Reverenz klare Reiz-Reaktions-Verhältnisse schaffen. Wie gehabt optimieren COS solche Signal-Sounds mit eindringlichen Signalwörtern, die sie im Sinne einer strategischen Bejahung der weiblichen »Hysterie« im Over-the-top-Modus deklamieren: »Utopia!« »Smash the system!« COS sind ihren Themen treu geblieben. Ebenso übrigens ihrer Vorliebe für Eurotrash und Afterhour-Kitsch.

Wie gehabt wollen COS die blöden Systeme – Kunstbetrieb, Musikbusiness, Fashion, Kapitalismus – von innen angreifen und unsere Nervenkostüme zerrütten. Aber der subversive Attackegestus, der in den Nullerjahren noch zeitgenössisch gewesen sein mag, wirkt stellenweise allzu routiniert, in den fadesten Momenten schlichtweg dated. Interessanter wird es, wenn Verschrobenes Eingang findet und in »Peter On Acid« nochmals Weibel zu Wort kommt. Schwer schnaufend schleppt sich sein wirrer Diskurs-Schmäh durch den ebenso langsam schleppenden Acid-Track. Ob Weibels Körpergeräusche gemeint sind, wenn es auf der COS-Webseite heißt, Artstravaganza sei eine »Kollision der analogen und digitalen Welten«? Die vertrauten COS-Konventionen sprengt an anderer Stelle ein schier endloser No-Wave-Saxofon-Exkurs. Von einer solchen weniger hyperaktiven, wenn man so will: romantischeren Datenliebe hätte durchaus mehr ausgelebt werden dürfen.

 

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