In Chernobyl gibt es kein Heldentum, weil das der Realismus der Serie nicht erlaubt. Damit folgt sie dem Zynismus der Realpolitik. Oder warum müssen mitten in der Klimakrise ausgerechnet Kohlekumpels den Karren aus dem Dreck ziehen?

Chernobyl ist die beste Fernsehserie aller Zeiten. Das zumindest sagen die Abstimmungsergebnisse auf der Internet-Datenbank IMDB, wo die Serie nach über einer Viertelmillion Abstimmungen eine Nachkommastelle über dem bisherigen Spitzenreiter Breaking Bad rangiert. Das heißt nur eben nicht, dass keine Kritik an Craig Mazins HBO-Blockbuster geübt würde, im Gegenteil. Recherchewütige Zuschauer_innen und Journalist_innen decken mit rührender Akribie noch so jede kleine historische Ungenauigkeit des monumentalen Fünfteilers auf. Dieses stimme nicht, dort würden Sachverhalte falsch dargestellt und überhaupt seien die breiten britischen Akzente der Darsteller_innen in der Sowjetunion der Jahre 1986 und 1987 ja nun wirklich fehl am Platz. 

Die einzigen Helden sind staubverschmiert, laut und ungeschlacht (Foto: HBO, Bearbeitung: SPEX).

Derlei Einwände lassen sich einfach abwiegeln: Chernobyl ist eine Fernsehserie, kein Dokumentarfilm, und kann sich deshalb Lizenzen nehmen. Im Abspann wird dann auch der größte fiktive Eingriff – die Erfindung der Figur Ulana Khomyuk als pars pro toto für die vielen Helfer_innen des Wissenschaftlers Valery Legasov – selbst herausgestellt. 

Doch ist es vielleicht auch kein Zufall, dass sich die Erbsenzählbrigade auf die Serie schmeißt. Denn schließlich verpflichtet diese sich selbst bis hin zum letzten Lampenschirm einem hyperpeniblen Realismus. Alles ist in die muffigen Pastelltöne der letzten Sowjet-Jahre getaucht, selbst Hildur Guðnadóttir klapperte gemeinsam mit Field-Recording-Don Chris Watson für ihren kongenialen Soundtrack Kraftwerke ab, um aus der dortigen Geräuschkulisse Musik zu machen. Das alles verleiht Chernobyl seine ästhetische und emotionale Schlagkraft. Alles wirkt, ohne dass es etwa durch dramatische Streicher oder allzu krass menschelnde Binnenhandlungen befeuert werden müsste, unheimlich eindrücklich. 

Niemand in Chernobyl handelt aus reinem Heldenmut heraus

Obwohl es zuerst erfrischend sein mag, dass auch mal Sowjetfiguren über den Bildschirm huschen, die weder eine mit Orden behängte braune Uniform tragen, noch allerhand versoffenen und niederträchtigen Scheiß von sich geben, fällt selbst der Werdegang des Protagonisten Legasov recht unscheinbar aus: Er wird gerufen, erkennt die Gefahr, versucht das Schlimmste zu verhindern und riskiert dabei seine Gesundheit. Er schickt gleichzeitig aber auch andere ins Verderben und lässt zum Ende hin erst während eines Schauprozesses die Bombe platzen. Ohne jegliche Konsequenzen, wie ihm ein Chairman des KGB danach klarmacht: „You are not brave. You are not heroic. You are just a dying man who forgot himself.” Es bleibt ihm nichts übrig, außer die Wahrheit für die Nachwelt auf Kassette zu bannen – und dann der Strick.

Was der KGB-Mann dem Wissenschaftler in den letzten Minuten eintrichtert, ist dabei nur folgerichtig. Denn Chernobyl ist als Serie dermaßen realistisch gehalten, dass es in ihr keinen Platz für Heldentum gibt. Legasov ist kein Aufständischer, der gegen das korrupte System revoltiert, sondern selbst – auch daran erinnert ihn der KGB-Mann – Zahnrädchen und Nutznießer desselben. Auch die vielen Nebenfiguren sind in erster Linie durch ihre Funktion, nicht durch ihre individuellen Eigenschaften oder gar ihre Psyche von Belang für diese Serie. Der junge Soldat Pavel etwa durchläuft nach seiner Ankunft in der Sperrzone lediglich eine Art Zwei-Schritte-Entwicklung: Es gibt nur ein Vor und ein Danach des Tötens der kontaminierten Tiere. Wichtig ist aber in erster Linie die Vermittlung der Auswirkungen der Katastrophe für ein Publikum. Eine (Kurz-)Geschichte, wo sich das Drama in Zahlen nicht ausdrücken ließe. 

Ähnlich verhält es sich mit Boris Shcherbina, der sich schnell vom unwilligen Apparatschik zum Helfer Legasovs mausert, dabei aber zynisch bleibt: Er weiß, dass das System nicht aufzuhalten ist, dass sein Opfer vergeblich war: „I wasted it all for nothing.” Auch die resolute Khomyuk kann nicht zur Heldin werden, weil ihr dafür schlicht die Macht fehlt. Ihr größter Erfolg ist, dass Legasov am Ende doch endlich die Wahrheit sagt – eine Wahrheit, die erst dann richtig gehört wird, als das System schon längst wieder Geschichte und er selbst tot ist. Da hilft es kaum, dass sich Shcherbina und Legasov kurz vor Prozessende noch mal gegenseitig einreden, dass der jeweils andere der einzig wahre Held gewesen sei: Keiner von ihnen ist einer, weil ihre Handlungen fast vollständig ohne systemische Konsequenzen bleiben.

Chernobyl konstruiert so in seiner Erzählstruktur eine Art von kommunistischen Realismus analog zum kapitalistischen Realismus, wie ihn Mark Fisher vor zehn Jahren beschrieb: Alle wissen, dass das große Ganze nicht zu verändern ist, dass der Apparat weiter walzen wird und – eine arge Ironie, so gesehen die Hufeisentheorie der politischen Ökonomie – ausgerechnet der Kommunismus selbst in seiner Produktionswut für die Menschen die größte Gefahr darstellt. Niemand in Chernobyl handelt aus reinem Heldenmut heraus, sondern vor allem zum Zwecke der Schadensbegrenzung, getrieben von purer Realpolitik. Das eben macht die Serie zu einem konzisen Kommentar auf unsere Zeit – wenngleich unter umgekehrten Vorzeichen.

Das eigentlich Irreale an Chernobyl ist nämlich genau jener Moment, in dem die vermutlich einzigen heldenähnlichen Charaktere die Bühne betreten. Sie sind staubverschmiert, laut und ungeschlacht, machen Witze über das marode Sowjetsystem und rauchen wie die Schlote, deren Futter sie zutage fördern: Bergmänner eben. Als ihr Vorsteher Glukhov vom Kohleminister Shchadov für die Rettungsmission engagiert wird, weigert der sich zunächst und übernimmt erst dann den Job, als Shchadov zugibt, dass er selbst nicht genau weiß, was zu tun ist. Erst die Ohnmacht des Apparatschiks mobilisiert die Arbeiter, die beim Aufbruch ihre Hände an seinem Zwirn abklopfen. Die Symbolik ist, wie es der Realismus der Serie verlangt, eindeutig: Es ist das Volk, nicht das System, auf dessen Schultern das Leben von Millionen von Menschen ruht. 

Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Kohlekumpels in einer Geschichte über die verheerenden Folgen einer atomaren Katastrophe zu Dei Ex Machina werden. Denn die Szene rekurriert auf ein politisches Klima außerhalb der Serienrealität, in der das tatsächliche Klima immer bedeutender wird. Atomkraft galt einst als saubere und – bis mindestens zum historischen Chernobyl-Unglück – sichere Alternative zur Kohlekraft, die seit der industriellen Revolution maßgeblich die heutige Klimakrise mit angetrieben hat. Dass in Chernobyl die Vertreter eben jener Industrie als Retter in Szene gesetzt werden, wirkt da merkwürdig deplatziert. 

Der Realismus von Chernobyl ist einer knallharten Realpolitik verpflichtet

Es spricht vielleicht aber auch schlicht dafür, dass der Realismus der Serie weniger einer differenzierten Kritik des Sowjetsystems sondern vielmehr derselben knallharten Realpolitik verpflichtet ist wie ihre Figuren: Es wird erst dann in die Hände gespuckt, wenn alles schon zu spät ist. Und selbst dann trägt sich niemand mehr mit der Hoffnung, dass eine Änderung auf globaler Ebene noch möglich sein könnte. Denn letztlich ist das doch das große Skandalon von Chernobyl, das parallel zum Skandalon unserer Zeit steht: Erst die absolute Katastrophe bringt überhaupt noch Konsequenzen mit sich, wenngleich keinerlei systemischen.

Was also erzählt Chernobyl mit seinem detaillierten Realismus? Was drückt es durch die Aussparung jeglichen Heldentums aus? Vor allem eins: Es gibt es, dieses Richtige, das zu tun wäre. Es gilt für Legasov ebenso wie die Kohlekumpels, ein persönliches Opfer für das Wohl aller zu bringen. Das System dahinter bleibt davon aber unberührt, weil es nicht konsequent – idealistisch oder gar heldenhaft – infrage gestellt wird. Es steht einfach monolithisch da, inkompetent und korrupt, bürokratisch und unveränderlich. Beruhigend daran ist nur, dass sein Untergang vorprogrammiert ist. Auch in dieser Hinsicht drängt sich eine Parallele auf, die zum ökonomisch-politischen Systems nämlich, welches Ende der Achtziger das Rennen machte – und die Dinge dann nicht wirklich besser.

In fünf Teilen bringt Chernobyl somit meisterhaft den Zynismus auf den Punkt, der seit dem Fall des Eisernen Vorhangs einem politischen Ohnmachtsgefühl gewichen ist. Denn so wie mittlerweile ein_e Politiker_in der dank Klimakrisendebatte im Aufschwung befindlichen Grünen den Kapitalismus verteidigt und damit die Konsequenzlosigkeit der neoliberalen Sozialdemokratie gegenüber systemischen Übeln ausdrückt, so lädt Chernobyl als Serie die Schuld am Ganzen auf einem System ab, das nicht mehr existiert. Und doch strahlt der Reaktor 4 in Chernobyl noch freudig vor sich hin, und doch pumpen immer noch Kohlekraftwerke ihre Emissionen in den Himmel, weil das ein quicklebendiges System im Namen der Akkumulation einfordert. 

Der Realismus von Chernobyl ist einer Realpolitik verpflichtet, die eine dezidiert kapitalistische und damit zerstörerische ist. Das ist der eigentlich schwerwiegende Fehler dieser ansonsten brillanten Serie, die keineswegs verpflichtet ist, Alternativen zum Abgebildeten in Aussicht zu stellen und aus der fiktionalisierten Vergangenheit einen Fahrplan für eine mögliche Zukunft abzuleiten. Eine Serie, die letztlich aber der Katastrophe nur noch mehr Alternativlosigkeit in Form eines noch destruktiveren Systems nebenan stellt. Oder wer soll nun kommen, um uns vor den Folgen des Kohlebergbaus zu retten?