Blümchen des Bösen

Foto: Charlene Bagcal

Auch im sonnigen Kalifornien gibt es lichtscheue Kreaturen der Nacht. Vielleicht gerade dort. Sonne ist ja nichts für sensible Gemüter. Depressive fürchten sie. Nicht umsonst steigt die Selbstmordrate – entgegen einem verbreiteten Vorurteil – nach Tiefstwerten im November im Frühjahr, mit dem von Vogelgezwitscher begleiteten Erwachen der Vegetation, wieder an – vermutlich, weil der vom Stumpf- nicht immer eindeutig unterscheidbare Frohsinn der Mitwelt dann zunimmt und im Kontrast dazu die eigene Isoliertheit besonders deutlich macht.

»Ich habe mich immer wie ein Außenseiter gefühlt, aber das ist nicht negativ. Davon gibt es viele und wir stehen miteinander in Kontakt. Wir erschaffen unsere eigene Welt, unsere Insel der vergessenen Spielzeuge«, sagt Chelsea Wolfe. Auf ihrem jüngsten Album Ἀποκάλυψις (Apokalypsis) heult die Kalifornierin zu flackerndem Kerzenlicht in sinister verbluesten Kantilenen der Schwermut den Erdtrabanten an, während die Gitarren wie Schreie lebendig begrabener Jungfrauen klingen. Manchmal hört sich die doomige Mischung aus X-mal Deutschland, Black Sabbath und dunklem Gospel an, als würden Slayer im Mississippi-Delta Portishead-Songs spielen.

Das anämische Goth-Mädchen, das Ende April zum ersten Mal für Konzerte nach Deutschland kommen wird, inszeniert sich mit langem, jettschwarzem Haar, nach dem Gießkannenprinzip aufgetragenem Mascara und Kajal sowie finsteren Gesichtsausdrücken als aparte Untote. Den Begriff Underground darf man bei der nur von Gruft und Liebe Lebenden wörtlich verstehen. Beim Spiel mit den Zeichen des Morbiden bleibt da mitunter die Botschaft auf der Strecke.

So beklagt die Ingmar-Bergman-Verehrerin, dass die geweißten Augen auf dem Cover von Apokalypsis Opfer fehlgeleiteter Zombie-Interpretationen wurden. Dabei ist Wolfe doch viel zu hübsch, um sich allen Ernstes mit den Proleten unter den Untoten zu identifizieren. »Die geweißten Augen repräsentieren einen Augenblick des Lichts und der Epiphanie, den Moment, bevor der Meteor einschlägt oder in dem du plötzlich etwas verstehst, was dich seit Langem umgetrieben hat – sie sind eine Reverenz an die Enthüllung.«

Die Bücherverschlingerin beherrscht ihr Griechisch und weiß, dass Apokalypse mehr meint als Sendeschluss, nämlich wörtlich das Heben des Schleiers, also Offenbarung. Solches Bildungsgut sollte aber ebenso wenig wie das stylishe Herumgehübsche von ihrem wunderbaren Album ablenken.

 Chelsea Wolfe Apokalypsis ist im August bei Pendu Sound Recordings erschienen. Spex präsentiert die heute in Dresden beginnende Tour von Wolfe und verlost noch 3×2 Plätze für das Konzert in der Reihe Kometenmelodien am Mittwoch, 25. April, mit den ebenfalls hervorragenden Odonis Odonis in der Berghain Kantine, Berlin. Alle weiteren Termine nachfolgend.

 

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Chelsea Wolfe live:
24.04. Dresden — Thalia Kino
25.04. Berlin — Berghain Kantine
01.05. Hamburg — Molotow
02.05. Trier — Exhaus

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