Chefket „Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)“ / Review

Chefket, Foto: Roman Goebel

Chefket meldet sich mit seinem dritten Album zurück. Auf Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes) setzt er um, was schon der Titel befürchten lässt: Den Blick getrübt durch allerlei Klischees wendet er sich den großen Themen der Menschheit zu. Und schlimmer noch, er versucht sie zu erklären – mit vertontem mansplaining.

Das letzte musikalische Lebenszeichen von Chefket alias Şevket Dirican hätte man nur allzu gern ignoriert: Zwei Jahre ist es nun her, seit er und Samy Deluxe sich mit „Wasabi“ am Trap probierten. Ähnlich lang dauerte es, bis man diese Schmach wieder verdrängt hatte. Zumindest diese Zeiten scheinen nun vorbei: In „Gel Keyfim Gel“, der ersten Single seiner neuen Platte, zeigt Dirican selbstironischen Humor, ohne sich dabei ungelenk eines fremden Genres zu bedienen. Zusammen mit Marsimoto, dem immergrünen Alter Ego von Marteria, inszeniert er sich als rappender Genius, als wahrer MC eben, der mit Leichtigkeit die geilsten Tracks raushaut: „Started from the bottom / Und so weiter und so fort“. Für Detailfragen konsultieren Sie bitte Drake.

Chefket schreibt sich auf die Fahne, Klischees abzubauen, während er sie selbst reproduziert.

So weit, so reflektiert. Würde darauf nicht das Chefket’sche Aufklärungsmanifest in zwölf Kapiteln folgen. Die Themen: Rassismus, Sexismus, Konsumkritik, Arbeitslosigkeit und (als wäre all das nicht schon genug) Misogynie, denn wer, wenn nicht ein erfolgreicher, heterosexueller Mann, könnte besser über den gesellschaftlichen Druck bescheidwissen, den eine kinderlose Frau in zunehmendem Alter zu spüren bekommt? Und gerade darin steckt das besonders Unangenehme von Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes): Der Mann mit Migrationshintergrund, der trotz roter Zahlen zwischen bezahlbarer Wohnung und teuren Markenklamotten schwankt, ist ebenso vertreten wie das eifersüchtige girlfriend. Dirican schreibt sich auf die Fahne, Klischees abzubauen, während er sie selbst reproduziert.

Am eindrücklichsten führt das wohl „Work It“ vor: „Nur weil sie Sex mag / ist sie noch lange keine hoe“. Klingt im ersten Moment nach überflüssiger Belehrung objektivierender Machoarschlöcher. Im zweiten aber wird klar, dass diese Aussage eine derartige Bewertung von Frauen doch gerade voraussetzt. Auch wird der ideelle Aktivismus dieser Frau schnell beiseitegeschoben. Was folgen sind seine Imperative und die schlussendliche Ejakulation in ihr Gesicht. Ob sie darauf steht, erfahren wir nicht. Ist doch auch egal.

„Irgendwann ist alles so egal / So egal“, singt Dirican im Stück „Fremd“ – und fasst damit Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes) treffend selbst zusammen. Denn was nach der ersten Aufregung bleibt, ist pure Langweile. Und das nicht allein wegen der dürftigen Motive, wie etwa dem der toxischen Beziehung, die einer Zigarette gleicht oder dem der Blume, die zum Kaktus wird, um in der harten Welt zu überleben. Das ist keine Selbstironie zwischen jazzigem Low-Fi und Oldschoolsamples mehr. Sondern unfreiwillige Komik. Vor allem, wenn Dirican versucht, realen Zeitgeist vorzugaukeln: „Du bist die schönste Frau die ich kenn / Ohne Filter auf Instagram“.

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