Charlotte Gainsbourg

Charlotte Gainsbourg setzt dieser Tage zur breit angelegten Medienoffensive an, was einen im ersten Moment eher verwundert, wenn man an das öffentliche Bild dieser französischen Kindfrau mit dem zentnerschweren popkulturellen Erbe im Gepäck denkt. Im Kino ist sie mit Dominik Molls »Lemming« (noch) und mit Michel Gondrys intellektueller Disneyparade »The Science Of Sleep« (schon bald) vertreten. Und auch als Sängerin und Interpretin wird uns das tollste und geheimnisvollste Geschöpf des europäischen Kinos neben Chiara Caselli in diesem Monat beehren.
    Typisch französisch-spröde heißt die Platte einfach nur »5.55« und beginnt mit ebendiesem Titeltrack, wobei ins Auge oder besser gesagt ins Ohr fällt, dass Charlotte eben keine Blaupause des Nouvelle Chanson Francaise sein möchte, singt sie doch bis auf eine Ausnahme nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Englisch, was ihr auch äußerst gut zum hübschen Gesicht steht. An dem Album hat eine ganze Heerschar namhafter Künstler mitgewirkt, die allesamt auf ihrem Gebiet mehr als eine Großtat vorzuweisen haben: Nigel Godrich (Radiohead-Produzent) saß an den Reglern, David Campbell (Papa Hansen) arrangierte die Streicher zu einem zarten akustischen Lilienbouquet, Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel zeichnen für einen Großteil der Songs verantwortlich – und nicht gerade untalentierte Herren der Songwriterzunft, namentlich Jarvis Cocker und Neil Hannon, haben die Texte beigesteuert. Leider geht aus dem beiliegenden Handzettel der Plattenfirma nicht hervor, welcher Song nun aus wessen geistiger Feder stammt. Sei’s drum – Carla Bruni lässt grüßen, nur dass bei Charlotte die Gitarre als dominantes Instrument gegen ein Klavier ausgetauscht wird, was zuweilen etwas arg hysterisch wie beim Refrain von »Everything I Cannot See« nach den Dresden Dolls klingt, wobei Amanda und Brian dieses burleske Vaudeville weitaus besser beherrschen. Aber es gibt auch sehr schön-schwelgerische und pointiert rhythmisierte Popsongs auf diesem Album, wie z.B. »Jamais« (und dies ist nicht das bereits angesprochene, einzige französischsprachige Lied) oder die erste Singleauskopplung »The Songs That We Sing«, in dem es programmatisch heißt: »Do they mean anything / to the people / who are singing them, too«.

    Einsamkeit, Vertrauen, Selbstbestimmung, Liebe – darum kreisen die insgesamt elf Songs von »5.55« – und man hat bei keinem davon den Eindruck, dass Übervater Serge von oben entweder die schützende Hand über seine Charlotte hält oder aber einen gestrengen Blick auf sie und ihr musikalisches Treiben wirft. Und er wird wohl auch nie von ihr als Hommage ein Lilli-Palmer-Cover erwarten, dafür hatte er zu viel frivolen Humor und Stil.

LABEL: Warner Music

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 08.09.2006

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.