Schon klar, Rom-Coms sind die Pest. Zu Unrecht! Denn kaum ein Genre demonstriert besser die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft. Was passiert, wenn diese ins Wanken geraten, zeigen Charlize Theron und Seth Rogen in Long Shot.

Charlize Theron und Seth Rogen haben Sex. Theron hat klare Vorstellungen, sagt was sie will. Rogen gibt sein Bestes. Theron bemerkt eine gewissen Hemmung und bricht das Ganze ab. Jetzt kommandiere ich dich schon den ganzen Tag rum, sagt sie, und dann mach ich das auch noch im Bett. Rogen nickt, etwas verwundert. Und dann ein Schnitt, ein richtig guter Schnitt: Rogen tritt aus dem Zimmer und geht breit grinsend den Flur entlang. Devotheit kann so befriedigend sein.

Endlich entspannt winken: Seth Rogen und Charlize Theron in „Long Shot“ (Bild: SPEX).

Die Rom-Com, in der Theron und Rogen übrigens noch viel öfter Sex haben, heißt Long Shot (Regie: Jonathan Levine, Buch: Dan Sterling, Liz Hannah) und wurde vom deutschen Verleih mit der umständlichen Übersetzung Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich versehen. Die alte Geschichte von der unwahrscheinlichen Liebe bekommt also bereits im Titel eine selbstreflexive Note. Die überlebensgroße Theron strebt als US-Außenministerin mit ein paar Anleihen bei Hillary Clinton nach der Präsidentschaft. Dabei fällt ihr die Liebe in Gestalt eines frisch gefeuerten und stets frivol gekleideten Journalisten (Rogen) vor die Füße. Die beiden haben im Film natürlich auch beschwingte Rollennamen, aber wer braucht die schon?

Es geht schließlich um Theron, wie sie jeden Raum beherrscht, in den sie tritt. Wie sie immer die klügste, schönste, größte und witzigste Person ist, ohne dass der Film ihr dies vorhält. Manche Menschen sind einfach toll. Rogen darf dabei der im Windbreaker gekleidete stand-in des Publikums sein, der sich immerzu darüber wundert, mit dieser Person überhaupt im gleichen Raum sein zu dürfen. Wenn dieses Schmachten nicht Liebe ist, was dann?

Doch etwas ist anders, etwas ist passiert. Metoo nämlich. Long Shot ist, abgesehen von dem kleinen Wunder The Big Sick, die erste Rom-Com des Metoo-Zeitalters. Und damit der erste Versuch des Mainstream, sich dem Verlieben und dem Sex in Zeiten der globalen Gleichberechtigungsbewegung anzunehmen. Nicht als zufälliger Punkt auf der Timeline der Produktion, sondern als wesentlicher, als charakterbildender Bestandteil der Erzählung. Long Shot setzt dabei eine bewusste Gegenthese zu jenen Stimmen, die Metoo gegen die Liebe oder das Flirten auszuspielen versuchen. Erinnern wir uns an den offen Brief von Catherine Deneuve und weiteren, zumeist älteren Frauen des französischen öffentlichen Lebens, die Metoo gemeinsam zur Hysterie erklärten. Die Freiheit zum Triezen (man könnte es auch mit „belästigen“ übersetzen) sei unabdingbar Teil der sexuellen Freiheit, hieß es. Vergewaltigung sei ein Verbrechen, stellte der Brief fest, plumpes Flirten und „ritterliche Macho-Aggression“ hingegen nicht.

Gutes Flirten, guter Sex, gutes Miteinander. Nur eben für alle.

Typisch an dieser und vielen anderen Reaktionen auf Metoo ist ihre binäre Denkstruktur. Eine selbstauferlegte Entweder-oder-Limitierung. Wer keine Lust auf Belästigung am Arbeitsplatz hat, ist auch nicht für einen guten Flirt zu haben, so die hinterlistig aufgemachte Opposition. Du bist gegen häusliche Gewalt? Willst aber selbst heiraten? Heuchler_in! Was dabei aber bewusst verkannt wird: Letztlich ist Metoo unter anderem ein Kampf für die Liebe, den Flirt und den Sex. Für gutes Flirten, guten Sex, ein gutes Miteinander zwischen den Geschlechtern und ihren Machtverhältnissen. Nur eben für alle.

Denn die klare Grenze, die Deneuve und Konsorten glauben zwischen sexueller Annäherung und Übergriffigkeit ziehen zu können, sie besteht tatsächlich. Nur die Definitionshoheit wechselt. Jede_r Adressat_in eines Kompliments kann dieses charmant finden oder sich damit unwohl fühlen. Aber diese Entscheidung kann nicht vom Agitator ausgehen. Diese Macht muss der flirtende Mann abgeben. Das arbeitet Long Shot wunderbar heraus, indem der Film eine Konvention der Rom-Com überwindet und es schafft, die Vorsicht seiner männlichen Hauptfigur nicht als Schwäche, sondern als Entscheidung zu markieren.

Normalerweise neigt das Genre und der Mainstream-Film als Ganzes dazu, männliche Hartnäckig- und oft auch Übergriffigkeit als charmant und passioniert zu romantisieren. Erst in erster, keuscher Ablehnung der Hinterhergestiegenen kann der Held die Ernsthaftigkeit seines Werbens nachweisen, ganz gleich wie abturnend oder gar belästigend so manche Geste im echten Leben wäre. Rogen hingegen genießt seine temporäre Passivität und sein Schattendasein im Glanze der Lichtgestalt Theron. Und wie in der anfänglich beschriebenen Sexszene fährt er damit sehr gut.

Keine Macht für immer? Scheint möglich.

Es gibt diesen alten, zeitlosen Satz von Margaret Atwood: „Männer haben Angst, von Frauen ausgelacht zu werden, Frauen haben Angst, von Männern umgebracht zu werden.“ Long Shot ist da optimistisch und stellt fest: Wenn Männer etwas mehr Selbstironie hätten, brauchen sie auch niemanden mehr umbringen. Damit hat Long Shot eine wache Antwort auf die Frage, die jede Rom-Com beantwortet, ungewollt oder direkt: Wer hat die Macht und warum? An einer Stelle, kurz vor dem Finale, geht es Rogen im Streit etwas zu weit und er fährt Theron an: „Du hast es also schwerer, nur weil du eine Frau bist?“ Sie darauf, mit super Timing: „Ja, motherfucker.“ Der beste Satz des Films. Ja, motherfucker. Huch, Rogen korrigiert sich, sieht es ein. Niemand ist hier gleich oder an der gleichen Stelle. Aber man versteht sich. Keine Macht für niemanden, das ist utopisch. Keine Macht für immer? Scheint möglich.

Denn bisweilen ist die Rom-Com in sich eine Machtdemonstration. Das Genre leidet unter einem Assoziationsproblem. Auf der Cocktailparty zu behaupten, man sei Krimi- oder Science-Fiction-Fan, ist gesellschaftlich akzeptiert. Sich als Rom-Com-Liebhaber_in zu outen nicht. Sie ist das filmische Äquivalent zum „Frauenroman“. Die mit Strohhut, Strandkorb oder Blumen auf dem Cover. Und das Multiplex-Kino lädt zum Prosecco-Abend. Subkategorien. Die Geschichten von der Liebe werden als künstlerisch minderwertig abstempelt. Dieses Assoziationsfeld wird aufrechtgehalten, indem Qualitäts- zu Definitionsmerkmalen umgedeutet werden. Schlechte Rom-Coms werden im popkulturellen Reifeprozess dem Genre zugeordnet, gute Rom-Coms werden ihm entrissen. Framing als Machtinstrument.

Dabei ist die romantische Komödie letztlich nichts anderes als das unterhaltsame Überwinden von Hindernissen auf dem Weg zum Verlieben (seltener auch: zur Liebe). Diese Hindernisse können die unterschiedlichsten Formen annehmen. Kann man einen Computer lieben, bzw. von ihm geliebt werden, fragte Her. Würdest du die Liebe beginnen, selbst wenn du weißt, dass sie schiefgeht, fragte Vergiss mein Nicht. Ist Liebe nicht nur, so wie alles andere auch, ein rebellischer Akt, fragte Die Reifeprüfung.

Doch werden diese Filme als Rom-Coms verhandelt? Kaum. Brokeback Mountain, Sideways, Alle anderen, Wall-E, Der Stadtneurotiker, Harold und Maude, The Lobster, In The Mood For Love, Punch-Drunk-Love, fast alles von Terrence Malick – suchen Sie sich ihren Meilenstein oder Lieblingsfilm aus. Unter Rom-Com steht er nicht im Regal. Als David O. Russel‘s Silver Linings einmal als Rom-Com beschrieben wurde, machte dies den Regisseur tatsächlich wütend. Seinem Ego bekam es nicht, dieser minderen Erzählform zugeordnet zu werden. Dabei ist sein Film der Inbegriff einer Rom-Com. Zwei Menschen verlieben sich. Die Hürde: Depression. Das war‘s.

Umverteilung von sexueller Macht

Wenn heutzutage also etwas kluges oder schönes über die Liebe gesagt wird, handelt es sich in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal noch um eine Liebesgeschichte (es hilft, wenn jemand stirbt). Aber sicher um keine Rom-Com mehr. Was dahintersteckt: Liebe sei weiblich, erzählen wir uns. Und weiblich kann keine geistreiche Kategorie sein.   

Und sicher, jene Filme, die erscheinen, wenn man Rom-Com in die Suchleiste im Browser eingibt, spielen oft nicht in der obersten künstlerischen Liga. Wir assoziieren mit dem Genre eine biedere Geschlechterdynamik mit konstruierten Streitereien vor der finalen Versöhnung (gerne am Flughafen) in unerklärlichem, materiellem Exzess. Frei von Geld- oder sonstigen Sorgen ist er meist irgendwie ein Arschloch, das ein bisschen was lernt, und sie eine Zicke oder sonstwie verkrampft.

Standardisierte Verhaltenskataloge: Sich so lange ändern, bis man so geliebt wird, wie man ist. Eine Aufgabe, die – natürlich – den Frauen zufällt. Verständnis haben, weniger Ansprüche stellen, ins Fitnessstudio gehen, das Übliche. Zählen Sie mal, wenn Sie das nächste Mal Tatsächlich Liebe gucken, wie oft die Figur der weiblichen Charaktere kommentiert wird und wie oft diese den Männern etwas zu essen bringen. Nur so zum Spaß. Wobei das Genre diese Problematik gerne selbst aufgreift und dabei smarte, fortschrittliche Beobachtungen zu Geschlechterrollen und -repräsentation anstellt. 10 Dinge, die ich an dir hasse, (500) Days of Summer oder Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt sind hier als meine persönlichen Favoriten und Beispiele zu nennen.       

Long Shot verfolgt ähnliche Ziele. Die Schwächen seiner Figuren ignoriert der Film nicht, wirft sie seinen Figuren aber nicht vor. Im Gegenteil, sie sind Produkt von Stärken und Umwelt. So ist Theron beispielsweise nicht immer dazu in der Lage, mit de_r Durchschnittswähler_in anzubandeln. Und ihre Unfähigkeit natürlich zu winken, führt dabei quasi nebenbei zu großem Kino. Der Film investiert viel Humor und Zeit darin, die Wechselwirkungen zwischen ihrem Lebens mit ihren Eigenschaften herzustellen. Jemand, der gerade die globale Erwärmung aufhalten will, hat halt keine Zeit für Game of Thrones. Und jemand, der wie Theron aussehen will, muss dafür früh aufstehen. Sehr früh.

Dass der Film seiner weiblichen Hauptfigur diesen Raum gibt, ist in Zeiten von Metoo und dem damit verbundenen Versuch einer Umverteilung von sexueller Macht ein progressiver Akt. Long Shot fällt nicht auf das Entweder-oder-Denken der Welt herein. Klar, alle wollen lieben und geliebt werden. Charlize Theron will geliebt werden, Seth Rogen will geliebt werden. Die Liebesfähigkeit und den Selbstwert der Figuren aber von Fragen nach Arbeit und Würde, nach Macht und Missbrauch zu trennen – das ist neu.