Chad VanGaalen

Schockschwerenot – was so alles auf ein Album passt, das größtenteils nur eine Person fabriziert hat! Da singt einer mit Kopfstimme wie Neil Young, schreibt zumeist morbide Texte wie Nick Talbot von Gravenhurst, packt sie in niedliche Kompositionen, die zuweilen an Sufjan Stevens erinnern, und dreht nebenbei putzige Animationsfi lmchen, um sein Album zu promoten, dessen naiv anmutendes Cover-Artwork er selbstverständlich auch persönlich gestaltet hat. Der kreative Tausendsassa heißt Chad VanGaalen, stammt aus dem kanadischen Calgary und baut sich seine Instrumente als notorisches Kellerkind gerne selbst. Im Gegensatz zu seinen früheren Veröffentlichungen »Infiniheart« (2004) und »Skelliconnection« (2006) klingt »Soft Airplane« jedoch weniger rüde zusammengeklöppelt, als man es vom eklektischen Eigenbrötler gemeinhin gewohnt ist. Es wirkt stringent, durchdacht und konsequent, strotzt allerdings trotzdem vor Einfallsreichtum und Vielseitigkeit, was nicht allein daran liegt, dass VanGaalen inzwischen den Computer für sich entdeckt hat, mit dem er allerhand garstige Beats und billige Pluckersounds erzeugt, die seinen Lo-Fi-Folksongs noch etwas mehr Komplexität verleihen.

    Zusätzlich ist sein Songwriting gereift; seine makabren Fantasien fügen sich nahtlos in die ausgefuchsten Arrangements. Bereits das zarte, von Banjo, Klarinette und Akkordeon getragene »Willow Tree« beschwört den eigenen, vermeintlich befreienden Tod herbei – inklusive ritueller Verbrennung des Leichnams auf einem Boot. Im geradezu überschwänglichen »Bare Feet On Wet Griptape« oder im geradlinigen »Bones Of Man« wiederum kommt plötzlich der Rocker in der Einmannband zum Vorschein, die sich nur selten von befreundeten Gastmusikern wie Matt Flegel unterstützen lässt. Der wirkliche Höhepunkt freilich, der zugleich seelische Untiefen auslotet, folgt mit »Molten Light«, einer sich saumselig steigernden Ballade, die zum gruseligen Rache szenario einer Untoten mutiert, deren Refrain die Independent-Gemeinde nur mit Schaudern anstimmen sollte: »I’ll find you and I’ll kill you«. Das dazugehörige, surreale bis psychedelische Video, ein echter Hingucker, macht die Sache übrigens nicht weniger unheimlich.

    Ob’s dem experimentierfreudigen Mann womöglich nicht gut geht, der auf diesem Longplayer die Schreie der Toten hört? Oder sind wir nur Zeuge des reinsten Eskapismus? Besingt »TMNT Mask« tatsächlich die Teenage Mutant Ninja Turtles? (Ja, aber noch einiges mehr.) Wundersamerweise gelingt es Chad Van Gaalen trotz der oft albtraum- und märchenhaften Sujets, die zum Schluss in eine furchterregende Noise-Eskapade münden, die Balance zu halten: zwischen Exzentrizität und Eingängigkeit, zwischen der popkulturell versierten Flucht vor der Wirklichkeit und Einblicken in intimste Idiosynkrasien, zwischen lichten Melodien und düsteren Imaginationen. Dass das Ganze außerdem nicht mit bauernschlauen ironischen Ausflüchten überfrachtet wurde, macht »Soft Airplane« zu einer wirklich außergewöhnlichen Platte.

LABEL: Sub Pop

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 12.09.2008

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