Cazals / Thieves Like Us

Manchmal fragt man sich, wie das war, als es das Internet noch nicht gab. Nehmen wir zum Beispiel das erste Konzert, das die Cazals in Deutschland spielten: Im extra-großen T-Shirt, die dünnen Beinchen in eine Hose gezwängt, die mindestens soviel zu eng ist, wie das Shirt zu weit, stand Cazals-Sänger Phil auf der Bühne und forderte alle Aufmerksamkeit für sich ein. In der hinteren Hälfte des Publikums wurde eifrig Pils aus kleinen Flaschen getrunken und interessiert genickt: Hamburg halt. Vorne aber wirbelten hübsche Jungen und Mädchen umher, erkannten die Lieder nach wenigen Takten, sangen die entscheidenden Stellen mit und strahlten, als hätten sie seit Jahren auf die Chance gewartet, diese eine Band endlich einmal live zu sehen. »Wer von euch hat unser neues Album?«, fragte Phil, und zig Hände schnellten in die Höhe. Das Album »What Of Our Future« würde erst in einigen Wochen im regulären Verkauf erscheinen.

    Auch Thieves Like Us, die als zweite Band demnächst ihr Debütalbum bei dem französischen Elektro-Label Kitsuné vorlegen, kennt man aus dem Netz. »Drugs In My Body« gab es im Zuge eines in Musikblogs in seinen Ergebnissen omnipräsenten Remix-Wettbewerb allerdings ganz legal zum Download. Dass man zu beiden Bands sehr gut aussehen kann ist also nicht die einzige Parallele – und es gibt noch mehr.

    Fangen wir mal mit den Cazals an. Die gelten der britischen Musikpresse als neue Generation der Retter der britischen Rockmusik (warum auch nicht). Anders als frühere Titelträger zeichnen sie sich jedoch weder durch coole Nachlässigkeit in Erscheinungsbild und Sound aus, noch liefern sie mit »What Of Our Future« den Soundtrack für Indiedisco-Moshpits. Stattdessen finden sich auf dem Album sehr präzise und reduzierte Kompositionen, ohne, dass sich die Cazals in der Auswahl von Sounds und Effekten dem Gitarre-Schlagzeug-Bass-Purismus verschrieben hätten. Im Gegenteil: die Platte bricht immer wieder mit Britrock-Coolness und Gallagher-Authentizitismus. Zum Beispiel, wenn der Song »We’re Just The Same« mit Powerchords und Coming-of-Age-Lyrics eröffnet wird, die beide nach kalifornischem Radio-Pop-Punk klingen.

Thieves Like Us - Play Music    Auch die Songs auf »Play Music« von Thieves Like Us sind funkelnde Miniaturen, die eher sparsam konstruiert sind und in ihrer zurückhaltenden Poppigkeit an Hot Chip erinnern. Die Tracks leiern hier ruhig und eingängig vor sich hin und klingen dank der oft entrückten Vocals immer wieder leicht betäubt – so wie die nächtliche Flucht vor dem Liebeskummer, um die es in »Drugs In My Body« geht. Ebenfalls aus dieser Single-Auskopplung bekannt: die Neigung von Thieves Like Us, Gitarrenakkorde in ihren Liedern zu verbauen. »Won’t you help us cut across scene lines«, fordert die Band passend dazu auch textlich in einem Stück. Thieves Like Us, wie auch den Cazals, könnte es gelingen, diesen Herbst einen neuen Indie-Konsensstatus zwischen elektronischer Musik und Gitarrenpop zu etablieren. Als, sozusagen, Antithese zu Ed Banger: Ganz ohne Geknartze und Geballer, stattdessen mit zurückhaltender Catchyness und zerbrechlicher Schönheit. Ihr Ruf eilt ihnen ja bereits voraus.

LABEL: Kitsuné Maison

VERTRIEB: RTD

VÖ: 24.10.2008

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