Cat Power / Midnight Mike

Zwei grundsätzlich verschiedene Versuche, sich fremdes Songmaterial anzueignen. Es ist ja immer die Frage, was Coverversionen eigentlich sollen. Schmunzeln auslösen? Schulterschlussgefühle hegen, weil man ja früher dieselbe Musik gehört hat? Referenzsystem ausstellen? Oder sich über musikalisch Andersdenkende mittels Parodie lustig machen? Cat Power a.k.a. Chan Marshall hat im Jahr 2000 schon einmal ein Album mit Coverversionen vorgelegt. Folgerichtig hieß es »The Covers Record«. Auf ihm fanden sich zerbrechliche, selbstzerstörerische Versionen von »Satisfaction« oder »Sea Of Love« – mitreißende Schönheiten, die den Originalen noch einmal ganz eigene Facetten abgewinnen konnten.

    Die Welt hat sich inzwischen weitergedreht: Chan Marshall ist aus der Kaninchen-Ecke der verschroben-sensiblen Künstlerin geflüchtet, hat sich eine Bigband angeschafft, die hier in reduzierter Form fleißig mitmusiziert, und schickt sich an, ›Adult Oriented Folk Rock‹ im Geiste Joni Mitchells zu machen. Muss nicht jedem gefallen, es kann auch das Gähnen einsetzen, wenn man diese wohlfeil abgehangenen Versionen der ganz großen Namen der ernsthaften Populärmusik hört. Janis Joplin, Billy Holiday, James Brown, Frank Sinatra, Bob Dylan. Und Joni Mitchell herself, natürlich mit »Blue«. Anderen geht da erst das Herz auf.

    Chan Marshall eröffnet die Platte tatsächlich mit »New York New York«, rettet das Stück aber durch eine Verschiebung ins Komplizierte. Sonst heult die Gitarre, die oft auch von Keith Richards gespielt sein könnte, dazu nervt eine Fender-Rhodes-Orgel oder klimpert ein Klavier die Akkorde. Konservative Popmusik, wie gesagt, gediegen und immer gut als Hintergrundbeschallung von Qualität. Mehr nicht. Natürlich covert sich Cat Power auch diesmal einmal selbst: »Metal Heart«. In der Luxusausgabe gibt es noch fünf Stücke mehr, der Rezensent durfte sich aber nur den ›watermarked stream‹ der Plattenfirma anhören, der zudem mit kleinen Industrieblenden arbeitet. Vertrauen ist schwierig.

Midnight Karaoke    Anderer Ansatz, ähnliches Resultat: Midnight Mike. Ein elektronischer Spaßkapellmeister trommelt in London Gleichgesinnte zusammen und lässt Sängerinnen mit erotischen Namen Neuversionen alter Feger aus den Achtzigern säuseln. Es gibt »Mongoloid« und »Who Do You Love«, es gibt sogar »In Every Dream Home A Heartache« (Roxy Music), »Boys« (Sabrina) und »I Need You Tonight«. Pluspunkt also für die Songauswahl, die Ja zum Trash und zur Qualität gleichermaßen sagt. Problem ist nur, dass sich das im Gesamten nicht wirklich entscheiden kann. Soll das jetzt Spaßterror (Karaoke) sein oder Huldigung? Deutlich misslungen sind »United« (klischeeschwul) und »Money For Nothing« (zu kaputt), überzeugend die Versuche, Fünfziger-Rock’n’Roll in Kirmeselektronik zu übersetzen, hier vor allem mit »All Shook Up«. Einen ähnlichen Versuch haben vor zwei, drei Jahren die belgischen Elektroniker von Telex gestartet. Ebenfalls nicht uncharmant. In die Karaokebox haben aber auch sie niemanden gelockt. Warum sollte es also Midnight Mike gelingen?

LABEL: Matador / Beggars Group / The Republic Of Desire

VERTRIEB: Indigo / Groove Attack

VÖ: 18.01.2008

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