»Carol« – Filmfeature zum Kinostart

Die erotische Spannung, die zwischen den Protagonistinnen von Beginn an knistert, steigert sich kontinuierlich. Dennoch kann man Todd Haynes kaum vorwerfen, dass er bloß in lesbischem Kitsch schwelgt. Ab morgen läuft Carol in den deutschen Kinos.

In Far From Heaven thematisierte Regisseur Todd Haynes 2002 die Schwierigkeiten homosexueller Beziehungen im Amerika der Fünfzigerjahre. Er bediente sich virtuos eines postmodernen, nie ganz ironiefreien Pastiches und huldigte so dem Großmeister des Melodrams, Douglas Sirk. Mit Carol, einer Verfilmung von Patricia Highsmiths Roman The Price Of Salt, greift er das Thema erneut auf, ist der überstilisierten Form der Inszenierung aber entwachsen. Haynes schlägt einen konträren, weil direkteren Weg ein: Durch allumfassende Präzision der Mise en Scène erzeugt er ein immersives filmisches Universum, das die Zuschauer unmittelbar einsaugt und nicht mehr loslässt. Vergleichbar ist die atmosphärische Detailverliebtheit, mit der Dekor und Locations zusammengestellt wurden, in jüngerer Zeit nur mit der TV-Serie Mad Men. Carol bildet die Epoche nicht bloß ab, sondern scheint ihr beinahe selbst zu entstammen. Haynes orientierte sich dabei am Look der impressionistischen Fotografien Saul Leiters.

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In einem pastellfarbenen, verträumten New York trifft das Shopgirl Therese (Rooney Mara) auf die mysteriöse Kosmopolitin Carol (Cate Blanchett). Wie alle großen Rollen Blanchetts umweht auch ihre Carol ein Hauch von eleganter Malaise. Immer scheint ein neckisches Lächeln um ihre Mundwinkel zu zucken. Therese verfällt Carol, verlässt ihren Verlobten und begibt sich mit ihrer neuen Freundin auf einen Roadtrip durch das ländliche Amerika, bei dem sich die beiden Frauen immer näher kommen.

Die erotische Spannung, die zwischen den Protagonistinnen von Beginn an knistert, steigert sich kontinuierlich. Dennoch kann man Haynes kaum vorwerfen, dass er bloß in lesbischem Kitsch schwelgt. Er gesteht beiden Figuren eine vielseitige Komplexität zu, kontrastiert ohne viel formales Aufhebens ihre verschiedenen Blickwinkel auf die Affäre. So gelingt es ihm, die Doppelbödigkeit sichtbar zu machen, für die Highsmith berühmt war. Und zwar so gut, wie das bisher nur Hitchcock, Wenders und Minghella schafften.

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