Carla Dal Forno – Verbrannte Erde

Frisch aus dem Ofen, aber leicht angebrannt: Die in Berlin lebende Australierin Carla Dal Forno mischt auf ihrem Debütalbum You Know What It’s Like nachtschattenwüchsige Beats mit zuckrigen Popmomenten – verführerisch schön und brandgefährlich.

Carla Dal Forno müsste ihre Gitarre eigentlich anders nutzen. Ende der Achtziger in einem australischen Kaff unweit von Melbourne geboren, kommt sie als erstes mit der großen Liebe ihres Vaters in Berührung: Heavy Rock. „Er spielte in Bands, die klangen wie Black Sabbath, und er vergötterte Led Zeppelin“, sagt Dal Forno lachend. „Aber zu seiner Enttäuschung war das nie mein Ding.“ Stattdessen legte sie als Kind lieber zusammen mit ihrer Mutter poppige Platten auf und sang sie im Duett mit. Vor allem eine sollte ihr nachhaltig im Gedächtnis bleiben: Liberty Belle And The Black Diamond Express von den australischen Twee-Poppern The Go-Betweens.

Mehr als 20 Jahre später sitzt Carla Dal Forno in einem Neuköllner Café vor einem Dinkel-Croissant. Wie ihr Vater ist sie Musikerin geworden, könnte klanglich aber kaum weiter vom Mucker-Dad entfernt sein. Sie selbst sieht sich als Dilettantin. Zwar spielte sie in der Highschool als Cellistin im Orchester, doch ihre eigentliche Karriere begann erst vor fünf Jahren: „Ein Freund wollte, dass ich einen Song von ihm performe“, erzählt sie. „Ich hatte bis dato noch nie Gitarre gespielt, machte es aber trotzdem – und habe seitdem nicht mehr damit aufgehört.“ Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen spielte sie fortan bei nachtschattigen Combos wie Tarcar und F Ingers. Und machte ihren Dilettantismus zum musikalischen Leitmotiv.

„Wenn man etwas zu gut beherrscht, hemmt es den kreativen Output“, meint Dal Forno. Es gehe ihr darum, unaufhörlich zu lernen, nie in einer Komfortzone anzukommen. „Sonst wird Musik schnell statisch.“ Was bei Tarcars Psych-Folk beständige Improvisation besorgte, übernahm bei Dal Fornos Soloprojekt die Technik: „Die größte Hürde war für mich der Aufnahmeprozess“, sagt sie. Ein gutes Jahr habe sie an ihrem Computer herumdoktern müssen, bis sie die unzähligen Musikprogramme verstanden habe – und ihnen den Sound entlocken konnte, den sie wollte. „Erst danach konnte ich mich an die zweite Hürde wagen.“ Damit meint sie, sich etwas zurückzuholen, was sie in ihren Bands stets vermisst hatte: die Go-Betweens. „Es gab nie Raum für expliziten Pop in unserer Musik. Aber genau den wollte ich spielen, er ist in meiner musikalischen DNA eingeschrieben.“

Carla Dal Forno heißt wörtlich übersetzt übrigens soviel wie „Carla aus dem Ofen“ – ein in Italien nicht unüblicher Name, der nebenbei auch etwas über Dal Fornos Musik verrät: Ihr Debütalbum You Know What It’s Like klingt tatsächlich, als hätte man melodieseeligen Achtziger-Pop zusammen mit den trockenen, blutleeren Beats eines Kavinsky in die Röhre geschoben – und dabei an allen Ecken und Enden verbrannt. „Das Album ist das Produkt meiner gesamten Sozialisation“, beschreibt Dal Forno es selbst. Beziehungen und Enttäuschungen, Hoffnung und Verzweiflung, Pop und Avantgarde, The Go-Betweens und Black Sabbath: all das findet sich auf You Know What It’s Like. Carla Dal Forno hat damit den nächsten Schritt ihres ständigen Lernprozesses gemeistert. Wie der nächste aussehe: „Das alles auch live zu verbrennen.“

Dieses Feature ist in der Printausgabe SPEX N° 371 erschienen. Das Heft ist nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop zu haben.

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