»Genuine Tanzmusik«

Die alte Trennung zwischen E- und U-Musik greift längst nicht mehr. Nicht erst seit gestern verschwimmen die Grenzen zwischen klassischer Komposition und Popmusik, schon die Entwicklung der ›Minimal Music‹ durch Komponisten wie Philipp Glass, La Monte Young, Terry Riley und Steve Reich legte die Grundsteine von Techno. Umgekehrt bedienten sich in den letzten Jahren immer mehr Künstler der elektronischen Tanzmusik bei Klassikelementen – wenn sie nicht gleich ganz auf ein Orchester zurückgriffen. 2005 trat Jeff Mills mit den Philharmonikern von Montpelier auf, vor drei Jahren tat es ihm die andere Detroit-Techno-Legende Carl Craig gleich: Gemeinsam mit dem luxemburgischen Pianisten Francesco Tristano spielte er mit dem Orchester Les Siècles in Paris. Anlässlich des zwanzigsten Jubiläums von Craigs Label Planet E kommt es nun in Hamburg zur Neuauflage jenes Abends, diesmal mit Moritz von Oswald und den Symphonikern der Hansestadt.

    Mit Francesco Tristano verbindet den 41-jährigen Carl Craig nun schon eine längere Beziehung: Tristano spielte Derrick Mays Detroit-Techno-Blaupause »Strings of Life« in Paris vor Klassik-Publikum, selbst bei den älteren Semestern kam die Komposition »dieses DJs aus Detroit« (Craig im Spex-Vorspiel) ausgesprochen gut an. In der Pariser Cite de la Musique wiederum spielten Tristano und Craig dieses Stück zwar nicht, dafür kam neben anderen Detroit-Klassikern auch der »Bolero« von Maurice Ravel zum Einsatz, den Craig zuvor gemeinsam mit dem Berliner Musiker Moritz von Oswald für die Deutsche Grammophon überarbeitet hatte.

    »Sowohl der ›Bolero‹ als auch die Musik, für die Carl Craig und ich stehen, ist genuine Tanzmusik«, sagte Moritz von Oswald in Spex (vgl. Spex-Gespräch Spex #318). »Die gesamte ›Bolero ReComposed‹-Platte wurde in einem gleichbleibenden Tempo arrangiert: Clubtempo, also 128 Beats in der Minute. Interessanterweise hatten Carl und ich beide sofort diese Idee.«

    In Hamburg werden Craig, Tristano und von Oswaldt diese Idee gemeinsam mit den Hamburger Symphonikern unter dem Titel »Technophonic« umsetzen: In der großen Laeiszhalle spielen sie am kommenden Donnerstag mit Orchester, Tristano ist derzeit als ›Artist in Residency‹ bei der Hamburger Symphonie tätig. In Kürze erscheint mit »bachCage« die neueste Veröffentlichung Tristanos, für die Deutsche Grammophon ging er gemeinsam mit von Oswald die »Partita n°1«, »Vier Duette 802-805« und »Menuett II« von Johann Sebastian Bach sowie »In a Landscape«, »The Seasons« und »Etude Australe n. VIII« von John Cage an. Erscheinen wird »bachCage« begleitet von einer Live-Tour am 18. März, bis zum 13. März kann man sich noch an einem Video-Remix-Wettbewerb teilnehmen.

    Bereits erhältlich ist schon jetzt ist die Digital-Version von »20 F@#&ING Years – We Ain't Dead Yet«, der Geburtstagscompilation von Carl Craigs Planet-E-Label, deren Veröffentlichung er am vergangenen Freitag gemeinsam mit Kenny Larkin bei seinem Tour-Stopp im Berliner Berghain mit einem furiosen Set feierte. Darauf finden sich zahlreiche Highlights aus dem Planet-E-Backkatalog, neue Remixes und Stücke von u.a. Moodymann, Recloose, Martin Buttrich, Urban Tribe und natürlich Paperclip People bzw. Carl Craig. An einer limitierten Vinyl-Box wird derzeit gearbeitet, bis zum Release im Juni kann man auf Carlcraig.net die Tracklist des Vinyls mitbestimmen.

    Karten für sowohl die »bachCage«- als auch »Technophonic«-Veranstaltungen sind im Vorverkauf erhältlich, am kommenden Mittwoch ist Carl Craig im Rahmen der ByteFM-Detroit-Themenwoche ab 16 Uhr bei ByteFM im Studio zu Gast.

 


VIDEO: Carl Craig, Francesco Tristano & Les Siècles Orchestra – Versus Live at Cité de la Musique, Paris (18.10.2008)


VIDEO: Jeff Mills & Montpelier Philharmonic Orchestra – Live at Pont du Gard, Montpellier (02.07.2005)


STREAM: Francesco Tristano – plays John Cage’s »In a Landscape«

Francesco Tristano Live: 20 F@#&ING Years – We Ain't Dead Yet Live:
10.03. Hamburg – Laeiszhalle (»Technophonic« mit Carl Craig, Moritz von Oswald, Hamburger Symphoniker) 10.03. Hamburg – Laeiszhalle (»Technophonic« mit Carl Craig, Francesco Tristano, Moritz von Oswald, Hamburger Symphoniker)
11.04. München – Allerheiligen-Hofkirche 12.03. A-Wien – Passage (mit Carl Craig, Paul Woolford)
12.04. Frankfurt – Cocoon Club 02.04. Mannheim – Time Warp (mit Carl Craig / Luciano Back2Back-Set)
27.04. Berlin – Radialsystem 04.04. A-Mayrhofen – Snowbombing DJ Mag Party (mit Carl Craig, Agoria, Paul Woolford)
28.04. Dresden – TBA 08.04. CH-Crans-Montana – Caprices Festival (mit Carl Craig, Ricardo Villalobos, Mirko Loko, Radio Slave, Kenny Larkin, Mad Mike Banks, Dubfire)
05.05. Hamburg – Laeiszhalle
08.05. A-Wien – Konzerthaus
09.05. Bottrop – Kulturzentrum August Everding
27.05. Hamburg – Laeiszhalle
09.09. Schwerin – Festspiele Mecklenburg Vorpommern

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