Caribou – Geben und nehmen und tiefstapeln

Fotos: Christoph Mack

Vor vier Jahren wurde Dan Snaith zum wohl unwahrscheinlichsten Popstar unserer Tage. Der nette Typ von nebenan lieferte mit Swim eines der Alben des Jahres 2010 ab und war selbst am meisten überrascht über den Zuspruch des Publikums. Jetzt will er die empfangene Liebe zurückgeben: Das neue Caribou-Album, Nummer 11 der SPEX-Alben des Jahres 2014, hat er nur für seine Fans aufgenommen, sagt Snaith. Wie die das nun finden und unter welchen Bedingungen Our Love entstanden ist, konnte SPEX bei einem Caribou-Auftritt in den Bergen von Wales und bei einem Hausbesuch in London überprüfen.

Kaum ist man durch die Tür, steht er auch schon da. Nicht zu klein, nicht übertrieben groß, grün wie ein Laubfrosch, geformt aus einem Material, das Stabilität und Verlässlichkeit suggeriert und sich zugleich nicht zu sehr in den Vordergrund drängt. Man muss bei seinem Anblick kurz an Michael Moore denken, diesen bebrillten US-Dokumentarfilmstöpsel, der die Menschen aus Kanada dem Rest der Welt einst als das argloseste, angstfreiste und liebenswerteste Volk des Planeten vorstellte. Keine einzige Haustür fand Moore bei seinen Stichproben in Bowling For Columbine verschlossen, manche Kanadier schienen überhaupt nicht zu wissen, wie man mit Schloss und Riegel umzugehen hat.

Wer zwölf Jahre später einen weiteren Beweis für die Gültigkeit der Moore’schen These braucht, der verabredet sich am besten mit Dan Snaith, einem ebenso unauffälligen wie offenherzigen und erfolgreichen 36-jährigen Musiker aus Dundas, Ontario, einer Stadt unweit von Toronto. Erscheint man am vereinbarten Treffpunkt bei Snaiths deutscher Plattenfirma, steht er auch schon da, direkt rechts hinter der offenen (!) Eingangstür im Erdgeschoss (!) in Berlin-Kreuzberg (!): ein laubfroschgrüner Plastikschalenkoffer. Wie zur Begrüßung ist mit silbernem Edding groß »Caribou« draufgemalt, außerdem steht da eine Caribou-E-Mail-Adresse und daneben eine weitere Reisetasche, die aussieht, als könnte sie neben Kulturbeutel, Reiselektüre und Laptop auch einer Geldbörse mit Perso und Kreditkarten Platz bieten.

Dass etwas von seinem Gepäck wegkommen könnte, sorgt Dan Snaith offensichtlich nicht. Er hat nachts nur zwei Stunden Schlaf bekommen, den ganzen Tag lang mit Musikjournalisten gesprochen – die Bedingungen könnten kaum widriger sein. Und dennoch kommt er einem entgegen und strahlt vor Freude. Seine Augen leuchten durch das vertraute Kassenbrillengestell, das mittlerweile zu einer Art Trademark wurde und für die charakteristische Glupschaugenoptik sorgt. Die helle Haut seiner hohen Stirn schimmert am Haaransatz durch teilweise etwas schüttere Stellen. Der Körper steckt in dunkelgrauen Hosen und in einem unbedruckten T-Shirt, das mit seinem blassen Pastellton an Nichtfarben erinnert. Die dick besockten Füße in Birkenstock-Sandalen wirken in diesem Ensemble beinahe wie ein spleeniges Style-Statement. Sieht so ein verhinderter Popstar aus? Nein, vielmehr ein Popstar, der eigentlich nie einer sein wollte. Und der dafür nur umso mehr geliebt wird.

Snaith hat zu ersten Gesprächen über sein neues Caribou-Album Our Love gebeten, es ist sein insgesamt siebtes. Der studierte Mathematiker und überzeugte Nichttrinker erzählt von seinem neuen Leben im eigenen Einfamilienhaus mit Kellerstudio in London und von seiner 2011 geborenen Tochter, die seinen Alltag komplett umkrempelte: »Mein Privatleben ist jetzt komplett verflochten mit meiner Musik und umgekehrt genauso. Ich arbeite für ein paar Stunden, kümmere mich um meine Tochter, gehe in den Park und treffe dort Freunde, komme zurück und arbeite ein wenig weiter. Früher existierte die Musik abgeschottet in ihrem eigenen Bereich, jetzt ist sie viel mehr Bestandteil vom Rest meines Lebens.«

In diesem neuen, ganzheitlichen Modus entstand also Our Love, ein Zeugnis von Snaiths Liebe zu seinen Fans, deren Zuneigung er damit ausdrücklich erwidern möchte, auf den Punkt gebracht im Song »Can’t Do Without You«. Für das Werk hat er Hingabe zum höchsten Prinzip erhoben und wollte genau das geben, was alle von ihm nehmen möchten. Snaith behauptet damit die gebetsmühlenartig beschworene Autonomie des Künstlers gerade, indem er sie negiert – eine nicht ganz widerspruchsfreie Logik. Vereinfacht gesagt: Er scheißt auf Erwartungshaltungen – nicht. In seinen eigenen Worten klingt das so: »Ich habe genau das gemacht, was ich wollte – und ich habe es für jemand anderen getan, für alle anderen, nicht nur für mich. Ich spürte zwischen diesen beiden Dingen schlicht keinen Gegensatz.«

Verschwurbelte Weisheiten dieser Art bekommt man von Musikern am laufenden Band serviert. Wenn man denn gewillt ist, sie irgendjemandem auch abzunehmen, dann Dan Snaith. Seine Persönlichkeit ist am besten mit der Wirkung des letzten Caribou-Albums Swim vergleichbar. Es war zurückhaltend, unverstellt und offen, derart unaufgeregt und doch faszinierend, dass alle Welt erst über den Zeitraum mehrerer Monate hinweg merkte, dass man es mit einem der Alben des Jahres 2010 zu tun hatte. Rund 175.000-mal wurde Swim laut Plattenfirma verkauft. Es folgten ausgedehnte Konzertreisen sowie eine Tour im Vorprogramm von Radiohead, bei der Arenen mit bis zu 20.000 Menschen bespielt wurden – und als Kontrastprogramm erschien Ende 2012 Jiaolong, ein spontan zusammengeklopftes Album für die Tanzflächen unter Snaiths DJ-Alias Daphni. Die verspätet einsetzende und lang anhaltende Rundumbegeisterung hat die Vorzeichen nach vier Jahren ohne neue Caribou-Veröffentlichung nun nachhaltig verschoben.

Snaith versichert, dass er noch genau derselbe ist, aber er hat beobachten können, wie sich um ihn und seine Musik herum alles veränderte. Es scheint eine euphorisierende Erfahrung von Kontrollverlust gewesen zu sein. »Der Prozess, Swim zu machen, war großartig«, sagt er im Rückblick. »Aber alles, was passierte, nachdem die Platte fertig war, war fast noch interessanter: wie die Musik völlig andere Bedeutungen bekam, wie sie nicht mehr wirklich mir gehörte. Eben all das, was mit Musik nun mal passiert, worüber ich bis dahin aber nie bewusst nachgedacht hatte. Das hat zwei Dinge bei mir ausgelöst: Ich fühlte mich absolut zuversichtlich, die Platte machen zu können, die ich machen wollte. Und zugleich verstand ich, dass die Musik trotzdem eine starke Verbindung zum Publikum herstellen würde.«

Die Nagelprobe findet ein paar Wochen später statt, Mitte August nahe Abergavenny in Wales. Die sattgrünen Hügel und ein paar markante Felsspitzen der Black Mountains bilden die Kulisse für das Green Man Festival, eine überaus freundliche Zusammenkunft von Alt-Hippies und Jungfamilien. Statt Festivalrucksack trägt man hier gerne ein Neugeborenes auf den Rücken geschnallt, die Kleinkinderdichte ist höher als am Prenzlauer Berg zur besten Spielplatzzeit. Vom Getümmel aus Jonglier-Kids, Tiermützen-Teenies, Blumenkranzmädchen und vor Glitzerschminke strahlenden Selbstdarstellern diesmal doch ein wenig abgeschirmt, nämlich durch die freundlichsten Security-Frauen der Welt, trifft man ihn wieder: den Schalenkoffer in Froschgrün, diesmal in Begleitung eines roten und eines lila Bruders. Eben sind sie von Route Du Rock, einem Festival in der Bretagne, hier angekommen, schon werden sie aufgeklappt und hektisch ausgeräumt, um auf einer Rampe direkt hinter der Bühne das Equipment für den Auftritt vorzubereiten.

Caribou2

Caribou ist im Studio ein Soloprojekt, auf der Bühne aber eine Band. Beim Produzieren nimmt Snaith auf die Live-Umsetzung keinerlei Rücksicht, dafür ist das Set-up in technischer Hinsicht so flexibel und die Band seit Jahren so gut eingespielt, dass sich im Grunde alles umsetzen lässt – sobald erst mal über transatlantische Datenleitungen von London nach Nordamerika ausdiskutiert wurde, wer welche Parts übernimmt und wie mit welchem Gerät ansteuert.

Die vier Caribou-Bandmitglieder spielen beim Green Man einen ihrer ersten Auftritte nach einer Pause von eineinhalb Jahren. Sie treten am Freitag um Mitternacht als eine der letzten Livebands des Tages auf, in einem Zirkuszelt mit Platz für rund 2000 Kids und Hippies, das den Ehrentitel Far Out Tent trägt. Sobald die Nachricht die Runde machte, dass Caribou erstmals seit 2008 wieder beim Green Man spielen würden, fragten sämtliche Freunde mit Kindern sofort nach Gästelistenplätzen, erzählt Snaith – was sonst gar nicht so oft passiere. Er steht mit seinen Bandkollegen Brad Weber, Ryan Smith und John Schmersal – die vier spielen schon seit einer kleinen Ewigkeit in dieser Formation zusammen – im Backstagebereich. Die Stimmung ist konzentriert angespannt, die Koffer sind leergeräumt, die elektrischen Wunderkisten und einige Meter Kabelsalat liegen bereit, Verstärker, Keyboards, Sampler und zwei Schlagzeuge warten darauf, auf die Bühne geschleppt zu werden. Zuerst muss von dort aus allerdings noch Mac DeMarco sein traditionelles Bad in der Menge nehmen.

Eben hat DeMarco noch von seiner Liebesauffassung gesungen: »When your heart just ain’t sure, let her go!« Und dann krault er zu seiner »Still Togeeeeee-he-he-he-hether«-Jodelnummer genießerisch durch die Crowd, klettert auf einen Stahlträger mitten im Zelt und taucht mit einem Köpper rückwärts wieder in das Meer aus Armen, die sich ihm entgegenstrecken. Auch so kann eine Liebeserklärung an das eigene Publikum aussehen, praktischerweise verbunden mit der Möglichkeit, direkt auf Tuchfühlung zu gehen.

Als DeMarco sein Bad beendet hat, heißt es für Caribou: schnell aufbauen. Die Band packt dabei in erster Linie selbst an, so wie auch alle langfristigen Vorbereitungen im DIY-Modus erledigt werden, wie Snaith erklärt: »Durch all diese Jahre hatte ich nie einen Manager. Ich hatte nie diese Strukturen mit Leuten um mich, die sagen: ›Wir kümmern uns darum!‹ Ryan ist unser Tourmanager, Brad bucht unsere Hotels und Flüge, John kümmert sich um die Herstellung unserer T-Shirts und so weiter, ich plane gemeinsam mit unserem Booking-Agenten die Shows. Es würde sich echt seltsam anfühlen, wenn wir plötzlich diese Haltung hätten: Okay, wir kommen jetzt ganz groß raus!«

Auch das Set-up auf der Bühne wird dezidiert klein gehalten. Die Bandmitglieder, alle schlicht in weißer Hose und weißem Shirt, rücken auffällig eng zusammen, könnten einander jederzeit berühren. Snaith postiert sich vorne an der Bühne, im Profil zum Publikum, ihm gegenüber sitzt Brad Weber am Schlagzeug, in zweiter Reihe stehen Ryan Smith und John Schmersal. Die Band hat drei Songs des neuen Albums im Programm, abgesehen von der Vorab-Single »Can’t Do Without You« hört sie das Publikum in Wales zum ersten Mal. Und doch schaffen es Caribou, schon aus dem ersten dieser ungehörten Stücke, dem Panflöten-Knaller »Mars«, einen Hit zu machen. Zunächst wird das Publikum nach minutenlanger Beat-Hypnose mit einer massiven Bassdrum aufgepeitscht, dann am Ende plötzlich von weichen Harmonien umschmeichelt. Die Tiermützen-Teenies springen durch die Zirkusarena, sind hin und weg. Am Anfang der nächsten Nummer wird zur Belohnung auf den Beat mitgeklatscht, Snaith lächelt entspannt und selig ins Publikum. Es kann nichts mehr schiefgehen. Am Ende gibt es ohnehin nur noch Hits: Das von John Schmersal gesungene »Jamelia«, gefolgt von »Odessa«, dem bekanntesten der Swim-Songs, und dann – kennt in den Black Mountains natürlich auch schon jeder – »Can’t Do Without You« vom neuen Album. Zum Abschluss: »Sun, sun, sun, sun …« in einer dramatisch auftrumpfenden Endlosversion. Irgendwann geht die Band dann doch von der Bühne, euphorisch gefeiert.

»Ich denke, das Interessante bei unseren Konzerten ist, die Interaktion zwischen uns vier zu sehen«, erklärt Snaith später. »Deswegen stehen wir so nah beieinander. Wir wollen, dass man genau das sieht: vier Musiker, die gemeinsam etwas erschaffen. Darum geht es. Und nicht um Riesen-LED-Shows und Konfettikanonen oder was auch immer.« Snaith zieht seine Schuhe wieder an, drückt sich das Kassengestell auf die Nase. Er hat es sich angewöhnt, barfuß und ohne Brille zu spielen. »Ich fühle mich da oben dann etwas mehr zuhause, so als wäre ich im Proberaum«, sagt er.

Die vier Freunde umarmen sich hinter der Bühne, wo die Schalenkoffer schon zum Bepacken bereitliegen. Kurzes Schulterklopfen und Köpfezusammenstecken, dann wird schnell wieder abgebaut. Kurz nach der Show – im Far Out Tent feiern inzwischen die 2 Bears mit vier CD-Playern und doppelt so vielen Vortänzern ein Hochfest auf die Freuden von House und Disco – geht es los in Richtung London, die Stadt, in der Snaith seit den Tagen seines Mathematikstudiums zu Hause ist. Im Kleinbus läuft keine Musik, statt Bier und Schnaps gibt es Chips und Wortwechsel über anstehende Konzerte, Autobahnhotels, Zahnärzte, Eselsex in Venezuela, Veggie-Burger und – ausgerechnet bei der drogenfreisten Band zwischen Vancouver und Waldkirchen – über K-Holes. Zwangsläufig kommt auch das Thema Crowdsurfing auf. Viermal habe er sich auf der Swim-Tour über den Köpfen seiner Fans treiben lassen, erzählt Dan Snaith und fängt an, die Orte aufzuzählen: Winnipeg, Dublin … Schlagzeuger Brad Weber unterbricht ihn: »Really?!« Er kann sich nicht mehr daran erinnern, er mag es kaum glauben.

Our Love wäre eigentlich genau der richtige Anlass, das Bad in der ganz großen Menge zu genießen. Snaith befindet sich mit Caribou an dem Punkt, an dem normalerweise die Weichen in Richtung noch mehr Wachstum und Massenerfolg gestellt werden: die teureren Videos, die dickere Show, die größeren Festivalbühnen. Snaith könnte auf den Putz hauen, es wissen wollen, Rock’n’Roll, jetzt oder nie. Aber was macht er? Verschwindet im Keller seines Reihenhauses in Nordlondon und brütet dort monatelang über einer Liebeserklärung.

»Ich bin nicht anfällig für solche Ideen«, sagt er, befragt nach den eventuell anstehenden Veränderungen bei Caribou. »Ich sehe diese Aufgeblasenheit bei vielen Bands ständig weiter zunehmen. Wenn sie erfolgreicher werden, haben sie plötzlich 50 Crewmitglieder und drei Manager um sich und fahren mit zwei Sattelschleppern voll Equipment durch die Gegend. Aber die Show wird dadurch nicht unbedingt besser, auch der ganze Rest wird nicht unbedingt besser. Diese Denkweise – hey, wir sind fett im Geschäft, jetzt müssen wir fett auftrumpfen – finde ich zerstörerisch. Das ist nicht das Spiel, das ich spielen will.«

Caribous Liebesnest erreicht man nur barfuß oder gut besockt. Eine enge, mit weißer und zum Versinken weicher Teppichware ausgelegte Treppe führt hinunter in Snaiths Kellerstudio, ein länglicher Raum von etwa acht Quadratmetern, wenn’s hochkommt. Ein wenig spektakulärer hatte man sich die kreative Keimzelle von Caribou durchaus vorgestellt. Bei seinem Einzug sei das noch ein Kohlenloch gewesen, erklärt Snaith. Der Boden bestand aus Erde, man habe über einen halben Meter abtragen müssen, um ohne Klaustrophobie aufrecht stehen zu können. In einer Ecke fand sich ein verrosteter Soldatenhelm aus dem Ersten Weltkrieg. Im Haus direkt nebenan wohnte Hayden Thorpe von der befreundeten Band Wild Beasts. Vielleicht war ihm der Kellerausbau zu laut geworden, scherzt Snaith, mittlerweile ist er ausgezogen.

Das Auffälligste im Raum ist die transparent grüne Plastikfolie, die mit Kreppband über die Synthesizer geklebt ist, außerdem das große Piratenschiff aus Holz, das unter dem Rhodes-Piano seine Kreise zieht. »Das ist leider nicht meins«, stellt Snaith lachend klar. Die Wände sind schmucklos, kein einziges Tourplakat wurde aufgehängt, kein Foto mit Thom Yorke, nicht mal ein arithmetisches Diagramm. Das Plattenregal auf einer Seite des Raums wirkt sehr aufgeräumt, rundherum sorgt der Platzmangel immerhin für ein wenig produktives Chaos. Seit drei Jahren arbeitet Snaith hier und lebt sein neues, ganzheitliches Leben. »Die Gegend hier ist bevölkert von kleinbürgerlichen Eltern mit einem oder zwei Kindern. Dafür ist Stoke Newington bekannt, es ist quasi das Äquivalent zu Park Slope in New York. Zwei Wochen, bevor unsere Tochter geboren wurde, sind meine Frau und ich hierher gezogen, sozusagen genau in das für uns vorgesehene Klischeeviertel.«

Drei Tage sind seit Caribous Green-Man-Auftritt vergangen. Eine Festival-Show in London musste kurzfristig abgesagt werden, Snaith kam der unerwartete freie Tag entgegen, er feierte mit seiner Familie den dritten Geburtstag seiner Tochter. Aus den Schokoladenresten der Festtagstorte werden oben in der Küche gerade Trüffel mit Walnusssplittern gerollt, während Snaith die Plastikfolie von den Synthesizern abnimmt und sein Modularsystem erklärt, stolz einen Buchla Music Easel vorführt und erzählt, wie wichtig für die Produktion des neuen Albums der Roland Juno-6 war, den er seiner kanadischen Freundin Jessy Lanza abkaufte. Lanza sang im Gegenzug eines der schönsten und ungewöhnlichsten Stücke auf Our Love ein: »Second Chance«, einen R’n’B-Hit ganz ohne Kickdrum, getragen allein von ihrer Stimme und vom Pulsieren und Schwellen der unverwechselbaren Caribou-Akkorde. Zum Kreativbeirat bei Entscheidungsnotstand gehörten während der Albumproduktion neben Jessy Lanza außerdem Snaiths alte Freunde Kieran Hebden alias Four Tet und Jeremy Greenspan von den Junior Boys sowie Owen Pallett, dessen Fiedelmichel-Einsprengsel im Our-Love-Klangkosmos allerdings seltsame Fiedelmichel-Fremdkörper bleiben. Um das Artwork (und übrigens auch um die wenigen ausgefalleneren Stücke in Snaiths Kleiderschrank) kümmerte sich erneut der Fotograf Jason Evans.

Ein Song wie »Second Chance« klingt leicht und licht und mühelos, wie alle der neuen Stücke hat er aber eine endlose Abfolge von Metamorphosen hinter sich. Snaith schaltet den Computermonitor an und öffnet einen Projektordner mit angefangenen Tracks: 1436 Dateien. »Viele davon sind Sicherungskopien«, beschwichtigt er, »das sind insgesamt rund 800 Ideen. Aber da sind auch drei Jahre Arbeit eingeflossen, das macht also weniger als eine Idee pro Tag. Musik machen ist wie nach Gold schürfen. Meist steht man mit leeren Händen da. Anfangen ist für mich nicht das Problem. Ich habe Klavierspielen gelernt, ich habe gelernt zu improvisieren. Es herrscht nie ein Mangel an Ideen, aber die meisten davon sind nicht besonders gut. Wenn das hier 800 gute Ideen wären, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden!«

Da hat man ihn endlich erwischt: beim Tiefstapeln. Dan Snaith ist ziemlich sicher auch mit nur zehn guten Ideen in drei Jahren einer der glücklichsten Menschen auf Erden. Die Geschichte von Caribou ist die von einem, der auszog, um sich dagegen zu wehren, Popstar zu werden. Und der genau damit neu definiert hat, wie eine solche Starschnittfigur heute aussehen könnte: wie ein Erdkundelehrer. Ohne Allüren und auffällige Ecken und Kanten, ohne Lächerlichkeiten beim Züchten eines überdimensionierten Egos und beim Pflegen einer irrealen öffentlichen Persona (vom Sandalen-plus-Socken-Faible mal abgesehen). Vielleicht sollte man sich einfach angewöhnen, den Snaith’schen Exzess an Normalität als den allergrößten aller Spleens und als die verrückteste aller Extravaganzen zu sehen. Wenn Normcore das letzte Abenteuer in der liberalisierten Popwelt ist, dann wird aus Dan Snaith der nächste Michael Jackson. Fürs Erste ist und bleibt er der unwahrscheinlichste und liebenswerteste Popstar dieser Tage.

Snaith schaut sich in seinem Acht-Quadratmeter-Kellerstudio um. »Alles außerhalb dieses Raums hier hat sich so sehr verändert: die Reaktionen auf Swim, die Shows, die wir spielen, mein Privatleben«, sagt er – und findet gleich ein wunderbar unscheinbares Bild, um all diese Veränderungen zu beschreiben: »Wir schleppen diese Koffer mit uns herum, auf denen Caribou steht. Vor Swim hätten wir damit durch den Rough-Trade-Plattenladen laufen können, und niemand hätte uns aufgehalten. Aber jetzt – na, ich will nicht behaupten, dass wir berühmt sind, aber es passiert immer wieder, dass auf irgendeinem Flughafen jemand ankommt und ruft: ›Hey, Caribou!‹«

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX °356 erschienen, die versandkostenfrei im Online-Shop erhältlich ist.

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