Candelilla von links: Lina Seybold, Mira Mann, Rita Argauer & Sandra Hilpold   FOTO: Nikolas Fabian Kammerer

Candelilla aus München sind derzeit wieder mit ihrem Album Heart Mutter auf Tour. Noch während ihrer letzten Termine hat SPEX die Gruppe zum Interview getroffen.

Das Gespräch kreist dabei vor allem um den vertrackten Schreibprozess hinter dem stechenden Sound der mit Steve Albini in Chicago aufgenommen Platte. Das türkische Restaurant, in dem wir uns treffen, führt keinen Alkohol. Gitarristin Lina Seybold, Bassistin Mira Mann, Klavieristin Rita Argauer und Schlagzeugerin Sandra Hilpold beratschlagen die ideale, gemeinsame Bestellung.

Candelilla, Sie gelten als diskussionsfreudige Band mit DIY-Ethos. Sind Abstimmungen bei Ihnen ein gängiges Mittel?
Mira Mann: Sie meinen mit Handzeichen? Nein, aber normalerweise kommt es tatsächlich zu Mehrheitsentscheidungen. Es gibt allerdings ein Veto-Recht.
Rita Argauer: Wir haben ein Ausprobier-Credo. Auch wenn eine etwas Scheiße findet, probieren wir es zumindest erstmal aus.

Gilt dieses Credo vor allem für die Aufnahmesituation?
MM: Im Studio selbst war jeder auf seiner eigenen Forschungsreise, Sandra an den Schlagzeugen, ich die Bassverstärker durchprobierend. Beim Schreiben war ging es allerdings sehr stark nach dem Credo vonstatten.
RA: Das konkrete Beispiel dazu ist die »23/33«, die es ja schon im Namen trägt. »This is just a romantic concept…« kam aus der verworfenen »23«, wurde allerdings später wieder aufgegriffen.
MM: Da wird der Prozess deutlich.

Wurden auch Lieder bereits komplett verworfen?
RA: Das kann durchaus passieren. Die »20« oder »24« existieren als Ideen, blieben aber auf der Strecke.
MM: Wir bemühen uns allerdings sehr um Ideen. Die Albumsongs wurden im Übrigen schon vor Chicago fertig geschrieben.

Mit Verlaubt, wie konnten Sie sich die Aufnahmen dort eigentlich ohne Hintergrundstrukturen leisten?
RA: Ein netter Mensch aus München hat uns unterstützt. Die Flüge und das Leben dort selbst waren unser Urlaub und wurden somit privat oder aus der Bandkasse bezahlt.
MM: Für diese private Förderung sind wir noch sehr dankbar.
RA: Dabei ist Förderung generell ein schwieriges Thema für Candelilla. Wir sind etwa zunächst zur österreichischen GEMA-Variante, der austro mechana, gegangen, weil es dort Albenförderungsfonds gab. Um diesen SKE-Fond haben wir uns dann allerdings nie richtig beworben. Später hat Sandra versucht, bei der Initiative Musik Tourförderung zu bekommen…
MM: Da waren wir allerdings schon auf Tour, in Spanien. Also wie immer viel zu spät.
RA: Jetzt wird die Albumpromo gefördert. Prinzipiell finde ich staatliche Pop-Förderung auch ausgesprochen angebracht.

Mit dem Konzept dürften Sie in Ihren anderen Tätigkeitsbereichen wie dem Theater oder sozialen Kunstprojekten bereits Erfahrungen gemacht haben. Wie fällt die Zeitaufteilung aus Sicht der Band aus?
MM: Wie haben in den letzten Jahren gut gelernt, uns gegenseitig zu unterstützen. Es gibt immer Bewegungen, die wir gemeinsam machen. Und jeder kümmert sich auch mal stärker um die Band für die anderen.
RA: Wir machen alle unglaublich viel, nehmen uns aber für die Touren frei.

Gab es kollektive Überforderungsmomente?
Lina Seybold: Die gab es immer wieder. In letzter Zeit allerdings nicht. Das ist bisweilen alles sehr viel und kann einen überrollen; eine Albumveröffentlichung, die Promo, das Touren.

Fühlt sich die Veröffentlichung bei Zick Zack denn noch wie eine reguläre an? Sie hatten Heart Mutter schließlich bereits zuvor selbst auf Tour vertrieben.
RA: Durch die ganze Promo war es doch anders. Es hat sich jetzt tatsächlich wie eine Veröffentlichung angefühlt.
MM: Wir sind große Siebdruck-Fans und es war uns wahnsinnig wichtig, eine Siebdruckauflage zu haben.
RA: Das hing auch mit der Spanientour zusammen, die wir wohl nicht sobald wiederholen werden. Zu diesem Zeitpunkt war unser letztes Album bereits ausverkauft.

Wie werden Ihre deutsch-englischen Texten dort eigentlich aufgenommen?
MM: Als wir etwa in London gespielt haben, habe ich mir erst darüber Gedanken gemacht, als ich mit »Reiner Wein begräbt mein Herz…« zu singen begann. Scheiße, das versteht ja jetzt niemand! Das hat mich damals noch total durcheinander gebracht. In Spanien hingegen hat sich alles sofort übersetzt. Dort ging es um Strukturen und Energie. Unsere Musik, dieses Brüchige, ist da im Übrigen sehr dankbar, auch wenn die Texte nicht verstanden werden.

Inwiefern entstehen diese Brüche organisch bzw. werden bewusst geplant?
MM: Meinen Sie die »29«, wo man Strophe und Refrain hat und in der Mitte diese brennende Gitarre?
Auch das. Vor allem denke ich aber an das Klavier von Rita, das immer wieder gegen die einzelnen Songs anzuarbeiten scheint.
RA: Das liegt sicherlich auch an dem Instrument an sich. In der Besetzung Gitarre-Bass-Schlagzeug-Klavier wird es immer Frequenzdoppelungen geben. Bei den ersten Platten mussten wir noch lernen, dass es sich dadurch frisst, dass es matscht, wenn sich alles überlagert. Mittlerweile hat es sich sehr organisch ergeben, dass wir sehr modular arbeiten, einzelne Module für die Instrumente entwickeln und diese linear gegeneinander laufen lassen. Die Brüche, die das Klavier selbst evoziert, entstehen jedoch organisch. Wobei, beim Jammen achte ich schon darauf, wo ich rein pieksen kann. Die Struktur muss klar bleiben.
MM: Dieses Forschen, Was kann ein Instrument innerhalb eines Songs?, das gilt allerdings für alle. Mit Lina an der Gitarre spiele ich am Bass zum Beispiel in der »32« einen Ton und sie spielt ihn weiter. Sandra wiederum lässt oft auch ihre Becken oder Tomtoms weg, damit wir anderen Luft haben.
LS: Überhaupt schauen wir eher darauf, was wir selbst bei uns noch wegnehmen können, um die anderen Instrumente zu stärken.
MM: Gleiches gilt für die Stimmen.
RA: Schon beim Vorgängeralbum reasonreasonreasonreason ging es uns darum, was ein Song wirklich braucht – und was man weglassen kann an Füllmaterial. Auf Heart Mutter hat sich diese Suche festgesetzt und alles wirkt nicht mehr im Nachhinein auseinander gerissen, sondern ist direkt so entstanden.
MM: Genau! Dieses Wie-sollen-unsere-Songs-werden? ist in einem Bumerang-Effekt wieder in das Jammen zurückgeflossen.

Wurde Steve Albini für diesen Weg bewusst von Ihnen ausgewählt?
MM: Das war eher eine spielerische und soundtechnische Entscheidung, weniger eine des Songschreibens. Wir wollten das Album zu viert gemeinsam aufnehmen und Steve Albini war dafür eine gute Adresse. Zumal Grunge für die Jüngeren, Lina, Rita und mich, immer ein gemeinsamer Ankerpunkt war.
LS: Das war die erste Schnapsidee, ihn direkt anzuschreiben, und sie hat direkt geklappt.

Bei Ihren Texten fällt auf, dass einige komplett in Englisch gehalten sind, deutschsprachige Texte allerdings nie ohne den Mindestzusatz einer englischen Wendung auskommen.
RA:  Erst letztlich habe ich erneut Breakfast At Tiffany’s gelesen, in dem Holly Golightly als kosmopolitische Dame ihrer Zeit beschrieben wird, stets bemüht, französische Wendungen in ihre Sprache einfließen zu lassen. Das ist einszueins übertragbar auf das Englische und das Deutsche heute. Ein reiner Zeitaspekt.
MM: Ich liebe das Englische in den deutschen Texten als Kommentarfunktion. Man macht sofort ein weitere Tür aufmachen.

Von Candelilla ist zuletzt die gemeinsame Splitsingle mit Die Nerven, Fick Dich Alter!, beim Label Euphorie erschienen. Im Kulturausbesserungswerk in Leverkusen feiern sie zudem am Freitag die Veröffentlichung einer limitierten Kassette mit dem gemasterten Mittschnitt ihres letzten Konzertes vor Ort.

Candelilla live
03.10. Hamburg – Molotow
04.10. Recklinghausen – AKZ
05.10. Leverkusen – Kulturausbesserungswerk
25.10. Graz – Postgarage
08.11. Rostock – IKUWO
09.11. Greifswald – PWH
16.11. Karlsruhe – KOHI
22.11. Regensburg – W1
23.11. Passau – Zeughaus