Cakes Da Killa „Hedonism“ / Review

Hip-Hop erlebt gerade seine Emanzipation und Hedonism ist eine wichtige Wegmarke. Noch nie gab es an der Grenze zum Mainstream einen ähnlich flamboyanten Rapper wie Cakes Da Killa – und selten waren die Reaktionen darauf positiver.

Sie mögen Hip-Hop nicht wirklich? Weil dieses hypermaskuline Gepose und das ständige Geprahle mit Dingen, auf die man nicht stolz sein sollte, Ihnen zu platt ist? Sich nicht mit Ihrer belesen-philantropischen Uni-Sozialisation in Einklang bringen lässt? Ohnehin keinen sonderlichen großen künstlerischen Wert hat? Ganz okay sein kann, aber nicht mit, sagen wir, Nils Frahm zu vergleichen ist?

Glückwunsch, Sie sind nicht nur einwandfreier Alltagsrassist, sondern haben auch eine der wichtigsten popkulturellen Entwicklungen der vergangenen Jahre gänzlich verpasst. Rapmusik ist nämlich spätestens seit Lil Waynes Tha-Carter-Triologie eines der letzten verbliebenen echten Innovationszentren des Pop. Während sich Rock beständig im eigenen Saft suhlt, elektronische Musik sich weiter zerhackstückelt, die sogenannte „Neue Klassik“ sich damit zufrieden gibt, ihr Publikum mit Schönklang zu transzendieren und auch R’n’B im Prinzip die drei gleichen Neunziger-Zutaten immer weiter recycelt, denkt Hip-Hop als einziges Genre tatsächlich in die Zukunft.

Was auf den ersten Blick wie eine platte Aneinanderreihung notgeiler Kalauer wirkt, hat in Wahrheit einen emanzipatorischen Hintergrund.

Eine kleine Armada progressiver Künstler erweitert beinahe mit jedem neuen Song die Grenzen dessen, was man einst als Rap bezeichnete. Beispiele? Young Thugs Gesangstil irgendwo zwischen Raggae und universalem Wehklagen und das Cover seines neuen Albums Jeffery, auf dem er sich in einem androgynen Kleid des italienischen Designers Alessandro Trincone zeigt. Oder Danny Brown, der sich auf Atrocity Exhibition knietief in eine Art Postpunk-Rap der sonnenabgewandten Sorte stürzt. Und natürlich Cakes Da Killa. Der aus New Jersey nach New York City umgesiedelte Rapper ist offen schwul und rappt eigentlich über nichts anderes als Schwänze.

Cakes Da Killas Debüt-Mixtape The Eulogy etwa wandelte an einer Stelle den Refrain von Frank Oceans „Thinkin Bout You“ ohne ironische Brechung in „I’ve been thinking bout dick“ ab. Und auch der Rest des Langspielers drehte sich vor allem um Sex und Orte an denen gevögelt wird: Ein Honda Civic, die Clubtoilette oder die Wohnungen einiger snow bunnys, was für Cakes junge, gut betuchte weiße Männer beschreibt.

Was auf den ersten Blick wie eine platte Aneinanderreihung notgeiler Kalauer wirkt, hatte in Wahrheit einen emanzipatorischen Hintergrund. The Eulogy reaktivierte die gleiche Agenda, die Lil‘ Kim schon fast zwei Jahrzehnte zuvor beschritten hatte. Auch sie gerierte sich als raunchy bitch, warf jede Etikette über Bord und machte ihren Job dabei so gut, dass man als Hörer beinahe davon überzeugt war, dass dieser zügellose Hedonismus tatsächlich eine erstrebenswerte Lebensform sei. Dass es der New Yorkerin dabei um mehr ging, als amerikanischen Müttern ein abschreckendes Beispiel für ihre Töchter abzugeben, wurde erst retrospektiv klar. Gerade Lil‘ Kims Debüt Hard Core war eine radikale Kampfschrift dafür, dass es gut ist, als Frau Sex und Spaß haben zu wollen – ein Rezept, von dem nicht zuletzt unzählige weibliche Popstars nach ihr profitierten. Hedonismus als Vehikel der Befreiung.

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