Cadaver In Drag

Als die Wolf Eyes im Jahre 2004 ihre erste Platte bei Sub Pop veröffentlichten, wiesen sie bereits eine über siebenjährige Bandhistorie auf. Trotzdem wurde »Burned Mind« vielerorts als das offizielle Debüt des Trios wahrgenommen. Die Unmengen an CD-Rs und Kassetten, die über die Jahre hinweg das musikalische Selbstverständnis dieser Band formten, wurden oftmals schlichtweg ignoriert. Dass Cadaver In Drag ein ähnliches Schicksal droht, könnte sich unter Umständen bewahrheiten, begutachtet man die Rezeption ihrer aktuellen Platte »Raw Child«, die vor kurzem auf dem amerikanischen Label Animal Disguise erschienen ist.

    Das üppige Vorwerk, ausschließlich auf streng limitierten Tonträgern aufgelegt, wird in zahlreichen Reviews schlichtweg ausgeblendet und das obwohl einige dieser Releases sogar bei Animal Disguise selbst verlegt wurden. Dabei ist ein Rückblick von essentieller Signifikanz um den augenblicklichen musikalischen Stand des aus Lexington/Kentucky stammenden Trios zu diagnostizieren. Um den eigenwilligen Sound zunächst grob einzuordnen, empfiehlt es sich vorab einen Blick auf die Musiker zu werfen. Am auffälligsten ist Schlagzeuger Josh Lay, der bisher als finsterer Lärmexperimentator in Erscheinung getreten ist. Seine musikalischen Versuche vermengen die gandenlosen Feuerstürme britischer Power-Electronics mit den zeitgenössischen Kellerklängen amerikanischer Provenienz. Dabei schielt der bärtige Unruhestifter, dessen Reputation in der vitalen amerikanischen Noise-Szene immer größer zu werden scheint, auch auf die blasphemischen Misanthropien des Black Metal – das von ihm betriebene Label Husk Records veröffentlicht in Bälde eine Kassettenbox die beabsichtigt, die offensichtlichen Verschmelzungen zwischen Noise-Musik und den diversen Derivaten des Heavy Metals zu dokumentieren. Gitarrist Ben Allen widmet sich unter dem Namen Caves repetitiven Noise-Rock-Beschwörungen und Bassist Jason Schuler zeigt sich fasziniert von dem Zerstörungspotential billiger Effektpedale. Mit von der Partie, wenn auch nur als Gastmusiker, ist Robert Beatty, der seine manischen Synthesizer-Sprengsätze sonst bei Hair Police zur Detonation bringt.

    Es handelt sich bei der Musik von Cadaver In Drag also um ein Amalgam aus Noise und Metal. Exemplarisch für diese Verbindung sind beispielsweise die beiden Kassetten »Full Of Hatred« und »From Uterus To Landfill« auf denen eine dreckige Melange aus verzerrten E-Gitarren, polternden Drums und dämonischen Vocals ihr Unwesen treibt. Dennoch gestalten Cadaver In Drag ihre schwarzen monochromen Klangflächen weitaus differenzierter als der erste Höreindruck vermuten lässt. Ihre metallischen Crescendi weisen stets auch eine Verbindung zum Hardcore auf. Es wird allerdings nicht versucht, eine Anleitung zum politisch aufmerksameren Leben zu verklanglichen, sondern in einer lebensverneinenden Trostlosigkeit stehen diese Hardcore Anklänge Formationen wie beispielsweise »Flipper« weitaus näher.  Diese Form von akustischem Heroin wird perfekt auf »Septic Tomb« in Szene gesetzt nun aber mit einer weiteren stilistischen Abspaltung verbunden, die das musikalische Moment von »Raw Child« maßgeblich dominiert.

    Die Rede ist von der zermürbenden Heavyness und packenden Monotonie des Doom- und Stoner-Metals. Das zwanzigminütige Eingangsstück »Walking Through The Gates Of Hell« besteht im Zentrum ausschließlich aus einem einzigen, langsam vorantreibenden Riff, das in unterschiedlichen motivischen und dynamischen Variationen präsentiert wird. Darüber legen sich sparsam gesetzte atonale Gitarrenfiguren, Knacklaute, die auf defektes Equipment schließen lassen und brutale Bassattacken, bestehend aus zwei maßlos verzerrten Singlenotes. Interessant ist das klangliche Erscheinungsbild, das durch geschickte Manipulationen den Eindruck fließender Kontinuität vermittelt. Bei »Fuck This Place« wird zwar das Tempo angezogen, das Prinzip ist allerdings identisch. Erneut sägt sich hauptsächlich nur ein Riff durch ein Hölle aus kochenden Verzerrungen, bricht mittendrin weg, gibt Feedbacks Entfaltungsraum, nur um dann noch intensiver und härter wieder in Erscheinung zu treten als vorher. Beim dritten und letzten Stück »Secession 61« gruppieren sich Gitarre, Bass und Schlagzeug um ein fesselndes Orgelmotiv, das in seiner hypnotischen Dringlichkeit an psychedelische Rockmusik und deren Versuche der transzendentalen Bewusstseinserweiterungen erinnert.

    »Raw Child« präsentiert Cadaver In Drag auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Kräfte und beweist, dass der amerikanische Noise-Underground nicht ausschließlich aufgrund seiner Produktions- und Distributionswege von einer fraglichen Beliebigkeit erfüllt ist, sondern auch nach wie vor interessante Bands hervorbringen kann, deren musikalische Programmatik einem Schlag in die Magengrube gleichkommt.

LABEL: Animal Disguise

VERTRIEB: Import

VÖ: 10.12.2007

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