Cabaret Voltaire #7885 (Electropunk To Technopop 1978-1985)

Pop wird älter, entwickelt ein Gedächtnis und bleibt – entgegen Simon Reynolds’ Provokation – aufregend: Das Graben in der Popmusikgeschichte macht Spaß, wenn man bei jüngeren Bands oder älteren Freunden produktive Hinweise erhält, sich auf die Spur begibt und immer tiefer eintaucht, lost im nach vorne schauenden Retro-Space. Doppelte Freude verursacht allerdings das Wiederentdecken, zunehmend und immer umfassender aufgrund kultürlicher Logik als progressive Bewegung zu beobachten: Wie toll war und ist das denn? Demgegenüber steht freilich die RTL-Chartshow-Variante, hier eher als regressiv zu verstehen: Ich möchte noch einmal gestern sein. Gähn.

Richard H. Kirk, Stephen Mallinder und zu Beginn Chris Watson aus dem englischen Sheffield haben mit Cabaret Voltaire in 20 aktiven und dann 20 eher ruhenden Jahren (Kirk ist der einzige verbliebene Aktive) ein sehr ertragreiches, multimediales Projekt erschaffen und hatten niemals Angst vor Experimenten. Industrial trifft Noise trifft Post-Punk trifft Tanzboden trifft Synthiepop und so weiter. Cabaret Voltaire sind komplex, in der Hinsicht, dass es bisher nicht gelungen ist, sie ironisch zu brechen und (nicht mal) rückblickend in irgendeiner Hinsicht zu verlächerlichen. Im Gegenteil: Sowohl die aufwändige CD/Vinyl-Box #8385 (Collected Works 1983–1985) als auch insbesondere das nun veröffentlichte, im Zeitraum erweiterte Kondensat #7885 (Electropunk To Technopop 1978–1985) passen genau in eine Zeit, in der Kühle, Experiment und Utopiesuche bei gleichzeitiger Neigung zur Dystopie erneut relevant sind. Sei es nun Cabaret Voltaires frühe Phase um Industrial- und Geräuschmusik, sei es ihr Durchbruch auf den Tanzflächen des dunklen New Waves mit Hits wie »Nag Nag Nag«, »Do The Mussolini (Headkick)« oder »The Crackdown« oder – der letzte fantastische Song läutete sie ein – die durchaus spannende Hinwendung zu so etwas wie HipHop, Reggae, Dub (»Seconds Too Late«), Electro (die alte Version) und Funk.

Cabaret Voltaire wurden oft sehr unterschiedlich gelesen, sie sind im besten Sinne und bei aller vorübergehenden Sperrigkeit das, was der britische Kommunikationswissenschaftler John Fiske einen populären Text nennt: Sie sind polysem. Im Grunde, und hier ist der Zeitzeuge dann doch im Vorteil bei allem Neid auf die Naivität des Hinzugekommenen, sollte man sich einfach (wieder) dem normalen Œuvre widmen. Die eigentlichen Songs beziehungsweise hier fast schon Tracks sind stark und postmodern genug, um sie noch einmal oder gänzlich neu zu hören. Insbesondere bei wegweisenden Bands fällt es zunehmend schwer, sich durch den Dschungel an Re-Releases, Compilations, Versionen und Outtakes zu wühlen. Hier scheint Konzentration geboten ebenso wie Fallenlassen in die totale Funkiness von Stücken wie »Breathe Deep«, »Sensoria«, »Kino« oder »I Want You« – um dann doch die noch cooleren Maxi-Singles hervorzukramen. Die kalte Party kann (wieder) beginnen.

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