Burial Untrue

Entstanden als begrifflicher Notnagel im steten Fluss der britischen Breakbeat-Evolution, hat das Fantasiekonstrukt Dubstep mittlerweile ein beachtliches Eigenleben entwickelt. Grime-MCs fallen rudelweise über Benga & Cokis Spätsommerhymne »Night« her, jeder halbwegs ambitionierte Techno-DJ brüstet sich mit mindestens einer DMZ- oder Hyperdub-Maxi in seiner Kiste, kürzlich sollen sogar vereinzelt Frauen vor den Toren Croydons gesichtet worden sein. Spätestens seit sich Ricardo Villalobos, der Privatjesus der Minimal-Gemeinde, an einem Track des Dubstep-Produzenten Shackleton zu schaffen machte, kennt die Aufregung endgültig keine Grenzen mehr. Doch während die ›Szene‹ immer hektischere Diversifizierungsdebatten austrägt und damit hübsch das 97er-Szenario zu wiederholen droht, als zwischen unzähligen Drum’n’Bass-Splitterströmungen schon einmal die Seele einer ganzen Bewegung verlustig ging, dreht der brillante Sonderling Burial weiter unbeirrt an seinem eigenen Zeiger.

     Geschlechts- wie gefühlsneutrale Vocalfragmente, Flächen aus dem reichhaltigen Repertoire der britischen Rave-Romantik, darunter zeitversetztes Donnergrollen, zusammengehalten von professionell vernebelten 2-Step-Referenzen. Das Ganze nicht minder gekonnt verklärt durch konsequente Öffentlichkeitsverweigerung in der Tradition von Underground Resistance und Rhythm & Sound – dass Hyperdub kürzlich auf seinem Blog ein »offenes und extrem leidenschaftliches« Interview zwischen Labelbetreiber Kode9 und seinem Vorzeigeproduzenten veröffentlichte, trug nur noch weiter zur Mythenbildung bei.

     Dabei liegen die Fakten auf der Hand, sobald man den ganzen Sekundärschnick einmal außen vor lässt und sich für die fünfzig wundervollen Minuten von »Untrue« dem tatsächlichen Schnack zuwendet. Detroit, Dub, Sun Ra und all die anderen Einflüsse, die mit großer Sorgfalt ins zu Recht gefeierte Erstlingswerk »Burial« von 2006 gedichtet wurden, hat der Südlondoner allenfalls aus dritter Hand gefressen; er versteht sich als Kind einer urenglischen Wochenendtradition und verharrt folgerichtig streng in der dafür vorgesehenen Metaphorik: »Untrue« ist Musik für die Heimkommenden und Daheimgebliebenen, für die rastlose Leere zwischen dem letzten Break und dem Break-Of-Dawn, für das finale Xbox-Manöver oder den Frühimbiss »In McDonald’s« (wie einer der offensichtlichsten Ambientmomente der Platte konsequenterweise betitelt ist). Dass die Platte dennoch nicht in Rührseligkeit und MDMA-induzierter Haltlosigkeit versinkt, dafür sorgt schon nach einem knapp einminütigen Herbstgeräusch zum Auftakt der Übertune »Archangel«, gleichermaßen Höhepunkt und Kernstück der Platte. Die Stimmen scheinen in ihrer ultraemotionalen Trivialität zwischen Champagner-Euphorie und Herzschmerz direkt dem goldenen Speed-Garage-Zeitalter entlehnt, rücken Burials Schaffen damit stärker als je zuvor in die Nähe von R&B und zerschmettern gleichzeitig die Mär vom Futurismus, der dieser Musik angeblich innewohnt: Viel mehr als Visionen sind Burials Tracks Erinnerungen, Überhöhungen eines längst verblichenen Gefühls, unterbrochen immer wieder von den ratternden Fahrgeräuschen der ersten U-Bahn. Das entscheidende Stilmittel ist hier Distanz, die Referenzen sind stets als solche zu erkennen, dabei aber viel zu sorgsam gedämpft, als dass sich konkrete historische Bezüge herstellen ließen.

     »Etched Headplate« etwa erinnert noch stärker als »Archangel« an die zügellose Aufbruchstimmung im UK Garage – aber eben so, als hätte man den DJ Karl »Tuff Enuff« Brown immer nur durch die Trennwand zum ›Second Room‹ gehört, Sekunden vor dem Drop der nächsten Dillinja-Bombe; Stücke wie »Endorphin« oder »Dog Shelter« verzichten sogar komplett auf jede Beatstruktur und leben alleine von der Ahnung einer Abfahrt. Auch das abschließende »Raver« ist so ein formidables Stück individueller Durchdrehgeschichtsschreibung, die dramaturgischen Versatzstücke sind die einer x-beliebigen Dancefloor-Hymne, in ihrer Abfolge aber sind sie wirrer komprimiert als in jedem Wodka-Energiegetränk-gestörten Morgentraum. Was heißt schon Wärme, wenn vor einem nackter Beton vibriert? Was heißt schon Kälte, wenn das Stella noch in der Kehle kratzt? Die Kategorien greifen nicht mehr, wenn sich Burial mit der gnadenlosen Subjektivität des Spätgeborenen durch sein persönliches Hardcore-Kontinuum gräbt, dabei scheinbar wahllos seine Lieblingstracks aus dem Gedächtnis rekonstruiert und somit einen tatsächlich ureigenen Sound schafft.

     Eine sinnvollere Aufarbeitung des Londoner Wobble-Wahnsinns von Digital Mystikz und Co. jedenfalls wird dieser Tage nicht auf Doppelvinyl gepresst werden. »Untrue« ist nur deswegen nicht das »Timeless« (Goldie) des Dubstep, weil der Zug für Genres schon lange abgefahren ist.

LABEL: Hyperdub Records

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 09.11.2007

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