Bum Khun Cha Youth

Neulich schunkelten in Frankfurt am Main Alt-68er im Gespräch mit Christiane und Gottfried Ensslin, Geschwistern von Gudrun Ensslin, im gewohnten Takt: Früher war die Linke noch links, Protest noch Protest; und wo ist heute nach Art Gudrun Ensslins der zivile Widerstand? Zwischen RAF und zivilen Widerstand passte kein Atemzug, erst recht kein Gedanke.
    Nun legen Bum Khun Cha Youth ein Album namens »Alarm! Hanns-Martin ist verschwunden« vor.

    Die Musik ist simpler, schmissiger Achtziger-Synthie-Plastikpop. Einige schöne Texte handeln von Beziehungen. Andere von der RAF, und die machen es einem nicht so leicht. »Er war nicht unschuldig / und er war in der Partei / Ihn umzubringen, war das okay? /  Sag mal leise, sag mal laut / Was zu denken sich sonst keiner traut / We all thank you R.A.F.«, flöten Uli Nachtigall und Linus Volkmann. Abgesehen davon, dass sehr wohl Menschen aussprechen, mit Hanns-Martin Schleyer habe es »nicht den Falschen getroffen«: Wer in Erwägung zieht, ob es »okay« sei, jemanden umzubringen, kann schlecht auf den Staat deuten, der Terroristen in Isolationshaft steckt. Die Anspielung auf Ensslins und Ulrike Meinhofs Hungerstreik in Köln-Ossendorf »In der Kantine vom Toten Trakt / fühlst du dich echt abgefuckt / Du wirst zum Essen gezwungen / bis du endlich nichts mehr wiegst« (in »Hungern gegen den Staat«) ist in der Pointe zwar schlau: Man fügt sich, isst, nimmt zu und verliert doch an Gewicht. Aber ein bisschen dämlich sind diese RAF-Verweise eben auch.

    Popsongs sind keine Uniseminare, und ganz bestimmt wollen Bum Khun Cha Youth die politisch korrekte Mehrheitsmeinung gegen den Strich bürsten. Es ist nicht cool, darauf hinzuweisen, dass Morde aus welchen Motiven auch immer nicht cool sind. Aber wenn im Booklet der »mitunter exzessive Antisemitismus« der RAF als offenbar heikelstes Problem dargestellt und über die 34 Toten des Terrors und ihre Angehörigen kein Wort verloren wird, muss man darauf hinweisen. Ein, zwei Gedanken mehr hätten aus dieser Platte eine bessere gemacht.

LABEL: Tumbleweed Records

VERTRIEB: Broken Silence

VÖ: 26.10.2007

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