Bryan Scary

Das Debüt des Multiinstrumentalisten Bryan Scary aus Philadelphia bewegt sich kaleidoskopisch zwischen Psychedelic-Art-Pop à la The Kinks (»The Kinks Are The Village Green Preservation Society«, 1968), angepinseltem Glam-Rock der Bolan-Schule, den Pop-Chorälen E.L.O.s und den Beach Boys der »Pet Sounds«-Ära. Auch ein wenig Tuntentheater vom Schlage der nicht tot zu kriegenden »Rocky Horror Picture Show« steckt im epischen Erstwerk des Entertainers, dessen Live-Shows für ihre Varieté-Atmosphäre bekannt sind. Mancher Kommentator hat »The Shredding Tears« gar als zeitgenössisches »Sgt. Peppers« bezeichnet, und der Vergleich ist nicht allein aufgrund der gelegentlichen McCartneyhaftigkeit des Gesangs nachvollziehbar, wenn der wie in »The Lessons I Learned« einmal unexaltiert sein darf. Warum nur vermag »The Shredding Tears« trotz all dieser vielversprechenden Koordinaten nicht über die gesamte Albumlänge zu überzeugen?
    Es liegt sicher nicht daran, dass die Musikgeschichte für Bryan Scary im Wesentlichen mit dem Jahr 1975 zu Ende ist. In einer Zeit, in der bereits ein synthetisch operierender Eklektizismus gelobt werden muss, weil er sich durch die schöpferische Eigenleistung des Collagierens von der bloßen Imitation einzelner Bands positiv abhebt, taugt dies nicht als Verdiktgrund. Was das bis auf die Drums mit viel Liebe im Alleingang aufgenommene hyperverspielte Glam’n’Roll Album in weiten Teilen schwer genießbar macht, ist vielmehr der Umstand, dass – ähnlich wie bei Frank Zappas Mothers Of Invention (z.B. auf »We´re Only In It For The Money«, 1967), aber ohne deren sarkastische Kraft der Persiflage – zehn Songideen in ein Drei-Minuten-Stück gepackt werden. Für zwanzig Sekunden stellt sich dann Verzückung ob des zuckrigen Harmoniegesang Scarys ein – bevor ein radikaler Akkordwechsel sein »And now something completely different« verkündet. Das ist enervierend, weil durch das Reizbombardement sinnlich überfordernd. Oder es bedarf der richtigen lysergischen Medikation. Jedenfalls zeigt sich, dass mehr mitunter weniger ist. Gewiss: Auch »Sgt. Peppers« oder »Their Satanic Majesties Request« (ebenfalls 1967) der Rolling Stones beinhalteten durchgeknallte Zirkus- und Karussellmusikmomente, welche an einen erweiterten Musikbegriff appellierten, indem nicht-organisiertes bloßes Alltags-›Geräusch‹ durch Integration in den Song plötzlich zu Musik nobilitiert wurde. Auch dort schien der Imperativ zu gelten, dass jedes vorhandene Effektgerät mindestens einmal zum Einsatz zu kommen hatte. Unter allem Experimentalflitter aber musste man den Song nicht erst umständlich suchen – anders als bei »The Shredding Tears«, sieht man von verhinderten Hits wie »The Ceiling On The Wall«, »Misery Loves Company« und der Gothic Opera »Riding The Shadow« einmal ab.
    Wenn es dem talentierten Scary, nachdem er seinem Künstlernamen mit diesem Album alle Ehre gemacht hat, gelingt, demnächst mit etwas mehr Ideenselektion vorzugehen und erst einmal sein »Rubber Soul« und »Revolver« aufzunehmen, kann er uns allerdings noch sehr viel Freude bereiten.

LABEL: Black & Greene Records

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 22.06.2007

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