Bruch mit dem kollektiven Ich – Ich seh ich seh Film-Feature

Das von Ulrich Seidl produzierte Franz-Fiala-Filmdebüt Ich seh ich seh kommt morgen in die deutschen Kinos und mit ihm die Frage: Lebe ich noch? Und wenn ja, wer bin ich?

Der eine Zwilling sucht den anderen. Im Maisfeld, im Wald, am Höhleneingang, im trüben See. In einer Einstellung zerreißt im Off das befreiende Lachen des Wiederfindens, was der Hyperrealismus der Bilder an Bedrohung aufgebaut hat. So fängt das Spielfilmdebüt des österreichischen Autoren- und Regieduos Veronika Franz und Severin Fiala an, das Ulrich Seidl für seine langjährige Mitarbeiterin Franz produzierte. Am Rand des Maisfelds steht eine Villa, deren zahllose Jalousien wie Dominosteine fallen, als die von Susanne Wuest gespielte Mutter der elfjährigen Zwillinge nach einer Gesichtsoperation mit einbandagiertem Gesicht und ungekannter Strenge nach Hause zurückkehrt.

Lukas und Elias sind fortan einer scheinbar Fremden ausgeliefert, die sich als ihre Mutter ausgibt und dabei ist, ihr kollektives Ich zu brechen. Der flirrende Sommer im niederösterreichischen Waldviertel wird zur Falle, Traumallegorien türmen sich auf zum Alp, die Apokalypse naht: Die Felder brennen, das nahe Dorf stirbt aus, nur ein Irrer ist noch da und ruft Unverständliches. Was dann folgt in Ich seh ich seh, ist konkrete, drängende Gewalt. »Zeig uns das Muttermal!«, fordern die Zwillinge, um die Identität der Mutter festzustellen, und es graust einem vor der plötzlichen Konkretion dieser Sprache. Darin ist Ich seh ich seh den frühen Filmen Michael Hanekes verwandt. Die Bilder sind alles, was der Fall ist, sie tragen ihre Interpretierbarkeit in sich und ihre Kadrage zur Schau. Die Söhne spielen mit der Mutter Wer bin ich? und kleben ihr ein Post-it mit der Aufschrift »Mama« auf die Stirn. »Lebe ich noch?«, fragt diese. Und schließlich: »Kenne ich diese Person überhaupt?«

Haneke sprach einst von der Vergletscherung der Gefühle. Franz und Fiala spielen das Kino narrativer aus, ihr Film zerfällt in eine Exposition, die unerbittlich zur Erfüllung drängt, und eine Revision, von einer knappen Medienkritik umrahmt. Die Erzählung ist geradlinig und reduziert auf die Enthemmung eigener Aggressionen ausgerichtet. Die Elfjährigen bohren sich einen Tunnel in die Urangst des Ausgeschlossenseins. Dort bedeutet Gewalt Befreiung, und der Einsatz soll der höchste sein, soll die eigene Identität retten in der Bewahrung der Vergangenheit. Die eigene Geschichte aber wird umgeschrieben – und das ist der wahre Horror. Das ist die Wirklichkeit.

Ich seh ich seh
Österreich 2014
Regie: Veronika Franz u. Severin Fiala
Mit Susanne Wuest, Lukas Schwarz, Elias Schwarz u. a.

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