Bruce Springsteen

Bruce Springsteen

Am Freitag erscheint High Hopes, Bruce Springsteens 18. Studioalbum, überwiegend gespickt mit Neuinterpretationen älterer Stücke, die es bereits nachfolgend im Stream zu hören gibt. Doch wer ist dieser Verwalter des Amerikanischen Traums? Klaus Walter über den Ohne-Fleiß-kein-Preis-Rocker.

»Hey Bruce we need you.« Mit diesen Worten wird Springsteen nach 9/11 von einem Taxifahrer in die Pflicht genommen, so die Legende. Bruce erhört die Stimme und spricht der geschundenen Nation Trost zu, The Rising heißt das Album, Aufstehen lautet nach dem Fall der Türme die Mission.

Auch Deutschland braucht Bruce. In diesen Tagen* erscheinen zwei Bücher über Springsteen. Auf 608 Seiten dreht Peter Ames Carlin in Bruce, der ersten autorisierten Springsteen-Biografie überhaupt, noch mal jeden Stein um, auf den Bruce je seinen Fuß gesetzt hat, »fußnotiges Elementarwissen« diagnostiziert Die Zeit unter dem amtlichen Titel »Der Präsident des Rock’n’Roll«. Gerade mal 80 luftig bedruckte, mit vielen Fotos illustrierte Seiten braucht David Remnick für seinen Essay Über Bruce Springsteen.

Beide Autoren scheitern, urteilt die taz, »Remnick scheitert interessanter«. Remnick ist seit 1998 Chefredakteur des New Yorker. Für sein Buch zum Untergang der Sowjetunion bekam er den Pulitzer-Preis. Mit Petitessen gibt sich der Mann also nicht ab, mit Frauen auch nicht. In Springsteen sieht Remnick eine Figur, die die amerikanische Nation repräsentiert und prägt – wie Ali, wie Obama. Präsident des Rock’n’Roll eben. »2004 warb er für John Kerry, 2008 sogar noch begeisterter für Barack Obama; auf seiner Webseite erklärte er, Obama spreche ›für das Amerika, das ich mir in den letzten 35 Jahren in meiner Musik vorgestellt habe, ein großzügiges Land mit Bürgern, die bereit sind, differenzierte und komplexe Probleme anzupacken, ein Land, das sich für seine kollektive Bestimmung und das Poten- zial seines versammelten Geistes interessiert‹.«

Remnick zeichnet Springsteen als amerikanischen National- dichter auf den Spuren von John Steinbeck und Woody Guthrie, den großen Chronisten der sozialen Kämpfe des 20. Jahrhun- derts. Für seine Fans ist der Boss noch immer einer der Ihren, was ihm mitunter Schuldgefühle bereitet. Dann ist er der »rich man in a poor man’s shirt« wie in »Better Days«.

Das Unbehagen als »Multimillionär in seiner theatralischen Selbstdarstellung als Stimme der Entrechteten« sei dem Super- star bewusst, behauptet Remnick und berichtet von einem Streit zwischen Springsteen und seinem lebenslangen Freund und

Gitarristen Steve Van Zandt. »Dein Leben interessiert doch kein Schwein«, sagt Van Zandt. »Die brauchen dich für ihr Leben. Das ist dein Ding. Dieser kalten, fragmentierten, verwirrenden Welt ein bisschen Logik, Vernunft, Anteilnahme und Leidenschaft geben zu können, das ist dein Talent. Erklär denen ihr Leben. Ihres, nicht deins.«

So legt Van Zandt nebenbei das Springsteen-Prinzip offen. Dass es vor allem weiße Männer sind, die den Boss für ihr Leben brauchen, obwohl der sich selbst immer wieder auf James Brown und Curtis Mayfield beruft, dass er ein fordistisch geprägtes working life besingt, das längst nicht mehr existiert, dass in Zeiten von working poor viele auch mit mehreren Jobs nicht über die Runden kommen, dass der ehedem stolzen weißen Arbeiter- klasse der Abstieg zum White Trash droht, dass viele Weiße für den Niedergang lieber Asian-, Hispanic-, Afro- und andere Bindestrich-Americans zum Sündenbock machen als, sagen wir, den Kapitalismus oder den Präsidenten – solche Widersprüche im Boss-Kosmos touchiert Remnick allenfalls im Vorübergehen. Er nähert sich seinem Objekt eher anekdotisch als analytisch. In kleinen Beobachtungen, in Momentaufnahmen und mit feinen Strichen malt er das Bild eines Mannes, der sein Leben lang hart gearbeitet hat für seinen Amerikanischen Traum.

»Working On A Dream« heißt einer seiner Songs. Arbeiten und Träumen sind die wichtigsten Vokabeln in Springsteens Liedern, er steht für den Götterglauben, dass der Amerikanische Traum (nur) mit harter Arbeit verwirklicht werden kann. Dass selbst harte Arbeit nur Albträume einbringen kann, das will der Ohne-Fleiß-kein-Preis-Rocker ebenso wenig wahrhaben wie sein Biograf, es würde beiden die Geschäftsgrundlage entziehen.

*Der Artikel wurde erstmals in SPEX N°346, der Juli/August-Ausgabe 2013, veröffentlicht.

DAVID REMNICK
ÜBER BRUCE SPRINGSTEEN
80 SEITEN
BERLIN VERLAG

PETER AMES CARLIN
BRUCE
608 SEITEN
EDEL BOOKS

BRUCE SPRINGSTEEN
HIGH HOPES
ALBUM
SONY – 10.01.2014

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