Britney Spears

Den Mittelfinger für die Erwartungshaltung, und zwar ohne Ballade! Auf ihrem fünften Studioalbum versucht sich Britney Spears an der künstlerischen und sexuellen Emanzipation – um an der musikalischen Finesse zu scheitern. Dabei ist dieses Album besser als man denken mag.
    Die den Release begleitenden Schlagzeilen sind hinlänglich bekannt, das in der Gesellschaft eingebrannte Bild von Frau Spears ist zementiert: Ex-Popstar, harte Jugend, Kinderstar, das Management in den Händen der Familie, millionenschwere Platten- und Werbeverträge, persönliche Abstürze, zwei Scheidungen, Lotterleben: die ganze Kühnheit also, für die Pete Doherty und Amy Winehouse anfangs noch bewundert wurden. Als Britney Spears ganz unten war ergoss sich die ganze Häme der Yellow- und Society Press über die immerhin gerade mal fünfundzwanzigjährige zweifache Mutter.

    Auf »Blackout« rechnet sie mit all dem ab. Die Spears stellt sich über ihre öffentliche Rezeption und dafür kann man sie nur beglückwünschen. In »Piece Of Me« – produziert von dem schwedischen Duo Bloodshy & Avant sowie dem Robyn-Produzenten Klas Åhlund und verpackt in einen kickend, teilweise angenehm verzerrten und mit tänzelnden Synthiehooks ausgeschmückten Beat – geht sie genau dieser Wahrnehmung nach: »I’m Miss American Dream since I was 17 / Don’t matter if I step on the scene / Or sneak away to the Philippines / There still gon´ be pictures of my derrière in the magazine«. Die letzten Jahre waren sicherlich eine harte Schule, heute steht Britney Spears über den Dingen. »I’m Mrs. ›Oh my God that Britney’s Shameless‹ (…) I’m Mrs. ›She’s too big now she’s too thin‹«, stellt sie zu den gegenläufigen Meinungen ihrer Person gegenüber fest. Im amerikanischen würde man das wohl als »Talk to my hand«-Geste bezeichnen.
    Auch die wohl hinlänglich bekannte Single »Gimme More« mit der markanten Eröffnung »It’s Britney, bitch!«, oder das dritte Stück »Radar« mit dessen angedeuteter Eurotrash-Eröffnung und dem Bruch in einen R&B-Beat sind durch und durch eingängig, sauber produziert und zu jedem Zeitpunkt funktionale Hits.

    Das Problem eröffnet sich im Mittelteil von »Blackout«: Abseits der omnipräsenten Effektüberlagerung von Spears’ Stimme – ihr Gesang klingt meist dünn, distanziert, beliebig und austauschbar – sind bei zwölf Tracks genau sechs zuviel, oder zumindest vorschnell auf der Platte gelandet. Spears und ihre knapp zwanzigköpfige Produzentenriege bleiben konsequent auf dem Gaspedal, das Tempo senkt lediglich Pharrell Williams im letzten Stück »Why Should I Be Sad?«, das wiederum längst nicht an die gluckernde Genialität der besten Neptunes-Produktionen anknüpfen kann. Dazu kommen geschmacklose Europop-Entgleisungen wie in »Heaven On Earth« oder das textlich doch etwas ratlos wirkende »Get Naked (I Got A Plan)«: »Baby, I´m a freak and I don´t really give a damn / I´m crazy as a motherfucker / Bet that on ya man (…) I´m not ashamed of my beauty you can see what I got / Shouldn´t I freak you out, imagine if I work it out«. Da ist er dann wieder, der schmale Grat zwischen ›kinky‹ und ›slutty‹. Bei aller Begeisterung für Spears Punkattitüde, sich eine Glatze zu schneiden statt die Haare zu färben, mit diesem Stück rückt sie sich doch wieder ein Stück zu nah an das White American Trash-Klischee. »Toy Soldier« wiederum spielt auf recht interessante Weise mit der Idee eines Marsch-Solos und tighten Hooks, aber auch hier: dünne Stimme, viele Effekte, wenig Volumen.

    Schwierig ist das Album geraten, schlecht aber beileibe nicht. »Ooh Ooh Baby« gewinnt nach mehreren Durchläufen trotz des nervig gniedelnden Santana-Riffings immer mehr an Fahrt und »Hot As Ice« könnte man fast als selbstironisch bezeichnen: »Make him call me mama / Make him my new baby«, das kann sie im Zusammenhang mit Zeilen »I´m the teacher, you can learn / Watch your fingers, boy / You might get burned« nicht wirklich ernst meinen.
    Vom Status des Sexsymbols ist Spears heute weiter entfernt denn je, weshalb ihre stets teenagerhaft lüsternen Texte doch stark an der Contenance zerren. Dass sie sich in ihren jungen Jahren und nach einer derart öffentlichen Jugend aber noch nicht aufs Altenteil zurückziehen mag ist ihr größter Trumpf. Zeit zum Erwachsen werden hat sie nämlich noch genug.

LABEL: Jive

VERTRIEB: Sony BMG

VÖ: 26.10.2007

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