Brian Eno »The Ship« / Review

Brian Enos Warte ist die des auktorialen Erzählers, der aus einer dem griechischen Tragödienchor verwandten kommentierenden Distanz vom Scheitern menschlichen Strebens berichtet.

Zu einem Zeitpunkt, zu dem man schon fast das Interesse am einstigen Roxy-Music-Wunderkind verloren hatte, als man manchmal gar nicht mehr wusste, ob es sich bei Brian Enos spätem Ambientwerk noch um sphärische Soundscapes oder doch schon um spannungslösende Klangöle fürs Wellnessbad oder die BMW-Werbung handelte, überrascht er einen dann doch noch mit etwas, das weder die Verfeinerung noch die Trivialisierung einer einst gefundenen Formel ist. Das gut 20-minütige Titelstück von The Ship beginnt, wie Ambient-Eno-Tracks eben beginnen: Synthetische Klangsphären bauen sich meditationsaffin auf und akzentuieren die sie umgebende Stille. Ein Echolot sendet pluckernde Schallimpulse.

Wellen schließen sich über den Köpfen Ertrinkender, und am nächsten Tag ist das Wetter wieder ziemlich toll.

Aber dann beginnt Eno einen mitunter leicht ins Oberton-Schamanische verfremdeten Sea-Shanty-Trauergesang zu intonieren. Er handelt von der missglückten Jungfernfahrt der »unsinkbaren« RMS Titanic im Besonderen und der menschlichen Hybris von der Kontrollierbarkeit der Natur – inklusive der eigenen – im Allgemeinen. Es geht in weiterem Sinne um die aufreizende Gleichgültigkeit eines unsere Sinngebungsversuche mit Schweigen quittierenden Universums. Das aufgeregte Schnattern von Funksprüchen wird zum säuselnden Backingrauschen. Die Atmosphäre ist erfüllt von heftiger Stille. Wellen schließen sich über den Köpfen Ertrinkender, und am nächsten Tag ist das Wetter wieder ziemlich toll. So ungefähr stellten sich Blaise Pascal und Albert Camus – mit unterschiedlichen Konsequenzen – Absurdität vor.

Aber das ist nur, um im maritimen Bild zu bleiben, die Spitze des Eisbergs. Denn Stück zwei, das in drei Movements unterteilte »Fickle Sun«, ist nicht mehr nur dunkel, sondern apokalyptisch: Diesmal singt Eno, stimmlich der männlichen Dead-Can-Dance-Hälfte Brendan Perry nicht unähnlich, von den flandrischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Seine Warte ist die des auktorialen Erzählers, der aus einer dem griechischen Tragödienchor verwandten kommentierenden Distanz vom Scheitern menschlichen Strebens berichtet. Irgendwann erschallen Blechbläser, Jericho-Style, während Gitarrenfeedbackschwaden à la Sunn O))) über aufgegebenen Schützengräben wabern. Ganz am Ende steht das Velvet-Underground-Cover »I’m Set Free« und erklärt uns, was nach dem Tod der Hoffnungen kommt: »I’m set free to find a new illusion«. Statt seinen Nachlass zu ordnen, hat Brian Eno im Rentenalter noch einmal radikales Neuland betreten. Man möchte dort nicht unbedingt Urlaub machen, doch seine karge Schönheit lässt sich nicht leugnen.

 

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