Gestern lief die letzte Folge von Breaking Bad im deutschen Fernsehen. Ein Abschlussbericht zu Ende, Hype und Rezeption der Serie. Ohne Spoiler.

Die ambitioniertesten unter den TV-Serien legen schon seit Jahren wert darauf, von mehr als nur sich selbst zu handeln. The Sopranos war nicht bloß die Geschichte eines Mittelklasse-Mafiosos mit zu viel Zeit zum Nachdenken. Hintenrum wurde auch der Verfall des New Yorker Hinterlandes mitverhandelt, das homophobe und chauvinistische Gebaren der Kleingangster, mit denen sich der prollige Tony Soprano umgab, außerdem Fragen zu Glaube, Familie und gutem italienischen Essen. In Game Of Thrones schlachten Ritter, Zwerge und Drachen einander im Auftrag der Allegorie ab: Alles, was hier unter dem Deckmantel einer Fantasy-Show passiert, soll auch als Abbild der Intrigen zu verstehen sein, mit denen politische Lager, Konzerne und Bewohner des selben Mietshauses gegeneinander vorgehen.

Breaking Bad wirkte dagegen immer vergleichsweise selbstfixiert: Ein Mann wird zum Drogendealer, der Drogendealer wird zum Monster, die Konsequenzen seines Handelns treffen vor allem die eigenen Angehörigen und Geschäftspartner. In dieser Fokussierung lag die Stärke der Show: Große Fragen um Schuld und Moral ließ sie elegant mitschwingen, ohne sich darauf zu versteifen. Lieber erlaubte sich der Serie penibel-realistische Dialoge, in denen wertvolle Seriensekunden als Stottern und Schweigen verstrichen. Vor allem wenn Walter White mit seiner Ehefrau Skyler stritt, wurde das ewige Hin und Her bis an den Rand der Erträglichkeit ausgereizt.

Breaking Bad hatte immer Zeit, es wirkte niemals gehetzt und nur selten überkonstruiert. Selbst in der virtuosen letzten Folge »Felina«, die beinahe alle Überlebenden noch einmal durch den Ring führte und die letzten Plotlöcher stopfte, verhedderte sich die Serie nicht in sich selbst. Sie fand sogar zu dem schwarzen Humor zurück, der Kennzeichen früherer Folgen war, in der trostlosen, oft grausamen Abschlussstaffel aber keine Rolle mehr gespielt hatte.

Ironischerweise profitierte Breaking Bad dabei vom schwierigen Verhältnis zwischen Show-Urheber Vince Gilligan und dem ausstrahlenden Fernsehsender AMC. Gilligan musste mit knappen Budgets auskommen, die vielen Tabubrüche seiner Serie in aufreibenden Diskussionen durchsetzen und Kompromisse wie eine über zwei Jahre gestreckte letzte Staffel hinnehmen. Vor allem wusste er aber früh, wann Schluss sein würde und konnte entsprechend planen.

Auch deshalb gab es bei Breaking Bad keine Anzeichen der Torschlusspanik, an der beispielsweise Lost scheiterte, keine Anhängsel wie die vergleichsweise ungeliebte letzte Staffel von The Wire und keine der überstrapazierten Nebenhandlungen, an denen sich Game Of Thrones in seinen jüngsten Folgen abkämpfte. Gilligan erreichte zum Abschluss von Breaking Bad den Höhepunkt seines Schaffens. Er erzählte die Serie schlüssig, spannend und unsentimental zu Ende, während noch einmal Grenzen überschritten wurden, an die sich im amerikanischen Free-TV bisher niemand herangewagt hatte. Inzwischen scheint dort alles zu gehen, außer Fluchen und Nacktheit natürlich.

Breaking Bad hat aber nicht nur das frei empfangbare Fernsehen verändert, sondern auch die Berichterstattung darüber. Die Show wird in Erinnerung bleiben als erste große Serie der Twitter-Ära, das Finale der besonders harten drittletzten Episode rief Reaktionen hervor, gegen die die viel diskutierte »Red Wedding«-Folge von Game Of Thrones wie ein Kindergeburtstag erschien. Vor der letzten Folge wurden schnell noch eine App aus dem Boden gestampft, die Nutzer des Kurznachrichtendienstes vor Spoilern schützen sollte.

Unter US-Kritikern fand derweil ein bemerkenswertes Wettrüsten um die Deutungshoheit über Breaking Bad statt: In ungezählten Pre- und Recaps, Podcasts und Interviews wurde die Serie ebenso minutiös zerlegt wie das M20-Gewehr im Kofferraum von Walter Whites Auto. Breaking Bad lud mit der oben erwähnten Fokussierung seiner Geschichte zu solcher Kleinklein-Berichterstattung ein, ließ manchen professionellen Beobachter aber über das Ziel hinausschießen. Der Blick auf das große Ganze ging zusehends verloren, der Hype wurde anstrengend, die Serie zerredet. Manchen Kritikern wollte man zurufen, doch einfach mal die Klappe zu halten und Fernsehen zu gucken. Wer sich selbst daran hielt, konnte mit Breaking Bad nichts falsch machen.

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