Brasilien und die FIFA WM 2014, ein schöner Traum

Protest gegen die FIFA WM am 23. Juni in São Paulo by Ben Tavener under CC
Protest gegen die FIFA WM am 23. Juni 2014 in São Paulo    FOTO: Ben Tavener (CC)

Brasilien schien der ideale Austragungsort für eine Fußball-WM zu sein: Samba, Sonne, Partyhütchen. Die unerwarteten Proteste im Vorfeld des Turniers belegten indes, wie weit sich derartige Großveranstaltungen von den Menschen und ihren Bedürfnissen entkoppelt haben. Jetzt, während des Mega-Events, ist es ruhiger geworden, auch weil die Mittelschicht sich zurückgezogen hat und die Polizei härter durchgreift. Unsere in Brasilien lebende Autorin hat zuvor die Entstehung und Beweggründe der Proteste aufgezeichnet.

Es soll eine WM der Superlative werden, hatte Präsidentin Dilma Rousseff im vergangenen Jahr angekündigt. Und sie wird Recht behalten, soviel steht jetzt schon fest. Aber können sich die Brasilianer darüber wirklich freuen? Die »copa das copas« kostet sie mehr als die beiden letzten Weltmeisterschaften in Deutschland und Südafrika zusammen. Und da sind die zu erwartenden politischen und sozialen Folgeschäden noch überhaupt nicht mit eingerechnet. Immerhin haben die Brasilianer der Welt letztes Jahr gezeigt, dass dagegen auch spektakulärer Protest möglich ist, und auch unmittelbar im Vorfeld der WM flackerten die Proteste wieder auf.

Gerade hat die FIFA den offiziellen WM-Song 2014 lanciert, »We Are one« lautet der Titel. Fußball als nationaler Schulterschluss, jedes Land steht vereint, schwenkt seine Fahne und zeigt, was es kann. Doch als letztes Jahr FIFA-Chef Joseph Blatter zusammen mit Präsidentin Rousseff beim Confederations Cup vor die jubelnde Menge treten wollte, wurden die beiden gnadenlos ausgepfiffen. Fußball ist in Brasilien auch ein virtuos geführter Konflikt, nicht nur auf der Straße und vor den Stadien, sondern auch von den Rängen der traditionell begeisterungsfähigen Fans aus.

Erst waren die Spiele eine Bühne der Selbstdarstellung für ehrgeizige Politiker und die mit ihnen befreundeten Bauunternehmer. Das Geld kam auf Pump von der Zentralregierung in Brasília, zu unschlagbar günstigen Zinsen. Die wiederum hatte die Gelder aber zu erheblich höheren Zinsen auf den Finanzmärkten eingekauft. Das wäre kein Problem, wenn das Geld für langfristig sinnvolle Projekte ausgegeben worden wäre. Aber die Sondergesetze, die den Kommunen plötzlich erlaubten, sich grenzenlos zu verschulden, waren ganz und gar auf das kurzfristige Ziel WM ausgelegt. Kaum eines der teuer erbauten oder renovierten Stadien wird danach noch Verwendung finden.

Kürzlich machte ein Revisionsrichter in Manaus mitten im Amazonas den Vorschlag, man könne doch das gerade fertiggestellte Stadion nach der WM als Gefängnis nutzen. Schließlich seien die Gefängnisse in der Gegend völlig überbelegt, während der lokale Fußball kaum Fans hat. Tatsächlich wird sich das Stadion von Manaus wohl nur während der WM selbst mit über 50.000 Zuschauern füllen. Denn die lokalen Fußballvereine der Stadt mobilisieren bislang gerade mal 4500 Zuschauer – pro Jahr!

Als im Juni letztes Jahr plötzlich Millionen auf die Straße gingen und gegen die Missstände im Land protestierten, war es natürlich schon zu spät, um solche absurden Bauten zu verhindern. Trotzdem war der Zeitpunkt gut gewählt. Gerade fand der Confederations Cup statt, eine Art Testlauf, den die FIFA jeweils ein Jahr vor der WM im Gastland ausrichten lässt. Die internationalen Medien hatten also schon ein Augenmerk auf Brasilien. Auslöser der Proteste war die Erhöhung der Buspreise in vielen Städten. Doch bald fanden sich alle ein, die mit dem Umbau der Städte im Zeichen der Mega-Events unzufrieden waren. Sie warfen den Politikern vor, nicht die Interessen der Wähler, sondern die Interessen von Investoren zu vertreten. Noch nie zuvor hatte es so viel Widerstand im Zusammenhang mit einem sportlichen Großereignis gegeben, so viel Politisierung und Mobilisierung gegen die Logik der »mega-eventos«.

Man darf sich deshalb trotz aller Problemfelder auf diese WM der Superlative in Brasilien freuen – immerhin wird hier die vorerst letzte WM in einem demokratischen Land stattfinden. In Russland und Katar, den beiden nachfolgenden Gastgebern, wird es weder Demonstrations- noch Meinungsfreiheit geben. Hier in Brasilien begleitete dagegen seit Jahren ein Heer von kritischen Wissenschaftlern, Journalisten und Aktivisten die Vorbereitungen und dokumentierte minutiös, wie die Rechte der Bürger systematisch missachtet wurden. Wer es wissen will, wird diesmal wirklich keine Schwierigkeiten haben, über den Zusammenhang von sportlichen Mega-Events und Immobilienspekulation nachzulesen. Im ganzen Land haben sich sogenannte Volkskomitees gebildet, Zusammenschlüsse von NGOs und Basisgruppen. Sie tauschten sich darüber aus, wie man sich zur Wehr setzen kann, wenn das Mega-Event wie eine Dampfwalze über das eigene Leben zu rollen droht. Und sie veröffentlichten ihre Erfahrungen und ihr Wissen in Büchern, Artikeln und Anleitungen für den Widerstand.

Ohnehin haben die Probleme in Brasiliens Städten nicht mit der Vorbereitung auf die WM begonnen. Auch sonst geht es hier im Alltag nicht immer rechtsstaatlich zu. Aber unter normalen Umständen lassen es sich die Brasilianer heute nicht nehmen, um ihre Rechte zu kämpfen. Die Verfassung kennt eine Reihe von sozialen Rechten, die auch Land- und Hausbesetzer potenziell beschützen. Unter dem Einfluss der FIFA haben sich die Bedingungen dafür aber extrem verschlechtert. Bestes Beispiel sind die vielen Vertreibungen, die oft wie Erpressungen abgelaufen sind. Die Verwaltung bot den Betroffenen Entschädigungen weit unter Marktwert an. Wer sich weigerte und vor Gericht ging, verlor trotzdem sein Haus und stand ohne alles auf der Straße. Die wenigsten konnten sich das leisten.

Und so wurden faktisch Tausende an den Stadtrand vertrieben, viele von ihnen mussten noch dazu im Nachhinein feststellen, dass ihre Häuser gar nicht unbedingt abgerissen hätten werden müssen. Sie sind korrupten Netzwerken von Verwaltung und Baulöwen zum Opfer gefallen, die sich hier lukratives Bauland für spätere Investitionen unter den Nagel gerissen haben. Kaum verwunderlich, dass immer die Viertel der Armen, nie die Luxusviertel der Reichen im Weg standen. Allein in Rio de Janeiro, das 2016 ja auch noch die olympischen Sommerspiele ausrichten wird, sind rund 70.000 Menschen von Umsiedlungen bedroht.

Nur noch knapp die Hälfte der Brasilianer spricht sich wenige Wochen vor dem Anpfiff für die WM aus, vor einem Jahr waren es noch gut zwei Drittel. Nationale und internationale Medien überbieten sich gerade in Negativschlagzeilen. Sie reichen von den schlechten Wirtschaftsdaten zu den plötzlich wieder steigenden Fällen von Mord und Totschlag hin zum Riesenproblem der Polizeigewalt. Das Land ist tief gespalten, nach Jahren brummender Wirtschaft und eines gewissen Brasilien-Hypes hat sich jetzt Ernüchterung breit gemacht. Noch vor einer Weile war die WM vielen Brasilianern einfach etwas übertrieben und exzentrisch vorgekommen, man war aber schon noch überzeugt davon, sich das leisten zu können. Das ist jetzt anders. Die WM könnte zu einem Symbol für den Anfang vom Ende eines kurzen ökonomischen Booms werden.

Dabei war es ein schöner Traum – der fünffache Fußballweltmeister lädt zur WM ein, Profifußball trifft auf virtuose Strand- und Straßenkicker, das Ganze zum Rhythmus von Samba und dem Duft von frisch zerdrückten Limetten in Caipirinha. Auch den Brasilianern selbst gefällt dieses imaginäre Brasilien oft besser als ihre alltäglichen Probleme. Fußball ist hier traditionell eng mit dem Traum von einem besseren Leben verbunden, alle würden ihre Probleme gerne genauso virtuos meistern wie die Fußballer auf dem Spielfeld.

Dass die WM ganz und gar im »padrão FIFA«, das heißt gemäß den Regeln des Weltfußballverbands, abgehalten wird, hat viele gestört. Warum sollen die Straßenverkäufer nicht wie sonst auch vor den Stadien ihre mobilen Verkaufsstände aufbauen können? In Salvador de Bahia konnte sich die FIFA immerhin das traditionelle Acarajé nicht unter den Nagel reißen. Es wird auch weiterhin von den Baihanas, den schwarzen Frauen in traditionellen Kostümen, verkauft. Doch erst mit dem Verweis auf die religiöse Dimension der Speise konnten sie ihre Forderung durchsetzen.

Präsidentin Dilma Rousseff setzte in den letzten Jahren ganz darauf, das stotternde Wirtschaftswachstum kräftig anzutreiben. Sie schließt damit an die hochfliegenden modernistischen Pläne der 1950er und 1960er Jahre an. Damals war die Hauptstadt Brasília gebaut worden und auch das Stadion aller Stadien, das berühmte Maracanã. Danach kamen die Militärdiktatur und Wirtschaftskrise, Brasilien war hoch verschuldet und musste horrende Zinsen bezahlen. Über Jahrzehnte waren die internationalen Nachrichten über Brasilien von der katastrophalen Lage der Straßenkinder und die von bewaffneten Drogengangs kontrollierten Favelas geprägt.

Mit Präsident Lula von der Arbeiterpartei änderte sich das erstmals wieder. Er nutzte das Wirtschaftswachstum, um gegen die krasse Armut und die riesigen Einkommensunterschiede im Land vorzugehen. Heute gibt es ein rudimentäres Sozialsystem, Brasilien investiert in Bildung und Ausbildung der eigenen Bevölkerung, in Infrastruktur und die heimische Industrie. Eigentlich muss diese Regierung niemandem etwas beweisen, trotzdem hat die Logik der Mega-Events sie fest im Griff. Als die Bevölkerung letztes Jahr mehr Reformen und Verbesserungen forderte, reagierte sie fast schon beleidigt. Anstatt ihre Politik zu radikalisieren, war sie ganz und gar damit beschäftigt, Brasilien weiterhin als stabilen Ort für Investitionen anzupreisen. Anstatt mit den Protestierenden zu verhandeln, setzte die Regierung auf Befriedung und Repression.

Und so ist die Lage nun, kurz vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels, extrem angespannt. Gerade hat die Präsidentin Dilma Rousseff in Rio de Janeiros Favela Maré die Armee einmarschieren lassen. Soldaten, ausgebildet zur Landesverteidigung, stehen mit Maschinengewehren im Anschlag den eigenen Bürgern gegenüber. Hunderttausende leben in dieser Riesenfavela, die seit den Fünfzigerjahren auf ehemaligen Mangrovenwäldern am Rand der Bahia de Guanabara entstanden ist. Zwei Ausfallstraßen führen daran vorbei, sie verbinden den internationalen Flughafen mit dem Zentrum. Es ist kein Zufall, dass die Regierung diesen Einsatz jetzt kurz vor der WM angesetzt hat und dass er so martialisch ausfällt. Sie will eine drohende Sicherheitslücke erkannt haben und stopfen. Dabei hat ihre eigene Sicherheitspolitik die Lage im Maré destabilisiert. Dealer und Drogenabhängige haben sich hier überhaupt erst in den letzten Jahren konzentriert, weil sie aus anderen Stadtteilen vertrieben worden sind.

Schon im Jahre 2008 hatten Militäreinheiten damit begonnen, einzelne Slums von Rio zu stürmen, um die Macht von Drogenkartellen zu brechen. Neuartige Polizeieinheiten namens UPP (Unidade de Polícia Pacificadora) schieben hier seither Wache. Es sind wenige und ausgewählte Favelas, die mit der Pazifizierung in die Stadt integriert werden sollten. Alle liegen entweder in der reichen Südzone, dem historischen Zentrum, auf dem Weg zum Flughafen oder rund um das gerade renovierte Maracanã-Stadion. Anfangs war diese Politik vermeintlich erfolgreich: Mit einem Schlag verbesserte sich subjektiv und objektiv die Sicherheitslage, alle waren überrascht, wie schnell sich die pazifizierten Favelas in die Stadt integrierten, Restaurants und Pensionen eröffneten. Besonders ausländische Touristen wollten gerne eine Favela besuchen und gar dort übernachten. Doch mittlerweile ist klar, dass die Drogengangs mit der Pazifizierung keineswegs verschwunden sind. Eher haben die Bewohner jetzt zwei Probleme an der Backe – die Drogenmafia und die wie eine Besatzungsmacht agierende Polizei.

Die meisten Brasilianer haben traditionell Angst vor der Polizei. Sie agiert wie ein Staat im Staat und ist selbst ein Risikofaktor für die innere Sicherheit. Aber noch keine Regierung hat es seit dem Ende der Militärdiktatur gewagt, ihr eine wirkliche Reform abzunötigen. Auch jetzt macht die anstehende WM die Regierung eher noch abhängiger von der Polizei. Dabei ist die selbst tief in den Drogenhandel verstrickt. Ein Teil der Gewalt, die gerade in Städten wie Rio de Janeiro ausgebrochen ist, hat direkt mit den Vorbereitungen auf die WM zu tun: Touristen, Sportler, Journalisten, das sind nicht zuletzt auch potenzielle Konsumenten von Drogen. Die Frage ist nur, wer mit dieser steigenden Nachfrage Geld verdienen wird, die alten Drogengangs oder doch eher die neuen mit der Polizei verbandelten Milizen.

Die Pazifizierung der Favelas wird also nicht gelingen, solange die Polizei selbst nicht abrüstet und pazifiziert wird. Anstatt Verdächtige zu verhaften und vor Gericht zu bringen, führt sie oft gleich vor Ort Exekutionen durch. Fast jede Woche kommen zudem Unbeteiligte bei den Schießereien zwischen Polizei und Drogengangs ums Leben. Die Leute in den besetzten Favelas wollen sich das nicht länger gefallen lassen. Inspiriert von den Protesten im Juni letzten Jahres, verlassen sie die Hügel und besetzen immer wieder strategisch wichtige Verkehrsknotenpunkte der Stadt. Der zum Zeitpunkt der Niederschrift letzte Fall war Douglas Rafael Pereira, ein junger Tänzer, der frühmorgens nach einem Polizeieinsatz tot in einer Kindertagesstätte der längst als sicher geltenden Favela Pavão/Pavãozinho in Copacabana aufgefunden wurde. Er war zu Tode geprügelt worden, von der Polizei, behaupten Familie und Freunde. Die Anwohner, unter ihnen viele Jugendliche, tragen ihre Empörung auf die Straße und blockieren eine der Hauptverkehrsadern von Copacabana. Eine Nacht lang liefern sie sich Ende April Straßenschlachten mit der Polizei. In Copacabana bricht Panik aus, Brasilien ist plötzlich wieder weltweit in den Schlagzeilen. Die Lage ist paradox – die WM hat die Polizei überhaupt erst in die Favela gebracht, führt aber jetzt auch dazu, dass die Bevölkerung in der Lage ist, Druck auf die Politik auszuüben.

Der Juni-Aufstand hat gezeigt, was möglich ist, wenn die Bevölkerung bei einem Mega-Event nicht mehr einfach mitspielt. Die Stadt als Bühne für ein Massenspektakel kann zeitweise auch von anderen Akteuren gestürmt werden. Kein Wunder, dass die Regierung die letzten Monate vor allem dazu genutzt hat, um aufzurüsten. In der neuen riot gear sehen die Polizisten aus wie Darth Vader persönlich. Aufflammende Proteste werden gerade mit Tränengas und Gummigeschossen, zum Teil auch mit scharfer Munition im Keim erstickt. Sie können aber doch nicht ganz verhindert werden.

Die WM in Brasilien ist eine optimale Gelegenheit, um besser zu verstehen, wie der globalisierte Mediensport mit dem Wettbewerb von Global Citys um Aufmerksamkeit und Investitionen zusammenhängen. Rund um den Globus gehören sportliche Großereignisse, steigende Mieten und Immobilienspekulation zu den zentralen Konfliktlinien von Stadtpolitik heute. Bislang bedient die große Aufmerksamkeit, die eine WM erzeugt, vor allem die Interessen der FIFA. Es ist zumindest denkbar, dass sich dieses Jahr in Brasilien auch die Interessen jener Brasilianer darunter mischen, die den angeblichen Sachzwang eines solchen Mega-Ereignisses nicht einfach passiv über sich ergehen lassen wollen.

Dieser Artikel erschien erstmals in SPEX N°353.