Als Miss Norwood anlässlich ihres dritten Albums »Full Moon« im Video zu den Klängen des synthetisch vibrierenden »What About Us« im voll 3D-animierten Raum plötzlich, mit der Baseballkeule bewaffnet, Hindernisse aus dem Weg kloppte, raunte die Presse verzückt: »Seht – das kleine Mädchen ist nun eine schöne, stolze Frau.« Wahr ist: Brandy Norwood emanzipierte sich von allerlei – ihrem Image der Serien-Persona »Moesha«, einem gut behüteten schwarzen Mittelklasse-Teenager, ihrem zweiten Gatten Robert Smith, ihrem damaligen Produzenten Robert Jenkins und von dem gesunden Menschenverstand, der einem rät, die Worte eines gewissen Ron L. Hubbard als blühenden Unsinn abzuschreiben. Sie wurde Mutter, angelte sich Benny Medina (der auch J-Lo und Will Smith auf Pop-Erfolgskurs brachte) als Manager und Timbaland als Produzenten für den nächsten Kurswechsel. War Brandy auf »Full Moon« gereifter, selbstbewusster und widerständischer, so zirkuliert »Afrodisiac« um das – nicht zuletzt durch Mutter Sonja Bates-Norwood – bestgehütetste Geheimnis der Miss Norwood junior: Sex. Die Ent- und Verkleidungen, die Christina und Britney bereits weit vor dem wahlberechtigten Alter vollzogen haben, geht Brandy mit reifen 25 Lenzen an. Dass es um Liebe geht, die »höchste Form der Liebe«, ist nicht wirklich neu, aber die Inszenierung spricht eine andere Sprache: In Fotoproduktionen mit notorischen Ausziehern wie Terry Richardson zeigt sie mehr Haut, Booty und Dekolleté als je zuvor, orientiert sich an einem stilsicher inszenierten, lasziven Sexappeal Marke Beyoncé. Musikalisch sitzen die richtigen Herren im Boot: Timbaland, der Brandys Rohmaterial schon auf dem Tisch liegen hatte, als er noch an »Under Construction II« feilte, versorgt sie mit dem gewohnt warmen, flöten- und streicherloop-satten Klangbett, kitzelt aus ihren Vocals eine so nicht gehörte Kratzigkeit – die ihr gut steht – hervor. Der Hit-to-be »I Tried« zitiert Coldplays »Clocks«, was allerorten emphatisch mitgehört wird, letztlich aber kaum als Revolution gelten kann – schließlich arbeitet Chris Martin soeben mit Soul-Hüpfer Jamelia zusammen. Auch der selbst ernannte Retter des HipHop, Kanye West, ist mit von der Partie – legt auf der ersten Single-Auskopplung »Talk About Our Love« einen eher halbwarmen Rap hin, tut aber dem Track – der gewinnt, je öfter man ihn hört – einen Gefallen: eben warm, organisch, frisch.
    Ein weiterer sicherer Hit, »What Is She 2 U«, liefert nicht nur das back and forth, das auch auf »The Boy Is Mine« charmant das Ohr massierte, sondern vor allen Dingen im Intro eine seltsam bekannte Anleihe an Aaliyahs »Try Again«. Zufall, hoffentlich – schließlich ist Miss Norwood weit mehr wert als die Timbalandsche Resteverwertungskiste!

LABEL: Atlantic Records

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 28.06.2004