Brandt Brauer Frick „Joy“ / Review

Mit ihrem morgen erscheinenden Viertwerk Joy legen Brandt Brauer Frick ein Kozeptalbum über Freude vor – und werfen dabei den Techno endgültig über Bord.

Die Verschmelzung der sogenannten Hochkultur mit dem Pop ist derzeit scheinbar überall. Bob Dylan kriegt den Literaturnobelpreis, der Techno-Bunker Berghain wird gerichtlich als kulturelle Institution anerkannt und das Konzept, elektronische Musik mit analogen Mitteln zu produzieren ist zum internationalen Erfolgsrezept geworden. Die drei gestandenen Mucker Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick alias Brandt Brauer Frick sind da keine Ausnahme. 2010 stellte die Band mit ihrem Debütalbum You Make Me Real ihre organische Version maschinenproduzierter Tanzmusik vor. Kürzlich brachten sie mit Gianni auch noch ihre erste Oper auf die Bühne; eine Parabel auf Aufstieg und Fall des Modedesigners Gianni Versace: Fashion, Vogueing, Clubmusik. Mehr Popkultur geht nicht. Und mehr Musikhochschule auch nicht.

Als klassisch ausgebildete Musiker, die mit einem zehnköpfigen Ensemble und analogen Instrumenten keine Mühen scheuen, recht kargen Techno auf die Bühnen der Welt zu bringen, bewegen sich Brandt Brauer Frick natürlich schon per Definition auf der (konstruierten) Schneide von high brow Kunstmusik und arbeitsamem four-on-the-floor. Trotzdem legten Brandt Brauer Frick im Folgenden eine erstaunliche Entwicklung hin: Während ihre Auftritte im Laufe der Jahre sukzessive größer und exklusiver wurden – mit Gastspielen beim Montreux Jazz Festival, dem Londoner Southbank Centre oder zuletzt der Deutschen Oper – näherte sich das Trio klanglich mit jedem Album beständig dem Pop an.

Plötzlich gab es sogar Gesang. Auf ihrem 2013 veröffentlichten Album Miami etwa tummelte sich eine illustre Riege von Gastsängern von Jamie Lidell über Gudrun Gut bis hin zum Produzenten, Grammy-Preisträger und Frank-Ocean-Kollaborateur Om’Mas Keith. Schon damals zeichnete sich ein Trend ab: die stoischen Klangmuster des Techno wurden ordentlich durchgelüftet, zugunsten von warmem Funk- und Soul-Einflüssen.

Ohne diese Neuausrichtung wäre ihr viertes Album womöglich auch nicht denkbar gewesen. Zumindest nicht in dieser Form. Joy sei ein Konzeptalbum, sagt der Waschzettel, das sich der Freude widmet. In den zehn Songs erforsche es abseits der gängigen musikalischen Klischees den Klang von Freude. Um dieser Freude Ausdruck zu verleihen, engagierte die Band eigens den kanadischen Sänger Beaver Sheppard als temporäres viertes Mitglied.

Aber wie klingt sie denn nun, die Freude Marke Brandt Brauer Frick? Zuerst einmal weder nach hedonistischer Clubmusik, noch nach Hochkulturpalast. Sondern: erstaunlich melancholisch und streckenweise wie verloren. Gleich zu Beginn wird der pulsierende Rhythmus von Bass und Percussion der vorab veröffentlichten Single “You Can Buy My Love” von getragenen Blechbläserflächen überladen. Beaver Sheppard singt und spricht schwermütig, manchmal verzerrt, Streicher dominieren auf Tracks wie “City Chicken” und auch auf “Poor Magic” setzt ein einsames Piano gleich in den ersten Takten die Stimmung für sehnsüchtiges Anschwellen der linken Brust.

Glücklicherweise zielt Joy jedoch nicht auf eine kupferstichartige Reproduktion eines so abstrakten Gefühls wie Freude ab. Es möchte keine positiv gekehrte Büchse der Pandora sein, die man bei Regenwetter und Seelenschmerz verlässlich aufschrauben kann, um eine Prise Freude zu schnuppern. Sondern Ode an die Freuden der Traurigkeit. Mit Tracks wie “Society Saved Me”, der mit seinen zurückgenommenen, im Hintergrund pulsierenden Clubrhythmen Bilder von durchtanzten Nächten im Slow-Motion Filter evoziert – ein Paradox auf den ersten Blick – schafft es Joy in solchen Momenten echt gefühlte Freude aus Melancholie zu erzeugen. Und die existiert bekanntlich abseits von Kategorien wie Hoch- oder Popkultur.

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