Borusiade – Schick deine Sachen / Feature, neue EP & Konzert

Foto: Dan Beleiu

Mit klassisch geschultem Alt in der Kehle und psychedelischem Acid im Ohr erschließt sich Borusiade aus Bukarest ein neues Territorium jenseits des Dancefloors. Und immer mehr Frauen aus Osteuropa folgen ihr. Am 12. August spielt Miruna Boruzescu Material von ihrer kommenden ersten EP auf Unterton (das erste Stück gibt es bereits hier zu hören) live im Elektroakustischen Salon in der Halle am Berghain, bereits am 12. Juli gastiert sie mit DJ-Set in der Säule – das Feature aus SPEX No. 379 kann nun in voller Länge online gelesen werden. 

Miruna Boruzescu lässt sich von der Crowd nicht unter Druck setzen. Im Gegenteil: Der Trubel im Berliner Berghain scheint sie gar nicht zu berühren. Als Borusiade steht sie konzentriert hinter dem Mixer und spielt drastische oder charmante Tracks, die immer eine gewisse Ernsthaftigkeit teilen. Als man sich einige Tage später ähnlich distanziert auf Skype wiedertrifft, erklärt die gebürtige Rumänin, dass sie lange gebraucht habe, um sich als DJ zu sehen. Schließlich schaltet sie die Kamera an: „Das ist menschlicher.“

15 Jahre ist es her, dass Boruzescu im heruntergekommenen Gebäude des Web Club Bukarest begann, mit dem Auflegen zu experimentieren – damals der einzige coole Ort der Stadt, wie sie meint. „Da gab es eine kleine, elitäre Gruppe, die auch Platten aus dem Ausland mitbrachte“, erinnert sie sich. „Politisch waren wir damals unglaublich naiv. Es hat keine einzige Frau aufgelegt, aber das hat niemanden gewundert. Keiner hat darüber gesprochen – nicht einmal ich. Über Jahre habe ich bei dem, was ich tue, mein Geschlecht überhaupt nicht thematisiert.“

Bis 2005, als Boruzescu auf das Female:pressure-Netzwerk aufmerksam wurde, das die Benachteiligung von Frauen in der elektronischen Musik beseitigen will. „Ich begriff, dass es da einen Riss gibt“, sagt sie heute. „Manchmal hat man das Problem so unmittelbar vor Augen, dass man es selbst gar nicht wahrnimmt.“ Einer der Gründe, warum Boruzescu nach Berlin zog, war eben diese fehlende politische Perspektive auf die Musik in der Bukarester Szene. „Beide Städte ähneln sich in ihrer Rohheit. Deshalb lebe ich heute genau hier“, sagt sie. Hierher folgte sie der Fata Morgana der elektronischen Musik, glaubte aber bald, dass der Traum einer Karriere als Musikerin genau das bleiben würde – bis die Kölner Produzentin Lena Willikens über die Female:pressure-Mailinglist auf sie aufmerksam wurde und den Kontakt zu Cómeme-Macher Matias Aguayo herstellte

„Meine Stimme ist ein Instrument. Und habe immer mehr Mut, sie auch einzusetzen.“

Boruzescus erste Reaktion? „Meine Musik passt gar nicht auf euer Label.“ Darüber lacht sie heute. Die Reaktion: „Das sehen wir dann. Schick erst mal deine Sachen.“ Nach ihrem Debüt auf Cómeme vernetzte Aguayo sie wiederum mit der Frau, die Anfang der 2000er-Jahre Boruzescus Ehrgeiz weckte, Teil der Szene zu werden: Jennifer Cardini. „Diese Frau blies mir das Hirn weg“, erklärt sie. „Und ich dachte damals: Es ist verrückt, dass eine Frau das kann.“

Dass es in Bukarest mittlerweile eine junge Generation von Musikerinnen und eine lebendige Queer-Szene gibt, beobachtet Boruzescu mit Freude: „Junge Mädchen kommen zu mir und sagen, dass ich ein Vorbild für sie bin. Ich entgegne dann: ‚Wovon redet ihr eigentlich?‘“, erzählt sie und lacht. „Natürlich schmeichelt mir das. Aber ich war mir dessen wirklich nicht bewusst.“ Auf ihrem ersten Album driftet der Dancefloor in den Hintergrund. Mit elegischen Soundscapes und schroffen Synths erschafft die Musik einen Ort mit eigenen Regeln und Gesetzen. Besonders toll ist Boruzescus tiefe, ernste, beschwörende Stimme, die gleichzeitig die Frage auf den Plan ruft, wie man es schafft, so zu klingen. „Ich habe zwölf Jahre in einem Chor gesungen“, lautet die Antwort. „Meine Stimme ist ein Instrument. Und habe immer mehr Mut, sie auch einzusetzen.“

Dieser Text ist wie viele weitere Features und Interviews in der Printausgabe SPEX No. 379 erschienen. Das Heft kann wie alle Back Issues versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

Borusiade
12.07. Berlin – Berghain/Säule (DJ-Set)
12.08. Berlin – Halle am Berghain (live)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.