Born Ruffians Red, Yellow & Blue

Schwer, sich beim Headbangen auf dem Schreibtischstuhl, respektive die Finger auf der Tastatur zu halten. Also beruhigen wir uns und beginnen das Album noch mal von vorn. Die Born Ruffians starten »Red, Yellow & Blue« gleichnamig mit einer schnelleren Demoversion von Portisheads »The Rip«. Im leichten Gitarrenpicking des Intros fühlt man sich gleich zuhause, auch noch nach zehn Sekunden, wenn eben nicht eine mittelaltersweise Frauenstimme vom Liebesverlust singt, sondern die 21-jährigen Stimmbänder Luke LaLondes aus Toronto ein wortloses »Lal-Lal-Lab-dab-dab« brummeln. Alles klar, hier ist Fröhlichkeit angesagt und wie auf Bestellung macht das Piano ›Pling‹, einer pfeift die Melodie, mittendrin ein pointierter Drumbreak, »Heyyy!« wird gerufen, ein Marsch beginnt und dann setzt tatsächlich mit stolzer, etwas schmaler Brust eine Nationalhymne ein, stellt gleich die Identitätsfrage: »Welche Farben hätte die Flagge meines eigenen Landes?« Nicht die schlechteste in einer Zeit, in der man kaum Gefriergut kaufen kann, dem eine ›coole schwarzrotgoldene Autofahne‹ NICHT beigelegt ist. Wären die ›geborenen Rüpel‹ aus England und eben nicht aus Kanada, könnte man darin auch eine Sublimierung des eigenen EM-Scheiterns sehen, aber zurück zum Eigentlichen.

 


Born Ruffians – Red, Yellow & Blue (Warp Records / RTD)

    Elf Tracks lang energetischer, tja, Rock, in dem Sinne independent, dass man ihm keinerlei Anbiederung unterstellen kann. Die drei Jungens spielen so unbekümmert, experimentierfreudig und gut gelaunt, dass man das Gefühl hat, bei einer Sternstunde im Probekeller anwesend zu sein, mitsamt einem Kasten Bier und drei im positivsten Sinne coolen Mädels, die sich nebeneinander auf einer zu kleinen Couch lümmeln, um bei den immer wieder auftauchenden »Ho! Ho!«-Schlachtrufen einzustimmen. Es wären Mädels, die anfeuern, statt anzuhimmeln. Mit gelassenem Lächeln würden sie registrieren, dass die Jungs sich (auch) für sie so mächtig ins Zeug legen und dabei Missverständnisse formulieren wie »And none of the girls seem to think you´re cool / It´s probably because you smell bad«, weil das Gegenteil dieses Probenkellerparadieses eben auch wahr ist. Aber zurück zum Eigentlichen.

    »Hummingbird« hatte dank der ebenso betitelten EP schon in den Spex-Jahrescharts 2007 die Top 20 geknackt und illustriert nun auch die Qualitäten des ganzen Albums: Vocals, die sich die zerbrechliche Schönheit des Stimmbruchs bewahrt haben und trotzdem die Töne treffen, Lyrics die mehr auf lautmalerische Klangfarben statt auf überinterpretierbare Sinnzusammenhänge setzen, darunter der größte Trumpf des Trios: scheinbar völlig frei drehende Drums (Steve Hamelin) und der Bass (von Mitch DeRosier, dem Cousin des Sängers und Gitarristen Luke) bilden ein solides, polyrhythmisches Fundament, das nach vorne geht, ohne je zu langweilen, die Gitarre setzt Akzente, mit verspielten Licks hier, einem kräftigen Riff da. An kein Vorbild muss ich hier seltsamerweise öfter denken, als an Buddy Holly und seine famosen Crickets, die heute, gekreuzt mit dem Animal Collective (deren Produzent Rusty Santos auch hier die Studiokabinenscheiben von außen anhauchte) genauso klängen. Apropos fünfziger Jahre. Sehr schön auch das Artwork mit Fotos von Thomas Allen, der mit seinen aus alten Groschenromanen geschnittenen Cowboys und Superhelden exakt den Geist der Musik trifft: Vertrauen erweckende Klänge in frischen Zusammenhängen neu belebt. So wird auch »Kurt Vonnegut«, ohne jeden inhaltlich eindeutigen Zwang nach dem »Schlachthaus 5«-Autor benannt, zur sophisitikaten Fußballstadienhymnen für Fanblöcke, die auch zu Breakbeats eine La-Ola-Welle laufen lassen können.

    Wie auf der Spex-CD #77 mit »Badokadonkey« schon zu hören und in der aktuellen Mai/Juni -Ausgabe auch zu lesen war: diese Band ist die neueste Gitarrenhoffnung des so geschmackssicheren wie scheuklappenlosen Warp-Labels und, was soll man sagen, die Hoffnung ist berechtigt. Jetzt aber: noch mal auf »Kurt Vonnegut« geskippt und Finger von der Tastatur!

LABEL: Warp Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 23.05.2008

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