Bonobo „Migration“ / Review

Migration liefert die nötigen Abtörner zwischen der andauernden Stimulation.

Es soll ja Menschen geben, die das Meer abgrundtief hassen. Weil sie die Weite oder die ruhige Unruhe der Wellen einfach ankotzt. Diese Menschen werden auch Migration hassen. Sie werden es zerstören und schreiend darauf herumtreten wollen. Denn Simon Green alias Bonobo hat dafür gesorgt, dass sein sechstes Album ein seelenruhiges Grundrauschen durchzieht, das nach dem Seufzen einer unendlichen Brandung klingt. An einer unberührten Steilküste scheint Migration entstanden zu sein. Ist Bonobo nach all den Jahren als Kosmopolit also endlich angekommen? Emigriert aus der Stickigkeit der Club-Keller, die er mit dort sonst eher rar gesäten Melodien erhellt hat, ohne den jedoch den Tanzflächen-Spielverderber zu spielen – angekommen in einer Utopie, in der nur er und seine derzeitige Band existieren? Natürlich nicht.

Migration ist eine verkappte Naturplatte geworden.

Denn wenn seit 1999 eines das Schaffen von Bonobo durchzieht, dann die stetige Reise ins Ungewisse, die den Stillstand in waghalsigen Manövern (man denke nur an sein harsches Hau-Drauf-Alter-Ego Barakas) umschifft. Migration will Fragen nach Heimat stellen, weiß dabei aber überhaupt nicht, wo diese (musikalisch) überhaupt liegt. Die Streicherarrangements auf „Second Sun“ lassen Bilder eines elitären Konzertsaals aufflackern, bis das Wispern schizophrener Stimmen im Hintergrund wieder an die Steilküste ruft. Auch „Outlier“, das sich über acht Minuten vom Ambient-Rauschen zum progressiven House-Track aufbaut, kennt keine feste Verortung.

Migration, so viel steht fest, ist eine verkappte Naturplatte geworden. Sie bricht zwar dann und wann mit den vom Klackern der leisen Percussion-Versatzstücke vorangetrieben Ambient-Sounds, um in urbanes Getöse mit Post-Dubstep-Drums à la Burial vorzubrechen; jedoch nur, um von dort möglichst schnell wieder verduften zu können. Lediglich die imaginierte Steilküste bleibt eine Konstante – jedenfalls die meiste Zeit. Denn tönt aus „Bambo Koyo Ganda“ nicht doch eher irgendein tribales Ritual von einer Waldlichtung? Migration verwirrt. Antworten werden nicht mitgeliefert. Diese Verwirrung ist wichtig, ohne sie wäre das Album ziemlich generisch geraten. Sie lässt schablonenartig gezupfte Gitarren und stellenweise arg voraussehbare Melancholie egal werden. Sie ist auf Migration der nötige Abtörner zwischen der andauernden Stimulation. Und zögert den Höhepunkt solange heraus, bis man (trotzdem nicht unbefriedigt) feststellt, dass es gar keinen mehr geben wird.

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