Bomb The Bass

Bomb The Bass ist einer der maßgeblichen Innovatoren der elektronischen Tanzmusik. Tim Simenons formenstürmerische erste Produktionen liegen mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurück. Nachdem der Musiker in den letzten zehn Jahren allein als Zuarbeiter von Mainstream-Acts und als Szene-Aktivist tätig war, erscheint nun wieder ein Album von Simenon, in dem er eine neue Phase in seiner Auseinandersetzung mit der elektronischen Musik einleitet. Simenon gelang es wie wenigen, Chart-Erfolge mit Underground-Engagement zu verbinden. Das neue Album macht Lust, seine etappenreiche, wechselhafte Karriere noch einmal Revue passieren lassen.

    1987 schlug seine erste Single, »Beat Dis«, ein wie eine Bombe: der Track gehörte zur ersten Welle einer britischen Auseinandersetzung mit der Cut-Up-Ästhetik des DJings und Sampling des US-amerikanischen Hiphop. Zusammen mit Tracks von Coldcut und S’Express brachte Simenon zum ersten Mal allein auf Samples basierende Stücke in die internationalen Popcharts. Das »Bomb« aus seinem Projektnamen stammt aus der Sprache des Hiphop: Die Beats werden durch das Sample-Gewitter so ›gebombt‹, wie ein Zug von Graffitis. Sein 1988 erschienenes Debütalbum »Enter The Dragon« hat bis heute nichts an seiner Wirkung verloren: der entrückte transzendente Humanismus der afroamerikanischen Musik wird auf die Klangoberfläche projiziert. Was dort als entrückte, ferne Utopie erscheint, erklingt nun im Hier und Jetzt.

    Nachträglich kann man Simenons erste Produktionen auch als Parallelentwicklung zu Acid House hören: Auf dem ersten Album überlagern sich die Grooves der amerikanischen und der jamaikanischen Tanzmusik. Gleichzeitig wird in den Samples ein Referenzkosmos aus der gesamten Pop- und Filmgeschichte  aufgerufen, dessen Splitter auf den Hörer einprasseln. Der Produktionsstil des Bomb-Squad-Produzententeams und Public Enemys war für diese Phase von Bomb The Bass maßgeblich.

    Mitte der neunziger Jahre orientierte sich Simenon stilistisch völlig neu: analog zu Nightmares On Wax und Kruder & Dorfmeister erfand er Triphop. Auch aus rechtlichen Gründen setzte er kaum noch Samples ein, die Songs traten in den Vordergrund. Nachdem die Veröffentlichungen aus dieser Zeit nicht den gewünschten Erfolg hatten, war Simenon als Produzent für eine ganze Reihe von Megastars aktiv, unter anderem für Depeche Mode und Björk. Am Klangbild von Depeche Modes »Ultra«-Album war er maßgeblich beteiligt, mit »Play Dead« half er, Björk als Mainstream-Artist zu etablieren. Um die Jahrtausendwende hörte man kaum noch etwas von Bomb The Bass. Es hieß, er hätte die Musik aufgegeben. Er zog nach Amsterdam, begeisterte sich für Berliner Indietronica und produzierte einen vielbeachteten Song mit Lali Puna.

    »Future Chaos« wurde schon vor einigen Jahren angekündigt; offenbar wurde eine bereits fertig gestellte Version verworfen, weil sich Bomb The Bass fundamental neu orientieren wollte. Die Auseinandersetzung mit dem klassischen Minimoog-Synthesizer brachte den Durchbruch. Dessen psychedelische, wabernde Klang-Kaskaden prägen den Klang des Albums. Auf die denkbar lieblichste Weise taucht der Hörer in die elektronischen Klänge ein. Das Schwelgen in den Sounds steht mehr im Vordergrund als die Songs, welche von einem ganzen Spektrum bekannter Sänger aufgenommen wurden: David Best von Fujiya & Miyagi ist ebenso zu hören wie Paul Conboy (Corker Conboy) und Jon Spencer (Jon Spencer Blues Explosion). »Future Chaos« schreibt sich kaum in den elektronischen Sound der Gegenwart ein: es strahlt die entrückte, abgeklärte Aura eines Spätwerks aus.

LABEL: !K7 Records

VERTRIEB: Alive

VÖ: 19.09.2008

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