Boiband „The Year I Broke My Voice” / Review

Boibands The Year I Broke My Voice entpuppt sich als clevere, selbstermächtigende Protestmusik, die es Unstern erlaubt, viel greifbarer und poppiger als bisher in Erscheinung zu treten.

Erinnern Sie sich noch an Hans Unstern? Jenen rätselhaften Lyriker, der Lieder zum Nichtmitsingen über Hass auf Automobile und „Wortschätze aus Plastiksätzen“ machte? Kein Scherz, der hat jetzt eine Boiband gegründet. Zu Unsterns selbstgebauten Harfen gesellen sich pulsierende Beats des Rappers Black Cracker und scheppernde Drums seines Bandmitglieds und Performancekünstlers Tucké Royale. Eines bleibt jedoch unverändert: Unstern befindet sich gefühlt noch immer im Stimmbruch. Den glorifiziert er phasenweise so sehr, dass man Titel wie Tonlage von The Year I Broke My Voice als Seitenhieb auf diverse Boybands der Neunziger deuten könnte.

Nur mit einer Kategorie zu beschreiben: „uncategorized”.

Doch man missversteht das Album, wenn man es bloß als Persiflage rezipiert. Vielmehr scheint es dem Trio um süffisante Kritik an Geschlechterklischees und um Solidarisierung mit Transgenderbewegungen zu gehen. In den Texten von Unstern und Royale stecken nämlich diverse Referenzen an queere Kultur, zitiert wird vor allem die 2014 verstorbene LGBT-Aktivistin und Autorin Leslie Feinberg. In „Diaspora“ fällt beispielsweise einer ihrer prominentesten Sätze: „Strange to be exiled from your own sex to borders that will never be home“. Und „Butch Stone Blues“ ist eine Anspielung an das gleichnamige, literarische Hauptwerk von Feinberg, das von gesellschaftlicher Ausgrenzung erzählt. An anderer Stelle wird hingegen Melvilles Bartleby, die literarische Figur der smarten Verweigerungsgeste, ins Spiel gebracht.

Nicht nur deshalb entpuppt sich The Year I Broke My Voice als clevere, selbstermächtigende Protestmusik, die es Unstern erlaubt, viel greifbarer und poppiger als bisher in Erscheinung zu treten. Der Berliner Musiker Black Cracker hat für Unstern und Royales neues Projekt zudem Breakbeats gebastelt, eine Spieluhr angeschmissen und Synthesizer eingestöpselt. Mit diesem hybriden Sound verhält es sich fast wie mit den Texten von Feinberg, die viele ihrer Anhänger nur mit einer Kategorie umschreiben können: uncategorized.

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