Bohren & Der Club Of Gore Geisterfaust

Auch auf »Geisterfaust« bleibt der unheimliche Club weiterhin beispiellos. Vielleicht ist er noch am ehesten mit den Arbeiten der Wiener Improv-Szene um Martin Brandlmayr, Martin Siewert und Werner Dafeldecker vergleichbar, die ganz ähnliche klangliche Leerstellen im Kontext zurückhaltender Improvisationen bearbeiten, während es in den Bohrenschen Reduktionen mehr um das kompositorische Setzen einzelner Akkorde geht. Bohren wollen aber sicher nicht aus Selbstzweck die Langsamsten im Doom-Jazz-Land sein, es geht um Wirkung, um Verschiebung der Zeitverhältnisse, um den Grenzbereich, in dem sich die Wahrnehmung von Zusammenhängen in einzelne Ereignisse verliert – und um den Horror, den dieser Zustand zwischen Verbindung finden und vergeblich suchen auslöst.

    Entsprechend sind auf »Geisterfaust« die Leerräume nur noch vereinzelt mit Anschluss erleichternden Elementen wie Tenorsaxophon oder dunklen, chorähnlichen Mellotronflächen gefüllt. Stattdessen steht wieder die Kernbesetzung aus Piano, Bass, Schlagzeug und (selten) Marimbaphon im Vordergrund. Ein Mellotron kommt auf »Geisterfaust« tatsächlich nur kurz im 20-minütigen »Zeigefinger«, dem ersten Track, vor, der gemäß seines Titels exemplarisch zeigt, wie weit Bohren & Der Club Of Gore ihren Weg in die Isolation der Klänge gegangen sind. Noch nicht mal ein durchgehender Beat leistet Beistand. Ein Saxophon ist nur noch in »Kleiner Finger« zu hören, dem letzten Track, der gleichzeitig auch der einzige ist, der noch von Bohren gewohnte Bar-Jazz-Elemente als solche ausstellt. Dazwischen bilden »Daumen«, »Ringfinger« und »Mittelfinger« minimale Bewegungen und Entwicklungen ab, deren Töne sich mit mehr Verantwortung aufladen, je weiter sie voneinander entfernt werden.

   Nicht umsonst ist eine Blüte auf dem Cover von »Geisterfaust« abgebildet, ein perfektes Bild für die Darstellung langsamer Entwicklungen, die nur in ihrem Gesamtergebnis von uns wahrnehmbar sind: Am Ende entweder als geöffnete oder als geschlossene Blüte. Ob sich am Ende der scheinbaren Bewegungslosigkeit der Bohrenschen Zeitrechnung die Geisterfaust geöffnet hat oder geschlossen bleibt, das entscheidet sich daraus, was dir die größere Angst bereitet.

    Platte des Monats der Nerven.

LABEL: Wonder

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 02.05.2005

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