Bohren & Der Club Of Gore Dolores

Noch reduzierter, noch langsamer, noch weniger Noten rund um die Pausen setzend als auf »Geisterfaust« konnte es bei Bohren & Der Club Of Gore aus Mühlheim an der Ruhr nicht mehr werden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Band ihren Weg in Richtung schwarzes Loch, in Richtung Nichts, verlassen hat und sich wieder zurückbewegt zu den Bohren der »Black Earth«-Ära. Genau genommen klingt »Dolores« wie ein zweites »Black Earth«, also wieder sphärischer und nicht mehr ganz so erschütternd trostlos und kalt. Das ist ein wenig enttäuschend, schließlich verfolgte man über all die Jahre hinweg, wie hier ein einzigartig cimemascopischer und minimalistischer Trademark-Sound von Mal zu mal noch minimalistischer und die langsamste Band der Welt immer noch langsamer wurde. Dieser Wettlauf gegen sich selbst ist nun beendet.

    Trotzdem ist »Dolores« natürlich wieder ein mächtig düsteres Meisterwerk des Doomjazz – irgendwo zwischen David-Lynch-Abgründigkeit, schummriger Bar-Aura und einem Tenorsaxklang, der Blut schockfrostet. Das Tolle ist, wie Bohren es geschafft haben, auch über die Bildsprache ihrer Cover und durch die Verwendung plakativer bis genial-lapidarer Tracktitel beim Hörer den Kopfkinoprojektor anzuwerfen, der sich eines unglaublich reichen Zitatmaterials bedient. Bruce Lee auf dem Cover von »Gore Motel«, Straßenschluchten bei Nacht auf »Midnight Radio«, einmalige Songtitel wie »Dangerflirt mit der Schlägerbitch« auf der »Autoseite« von »Gore Motel«. Vom B-Movie bis zum Slasherfilm reicht hier das Assoziationsspektrum, von Twin Peaks über Giallo bis hin zu Dario Argento – natürlich auch, weil Score-Meister wie Goblin und Badalamenti Pate standen für das Soundkonzept von Bohren.

    Man steckt bei »Dolores« wieder sofort tief drin in einer cineastischen Welt aus Perversion und Depression. Die Coolness im Umgang mit all den Horrorfilm- und Doommetal-Klischees, die Bohren von Anfang an ausgezeichnet hat, wirkt nun sogar noch cooler als früher. Diese Band muss keine schon längst durchexerzierten Semiotiken mehr verdichten, keine Sprache des Films mehr übersetzen und noch doomiger doomen als alle anderen, sie ist nicht mehr so mit dem Fremdzitieren beschäftigt, sondern mehr mit der eigenen Funktionsweise. Tracks heißen jetzt schlicht »Karin«, »Faul« oder »Welk«, aber man kann trotzdem nicht anders, als sich diese Karin mit aschfahlem Gesicht im Rinnstein liegend vorzustellen, welk, vielleicht sogar bereits faul. Die Kamera hält auf sie drauf und dazu dann dieser Noir-Jazz, diese trockene Vibraphonmelodie, der Fender-Rhodes und das mit einem Besen bearbeitete Schlagzeug. Was mit Dolores passiert ist, mag man sich erst gar nicht ausmalen.

LABEL: PIAS

VERTRIEB: RTD

VÖ: 10.10.2008

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