Bohren & Der Club Of Gore Black Earth

»Wir sind am Grunde einer Hölle, von der jeder Augenblick ein Wunder ist.« (E.M. Cioran)Die Sonne ist nicht nur untergegangen, sie ist futsch. Ewige Finsternis, aber wir haben uns daran gewöhnt. Wir sind tot, und es fühlt sich gar nicht mal so schlecht an. Früher waren da wenigstens noch regennasse Straßen, beleuchtet von spinnenbewebten Neonröhren. Menschenleere U-Bahnschächte mit krakeligen Graffiti und zertretenem Kaugummi auf dem Boden. Hochhäuser, in denen nachts in einigen Wohnungen noch Lichter brannten, damit der besoffene Ehemann beim Zuschlagen besser treffen konnte oder zwei Menschen sich einfach nur beim Anschwiegen ansehen konnten. Früher befanden sich Bohren & Der Club Of Gore auf dem Weg in die Hölle, dann ging es um Sade, und nun »um Sade, die in der Hölle angekommen ist« (Uwe Viehmann). Es gibt viel Musik da draußen, viele Platten, und es gibt Bohren & Der Club Of Gore. Nichts klingt vergleichbar.

    Ich habe da eine Platte von Harold Budd, 1978, aber die ist auch nur eine sehr vage Referenz. Wie ist es möglich, muss man sich fragen, dass die permanente Vertonung des Nichts nicht langweilig wird, dass man immer noch überrascht wird von dieser erschütterndsten Band der Welt? Schwarz, schwärzer, Bohren. Ganz klar. Doch obwohl die Band natürlich absolut unten mit Kierkegaard, Schopenhauer, Heidegger, Carver, Antonioni und anderen Rumorern, Weltleidern und Berufspessimisten ist, bleibt hier immer dieses Restchen an Ambivalenz. Ja, diese Musik klingt wie direkt aus der Gefriertruhe geholt und nach der Bar der toten Seelen. Doch am Ende siegt der Existenzialismus: alles so furchtbar um uns herum, aber bei Anbruch der Dunkelheit können wir dann ja doch auch mal die Rollläden hochziehen und ein wenig durchlüften. Wo es ja nun eh schon alle wissen, weil es in der letzten SPEX stand: diese Rezension wurde vertrödelt, und beinahe wäre es schon wieder passiert. Doch wer kann mir das verdenken? Aus dem Abgrund, der sich beim Hören dieser Platte auftut, aus diesem unendlichen Höllenschlund, kommt man nicht mehr so leicht heraus. Einfach, weil man sich in ihm zu wohl fühlt. Und der Rest scheißegal ist.

LABEL: Wonder

VERTRIEB: EFA

VÖ: 28.10.2002

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