Bobby Womack The Bravest Man In The Universe

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XL Recordings / Indigo — 08.06.12

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Wenn junge bis mittelalte Briten stagnierende bis versandete Karrieren älterer R’n’B-Leute aus den USA wieder in Gang bringen wollen, lauern da allerlei Gefahren. 1983 bescherten Heaven 17 der in der Versenkung verschwundenen Tina Turner ein Comeback mit Let’s Stay Together. Der Al Green-Klassiker als Synth-Pop von britischen Soulboys, das war der Auftakt zu Turners Beförderung zur Diva des deutschen Dudelradios, da waren Heaven 17 aber schon wieder aus dem Rennen. 1998 konnte sich Dr. John nicht der fürsorglichen Belagerung prominenter englischer Musikerfans erwehren. Spiritualized, Supergrass, Primal Scream, Beta Band und Paul Weller – alle waren sie angetreten, um dem vom rechten Weg abgekommenen Voodoo-Doctor den Spirit seiner grandiosen Gris-Gris-Anfänge wiedereinzuhauchen. Das Resultat war Anutha Zone, der streberhaft-paternalistische Versuch des Britpop-Adels, dem Native-New Orleans-Doctor mal zu zeigen, was eine echte N.O.-Voodoo-Harke ist, eine selten kalte, statische Pracht von einem Album.

   XL-Recordings-Chef Richard Russell versuchte vor zwei Jahren gar nicht erst, dem todkranken Gil Scott-Heron die Sound- Klamotten seiner Glanzzeit auf den klapprigen Leib zu schneidern, weshalb I’m New Here eines der Alben von 2010 war. Jamie XX trieb den Ansatz mit seiner tollen Remix-Platte logisch weiter. Damit hatte sich Richard Russell für die Aufgabe empfohlen, den seit den frühen 90ern weitgehend verstummten Bobby Womack in die Gegenwart zu holen. Die Vorarbeit kam von Damon Albarn, er konnte den R’n’B-Veteranen für ein paar VokalCameos bei den Gorillaz gewinnen. Eine der virilsten schwarzen Stimmen der populären Musik als Gorilla? Womack dürfte gegrinst haben.

   Gemeinsam holen Albarn und Russell den bald 70-Jährigen ins 21. Jahrhundert und widerstehen über weite Strecken der naheliegenden Versuchung, nach dem Mark Ronson/Dap Kings-Patent vorzugehen und ein duftes Retro-Soul-Album zu liefern, der Markt gibt’s ja her. Nur einmal erliegen sie der anderen großen Versuchung, dem Rick Rubin-Patent des Bis-auf-die-Knochen- Strippens. Mit seiner nekrophil angehauchten Methode hat der US-Produzent mit mehr (Johnny Cash) oder weniger (Neil Diamond, Donovan) großem Erfolg Rentner recycelt. Ähnliches passiert hier bei einem runtergestrippten Gospel, bei dem Womack, Zeit seines Lebens gefragter Gitarrist, zur Akustischen vom Deep River predigt – »my home is over Jordan« –, und die Stimme geht über den Jordan, dekorativ.

   Ansonsten lassen Albarn & Russell ihre Beziehungen spielen, was dem Album die Anmutung einer Ensemble-Compilation gibt. Aus dem Jenseits schaut Gil Scott-Heron vorbei und röchelt ein paar launige Sätze über den Allmächtigen, der pleite ist. Aus einem noch viel jenseitigeren Jenseits erhebt die leibhaftige Lana Del Rey ihre Stimme. Hype hin, Backlash her, das ist toll, King Kong und die weiße Frau. Selbst die Schnaps- beziehungsweise Reißbrettidee, Gospel mit Gabba bekanntzumachen, funktioniert. Fallen umschifft, die nekrophile wie die negrophile. Es gibt da ja diese umgekehrte Onkel Tom-Konstellation: wohlmeinende Weiße, die für die Sünden ihrer Vorfahren büßen und in Demut erstarren. Hier nicht.

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