Bob Dylan Shadows In The Night

Ein Hit ist ein Hit ist ein Hit – und ein großer Künstler macht aus einem guten Song einen noch besseren. Bestes Beispiel: Bob Dylans Beinah-Sinatra-Coveralbum Shadows In The Night.

Sinatra reloaded. Ein Konzept, das man von Michael Bublé erwartet. Oder ist schon wieder Weihnachten mit She & Him? Nichts dergleichen, wir sprechen von Bob Dylans 36. Studioalbum. Shadows In The Night ist eine Sammlung amerikanischer Standards und, wie Dylan betont, keine Sinatra-Cover-Platte. Der Entertainer mit dem guten Draht zur Mafia habe nur zufällig all diese Songs auch gesungen. Klar. Trotzdem ist Sinatra der elephant in the room oder, laut Dylan, »der Berg« über den er für diese Platte steigen musste. Sparsam instrumentiert geht Dylan das Experiment an: Kammer-Feeling statt Orchesterwucht. Reichlich Pedal-Steel ersetzt schmachtende Streicher, mal gibt es ein zartes Scheppern der Hi-Hat und hie und da ein Horn. »I’m A Fool To Want You« singt Dylan, eines der wenigen Stücke, bei denen Überinterpret Sinatra selbst als Koautor fungierte und der Legende nach seiner Affäre Ava Gardner hinterherschniefte. Aber genug der Vergleiche, Sinatra ist tatsächlich absolut nebensächlich. Hier zählt nur einer: Bob, der Unvergleichliche.

Dylan liefert auf Shadows In The Night eine verblüffend überzeugende Gesangsleistung ab. So durchlässig, sanft, aufrichtig, tröstend, bisweilen fast schüchtern hat man den 73-Jährigen sehr lange nicht gehört. »Präzise« ist ein Wort, das im Dylan-Kontext eher selten auftaucht, aber Shadows In The Night ist, bis auf wenige Ausnahmen (etwa »Stay With Me«, wo Dylan in schwachen Momenten zum einsamen Oppa auf der Kirchenbank wird) genau das. »Autumn Leaves«, sonst eher ein gefundenes Fressen für Songbirds wie Eva Cassidy, wird zum spooky Friedhofspaziergang mit dramatischem Ritardando; der Interpretation von »Why Try To Change Me Now« kann höchstens Fiona Apples Knock-out-Version das Wasser reichen; und in »Full Moon And Empty Arms« entdeckt Dylan die Blue Note für sich. Natürlich ächzt er auch weiterhin, knarzt sich durch das American Songbook und atmet ständig an den vermeintlich falschen Stellen. Aber er ist perfekt in seiner Imperfektion und hatte auch stets Besseres zu tun, als ganze Tage in der Badewanne zu verbringen und mit dem Kopf unter Wasser an der optimalen Phrasierung zu feilen.

Wie angenehm, dass einer wie Dylan, der sonst immer so viel zu sagen hat, sich für einmal ausschließlich der Liebe widmet und Phrasen wie »I’ll love you till the moon’s upside down« raushaut. Was bei anderen Künstlern banal wäre, wirkt hier in seiner Simplizität besonders berührend, den bitteren Subtext liefert die Figur Bob Dylan ohnehin mit jeder Note mit. Das Überraschende an diesem Album ist also, dass es keine Überraschung ist. Und warum sollen Coverversionen eigentlich so »riskant« sein? Ist es nicht für einen Musiker das Natürlichste der Welt, ein Stück, das er ehrt und schätzt, auch interpretieren zu wollen? Eine der goldenen Regeln der Popmusik lautet noch immer: Ein Hit ist ein Hit ist ein Hit. Insofern hat Bob Dylan mit Shadows In The Night alles richtig gemacht. Ein guter Song bleibt ein guter Song. Und ein großer Künstler macht daraus einen noch besseren.

1 KOMMENTAR

  1. Was musste Dylan immer für Prügel von Kritikern einstecken. Erinnere mich noch an die füchterlichen Verisse von SLOW TRAIN COMIN‘. Auch damals hat er ein Fenster aufgemacht. Nur wollte keiner mit ihm durchgucken. schön, dass es diesmal klappt.

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