Eine Wiederveröffentlichung, egal aus welcher Motivation heraus erdacht, schmeißt ja immer die Erinnerungsmaschine an. Und ich erinnere mich noch recht genau, wie wir einzigen zwei SPEX-Leser damals in der süddeutschen Diaspora vom Bahnhofskiosk zurückkamen, und da war Blumfelds »Ghettowelt« die Single des Jahres. Wer? Blumfeld? Wer bitte schön ist das denn? Wieder so ein SPEX-Hype, wieder so eine Platte, die man partout nirgends und niemals kaufen kann. Man konnte, zumindest das einige Zeit später veröffentlichte Debüt-Album »Ich-Maschine«, die Single vergaß ich, während mich meine Mitmenschen in der einzigen Alternativ-Bar der süddeutschen Diaspora freundlich baten, doch bitte die »Selbstmord-Musik« auszuschalten, sobald ich meinem Kulturerziehungsauftrag hinter der Theke mit dem unnachgiebigen Abspielen des Albums nachzukommen versuchte. Fortan reisten wir zwei einzigen Blumfeld-Fans in »JuZes« nach Tübingen oder andere mehr oder weniger benachbarte Diasporas, wo Jochen Distelmeyer, Eike Bohlken und Andre Rattay mein Leben für immer verändern sollten. Dass es an solchen Orten z.B. solche Singles zu kaufen gibt, und zwar welche, die es nicht im Plattenladen um die Ecke gibt, war mir damals als System noch nicht bewusst. Ich »tschorte« (badisch für »klauen«) Playlists von der Bühne und kopierte mir Plattencover auf T-Shirts. Ich war mein eigener Merchandiser.Es mag manch´ anderem ähnlich ergangen sein, irgendwann waren mir dann auch New Yorker Deep House-Maxis wichtiger als kleinformatige Indierock-Kleinode auf noch kleineren Labels. Blumfeld waren mir nie egal. Und kleine Labels natürlich auch nie. Blumfeld gibt es nun seit zehn Jahren, genauso lange wohne ich nun in Köln und arbeite bei einem Musik-Magazin, das seine Leser regelmäßig u.a. mit Singles in den Wahnsinn treibt. Das kleine Label ZickZack bzw. What´s So Funny About sind immer noch mehr als nur am Leben. Und es gibt neue Blumfeld-Fans, die die Anfänge, geschweige denn die sie dokumentierenden 7inches, einer der wichtigsten deutschen Rockbands gar nicht mitbekommen haben. Das und noch vieles mehr ist guter Grund genug für »Die Welt ist schön«, die erstmalige Zusammenfassung der »Ghettowelt«- und der darauffolgenden Doppel-Single mit u.a. »Verstärker« und »Anderes Ich« auf CD und einer limitierten 10inch. Jetzt frage ich mich nur noch, ob die Welt damals wirklich schöner war, oder doch jetzt? Oder ist sie es je gewesen?

LABEL: Zick Zack

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 27.05.2002