Bluetooth-Boxen sind ohne die sozialen Plattformen im Netz nicht zu denken. Und umgekehrt. Wer sich mit ihnen verbindet, steigt ein in die Raumexperimente der Gegenwart. Elf Notizen.

1.

Manchmal, nachts, wenn ich aufwache, lege ich die kleine Bluetooth-Box neben meinen Kopf. Dann spielt daraus ganz leise Musik, manchmal Nachrichten, manchmal lasse ich Regengeräusche aus einer App rauschen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, ich habe mich in den Klängen untergestellt. Ich muss warten, bis das Wetter wieder besser wird. Über dieser Vorstellung schlafe ich ein.

Sie spricht nicht laut, sie flüstert nur. Sie ist ganz nah, ganz zart, aber bestimmt: Die Bluetooth-Box (Illustration: dp / SPEX).

2.

Die Bluetooth-Box ist dann für mich kein richtiger Lautsprecher. Weil sie nicht laut zu mir spricht. Sie flüstert nur. Sie ist ganz nah, ganz zart, aber bestimmt. Die Bluetooth-Box ist aber auch kein Kopfhörer. Sie sitzt mir nicht auf den Ohren. Sie schließt mich nicht ab und drückt mir den Sound nicht in den Kopf.

3.

Die Bluetooth-Box ist kein echter Lautsprecher, weil sie nicht fest verkabelt ist und deshalb nicht unbeweglich an einer Anlage hängt. Sie ist ein Produkt der Kulturmobilisierungsindustrie. Mobilität ist ihr Dispositiv. Portabilität gilt als Ausdruck von Freiheit. Die Bluetooth-Box lässt mir Spielraum für Bewegungen, damit ich sie mit mir in Bewegung halte. Allerdings in Grenzen. Die Bluetooth-Box ist kein Walkman. Ich stöpsele sie nicht in mich ein. Sie wird nicht eins mit mir. Sie ist nicht wirklich dort, wo ich bin. Sie bleibt bei jeder Bewegung zwar immer in meiner Nähe. Aber sie kommt mir niemals zu nah.

4.

Die Bluetooth-Box gehört zwar eng zu mir. Sie bleibt aber ein eigenes, anderes Objekt. Sie ist ein Ding, dem ich zugucken kann, wie es etwas macht, etwas um mich herum entwirft, entfaltet, ausgestaltet. Sie ist wie ein kleiner Projektor, aber einer für das Ohr. Ein Beamer für Sound, ein Gerät für superimmersives Kino: augmented sound für meine Augmented Reality.

5.

Der „Walkman-Effekt“, so hieß es vor dreißig Jahren, zerlegt den urbanen Raum durch den man sich hörend bewegt. Und er verwandelt die Hörenden in diese abgeschotteten Monaden, die wir heute noch sehen und die wir selbst sind, wenn wir mit bombastischen Headphones, mit eingesteckten Earpods, In-Ear- und Near-Brain-Gadgets mit injizierter Musik ganz allein, sprachlos, hypnotisiert in hyperinidividualisierten Videoclips herumlaufen. Die Bluetooth-Box macht aber keine Monade aus mir. Sie öffnet mich zur Welt. Wenn ich aufstehe, nehme ich sie mit leichter Hand rüber ins andere Zimmer, zum Schreibtisch, dann ins Bad, in die Küche, auf den Balkon. Die Bluetooth-Box organisiert einen kleinen Klangraum dafür, einen körpernahen Raum für Resonanzen. Der ist wie eine Glocke, aber zart. So wie eine Blase, die um die Bluetooth-Box herum fest und stabil ist und immer weiter weg vom Zentrum immer leichter und durchdringlicher wird. Da wo der Raum endet, schließt er mit einer feinen Haut aus leiseren Klängen ab, durch die man eintreten und auch wieder heraustreten kann.

6.

Weil das so ist, haben Bluetooth-Boxen keinen Zug zum Totalen. Sie sind alles andere als totalitär. Bluetooth-Boxen füllen nie den ganzen Raum. Sie haben gar nicht die Kraft, die echte Lautsprecherboxen haben, die ihre Energie bis in die Winkel und Ritzen ausstrahlen. Lautsprecher können Massen beschallen. Bluetooth-Boxen nicht. Sie sind deshalb auch nichts für High-End-Hifi-Fans. Aber auch nichts für Kopfhörer-Freaks. Wer in Musik baden will, wer mit Musik davonschwimmen, sich mitreißen oder von der vollen Ladung Dezibel wegknallen lassen möchte, macht keine Bluetooth-Box an. Bluetooth-Boxen sind nicht zur Überwältigung da. Sie sind auch nur noch entfernt mit den Ghettoblastern und Boomboxen verwandt. Die wollen ihre Umgebung mit Nachdruck auf sich aufmerksam machen und den Raum mit Statements beschallen und besetzen. Bluetooth-Boxen gehören viel eher zur Familie der kleinen Kofferradios. Ihre Vorfahren stehen in Büros und dudeln und klimpern leise Schlager vor sich hin.

7.

Statt totalitär sind Bluetooth-Boxen eigenartig dialogisch. Man muss sich eigentlich dauernd mit ihnen beschäftigen. Man muss sie durch den Raum tragen. Man muss sie immer wieder neu stellen. Man muss den kleinen Klangraum immer wieder neu einrichten. So bleiben sie immer im Sichtfeld. Sie kommen nie zur Ruhe, und man selbst mit ihnen sowieso nicht. Jede Bluetooth-Box sagt, ganz gleich, wo sie steht: Hey, ich könnte auch ganz anders stehen. Stell mich um. Der Raum könnte deshalb auch ganz anders klingen. Bau ihn um. Und wenn du willst, kannst du in diesem Raum auch alles ganz anders hören. Klick weiter.

8.

Statt totalitär sind Bluetooth-Boxen merkwürdig sozial. Weil ihr Klangraum wie eine durchlässige Blase ist, können immer auch andere darin vorkommen. Sie treten ein und treten aus. Bluetooth-Boxen funktionieren deshalb besonders gut für kleine, lockere Gruppen und Grüppchen. Im Sommer sieht und hört man sie in den Parks, wenn sie auf Wiesen zusammensitzen und jemand seine Box mitgebracht und sich ein Kreis formiert. Mitten drin wird getrunken und geraucht und geredet. Fährt man mit dem Fahrrad vorbei, berührt man seine Klanghaut und hört aus der Entfernung ein bisschen was von dem, was in der Blase klingt und die Gruppe verbindet. Man könnte eintreten, weil sie offen ist, tut es aber nicht, weil sich die Blase dann doch zu deutlich schließt. Stattdessen fährt man weiter und kommt auf den Wegen an den Wiesen entlang an immer neuen Gruppen mit Bluetooth-Boxen vorbei. Es sind immer neue Blasen, Bläschen, kleine Inseln, Planeten in der Dämmerung. Schaut man genau hin, sieht man, wie sich hier und da und überall die Pop-Galaxis ausdehnt und dabei immer neue temporäre Soundscapes entstehen, die sich wieder auflösen und an anderen Orten wieder neue kleine Räume entstehen lassen. Und hört man genau hin, kann man in dem Rauschen, das im Sommer über den Parks liegt, die verstrahlten und verstreuten Reste des Urknalls hören, von dem aus alles immer weiter auseinanderfliegt. Und man selbst rauscht und fliegt mittendrin mit.

9.

Bluetooth-Boxen hüllen temporär ein. Sie fokussieren nicht. Sie schaffen dynamische Atmosphären. Und sie trainieren die Hörenden, ihre Bewegungsräume im Hinblick auf Atmosphären zu lesen und atmosphärisch zu gestalten. Dass bei den Streamingdiensten die vorgefertigten Listen für Stimmungen boomen, hat mit der Ausbreitung der Bluetooth-Boxen zu tun. Weil sich mit ihnen die Klangräume auf nervöse Weise verändern, brauchen sie Algorithmen, die zurecht rechnen können, welche Musik am besten zu welcher Situation passt. Und sie müssen dauernd Angebote machen, was als nächstes gehört werden kann. Dass die Hörer_innen immer mehr Tracks immer schneller weiterklicken, ist eine Folge davon. Das Weiterklicken selbst ist Teil der Atmosphäre. Es ist die Bewegung im Raum, die den Raum mit jeder Bewegung gestalten will.

10.

Eigentlich ganz egal, was man hört – aus den Bluetooth-Boxen kommt immer vor allem eins: der Sound von Social Media. Sie sind ohne die Plattformen im Netz nicht zu denken. Und umgekehrt: Plattformen nicht mehr ohne Bluetooth-Boxen. Wer sich mit ihnen verbindet, steigt ein in die Raumexperimente der Gegenwart, die sich zwischen den alten großen Öffentlichkeiten und den abgeschlossenen Privatheiten bewegen. Bei diesen Experimenten geht es um das Entstehen und Vergehen von temporären Blasen, Bläschen, Inseln, Planeten als Räumen für Resonanz. Es geht mit jedem Klick darum, wie es in der Pop-Galaxis weitergeht. Interessant wird jede Bewegung. Wie ich die Bluetooth-Box stelle. Wie ich sie herumtrage. Wie ich die Klanghaut drumherum ziehe und sie um mich ziehen lasse. Wie ich in die Blasen eintrete und wieder herauskomme. Wie ich mit wem darin den Sound aufrufe, ihn entfalte und dann weiterklicke. Wie ich. Wie du. Wie wir.

11.

Mit den Bluetooth-Boxen führen wir uns vor, dass Musikhören eine ganz komplexe experimentelle Bewegungsfigur ist. Wir können uns zuschauen und interessant finden, was wir da machen. Auch dann, wenn man sich nachts die Bluetooth-Box neben den Kopf stellt und den Regen rauschen lässt und sich darin unterstellt und einhüllen lässt, um darin endlich wieder einzuschlafen.