Hynes ist noch immer hungrig auf die Stadt, sowohl auf das Lonely-Planet-Romantikding als auch auf ihre Außenseitergeschichten. Der New Yorker Alltag hat sein Bewusstsein für schwarze und queere Themen geschärft: Auf dem Blood-Orange-Debüt Coastal Grooves sang er im Jahr 2011 emphatische Lieder über die Ballroom- und Vogue-Szene der Achtzigerjahre, einen Hotspot der LGBT-Community von Manhattan, und zog Parallelen zwischen ihrem Ringen um Akzeptanz und seiner eigenen Mobbingvergangenheit. Der stilbildende Dokumentarfilm Paris Is Burning war ein offensichtliches Vorbild, die Songs blieben zwischen New Wave und zittriger Leadgitarre angenehm schwach auf der Brust. Erst mit dem Nachfolger Cupid Deluxe erweiterte Hynes 2013 sein NYC-Spektrum so weit um Disco, Funk, Old-School- und Golden-Age-Rap, dass man schlicht Pop dazu sagen konnte. Saxofon, Klarinette und obskurere Blasinstrumente glitten sanfter denn je durch die Stücke. Alles klang androgyn und körperbewusst, nach letzter Runde im Nachtclub, immer mindestens zweideutig einladend.

“In New York bin ich zu einem Einzelgänger geworden, der niemals wirklich allein ist”, sagt Hynes. Weil seine Blood-Orange-Songs mit seltener Selbstverständlichkeit durch die unsichtbaren Trennwände zwischen Underground und Mainstream sickern, wurde er außerdem zum langfristig ausgebuchten Auftragssongwriter und -produzenten. Hynes arbeitete mit seiner zwischenzeitlichen Freundin Samantha Urbani, Empress Of, Kindness, Tinashe, Connan Mockasin, Jessie Ware, Le1f, Sky Ferreira, Solange Knowles, Florence Welch, Theophilus London, FKA Twigs, Sia, Nelly Furtado, den Chemical Brothers, dem Nachfolgeprojekt der Sugababes, Carly Rae Jepsen, Kylie Minogue, Grace Jones, Britney Spears und noch ein paar anderen. Nicht immer kam dabei etwas Brauchbares heraus, und Hynes weiß auch warum: “Ich mag keine Popmusik! Wenn ich schon höre, wie sie heutzutage mit Bläsern umgeht, denke ich: Wow, das kannst du aber echt viel besser.”

Im Sommer 2016 nun kulminieren die Rastlosigkeit und das popfeindliche Pophändchen des Künstlers, der längst auch Soundtracks, Ballettvertonungen und eigene Tanzambitionen stemmt, in der ersten dritten Platte eines Projekts von Devonté Hynes. Doch Freetown Sound ist mehr als das: die erste große Prince-Platte in einer Welt ohne Prince, ein Lagebericht im Sinne des Mittsiebziger-Protest-R’n’B von Stevie Wonder, Musikunterricht für kommende Anhänger von Miles Davis’ Third-Stream-Phase. 17 Songs verschwimmen auf einem Album, das Mixtape und Gesamtkunstwerk zugleich ist, ineinander. Hynes und seine zahlreichen Duettpartnerinnen singen hart an der Grenze zum blumigen Gefühlsdusel, beinahe immer läuft ein stumpfer Drumcomputer mit. Samples aus Filmen des schwulen Aktivisten Marlon Riggs und Reden des Publizisten Ta-Nehisi Coates stecken den thematischen Rahmen ab. Das Album beginnt mit einer Slam-Poetry-Hommage an Missy Elliott.

“Ich wollte eine Hip-Hop-Platte ohne Raps machen”, sagt Hynes, “meine Version von Paul’s Boutique, Dillas Donuts oder einem Madlib-Mix.” Dieser Satz hätte nach dem zweiten Wort genauso gut in tausend andere Richtungen weitergehen können. Natürlich ist Freetown Sound Ehrerbietungsmusik, verdichtet bis in die letzte Tonspur. Es ist aber auch die erste New-York-Platte von Hynes, auf der er nicht mehr ankommt, sondern einfach da ist. Seine Songs nutzen die Stadt wie ein weiteres Instrument, das zu persönlich geprägten Erzählungen über Herkunft, Aufbruch und black struggle beiträgt. “Im Prinzip ist Freetown Sound ein 60-minütiges Selbstgespräch”, sagt Hynes und lacht. “Viele Fragen, viel Träumerei, keine Antworten. Gerade der Gedanke, dass es ein unvollständiges Album ist, gefällt mir. Ich hätte ewig daran arbeiten können, aber irgendwann habe ich gespürt, dass es reicht. Ich bin wohl der Anti-Kanye.”

“Ich mag keine Popmusik! Wenn ich höre, wie sie mit Bläsern umgeht, denke ich: Wow, das kannst du aber viel besser.”

Noch im letzten Jahr sah es nicht so aus, als würde Hynes jemals wieder einen öffentlichen Witz machen. Nach der Veröffentlichung von Cupid Deluxe schien sich sein Leben in eine absurde Abfolge von Social-Media-Fehden, Schicksalsschlägen und Vorfällen zu verwandeln, die den Alltag des schwarzen Amerika kennzeichnen. Ende 2013 brannte Hynes’ Apartment ab. Im Sommer 2014 spielte er beim Lollapalooza-Festival in Chicago, hielt eine Ansprache zu Rassismus und Polizeigewalt und wurde daraufhin hinter der Bühne von drei Security-Typen verprügelt. Einige britische und amerikanische Musikmagazine beobachteten die Ereignisse mit einer sonderbaren Mischung aus Gehässigkeit und Sensationsgier. Hynes’ Stimmung erreichte indes neue Gefrierpunkte: Er schrieb fatalistische Facebook-Postings, giftete gegen die Presse zurück und setzte sich in seiner Musik erstmals mit absoluter Hoffnungslosigkeit auseinander.

“Do You See My Skin Through The Flames?” legte im vergangenen Juli Zeugnis davon ab. Mit der elfminütigen Spoken-Word-Collage behandelte Hynes jenes Massaker, das ein 21-Jähriger wenige Wochen zuvor in einer afroamerikanischen Kirche in Charleston, South Carolina angerichtet hatte. Es ist eine Blood-Orange-Botschaft ohne Blood-Orange-Song: wirkmächtig, aber besorgniserregend, denn am Ende bleibt offen, wie es überhaupt noch weitergehen soll mit den großen gesellschaftlichen Problemen der USA und den kleinen Pop-Projekten, die sich daran abarbeiten. Hynes’ neue Protestmusik schien abzuschließen, zuallererst mit der eigenen Daseinsberechtigung. Dass es anders kam, liegt nicht zuletzt an seinem Vater.

“Meine Eltern sind noch zusammen und sehr präsent in meinem Leben”, sagt Hynes. “Aber gerade mein Vater ist mir immer ein absolutes Rätsel geblieben.” Als die Arbeit an Freetown Sound ins Stocken geriet, warf Hynes einen Blick auf seine eigene Familiengeschichte. Wie waren seine Eltern, immerhin Migranten wie er selbst, mit Unwägbarkeiten, Rückschlägen und rassistischer Ablehnung umgegangen? Woraus zogen sie Hoffnung? Unpopular answer alert: aus dem Christentum. Über afrikanische Prophetinnen hatte Hynes bereits recherchiert, er war also im Thema. “Nun fragte ich mich, wie Religion in meiner Familie über Generationen hinweg ein Trost- und Freudenspender sein konnte, während sie auf mich wie eine eiserne Faust wirkt, die mein ganzes Leben kaputtschlagen will. Was ist da schief gelaufen?”

Hynes’ Antwort ist ein Album, das keine Antworten gibt. Freetown Sound zeigt ihn dennoch vorsichtig optimistisch, eingebettet in eine Glaubensgemeinschaft aus Musikern, Filmemacher, Tänzern und anderen Künstlern, die bei der Verwirklichung eines Widerstands helfen, der sanft, gefühlvoll und sexy ist. Schon im vergangenen Dezember brachte der sonst eher bühnenscheue Hynes diese Glaubensgemeinschaft für einen Konzertabend zusammen. Im Apollo Theater auf der 125. Straße von Harlem, dort wo James Brown 52 Jahre zuvor das berühmteste Livealbum der Welt aufgenommen hatte, tänzelte Hynes befreit zwischen Instrumenten und anderen Freuden herum. Mit Solange Knowles sang er Marvin Gayes “Inner City Blues” und nahm vorweg, was nun auch auf Freetown Sound erklingt. “Ich wollte den Sound der Freiheit”, sagt Hynes. Klingt kitschig? Klingt nach Blood Orange.

Dieser Artikel ist in SPEX No. 369 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

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Foto: Chris Schoonover