Hynes erinnert sich dennoch an eine prägende Zeit, in der er, umgeben von anderen suchenden Künstlern, einen eigenen Sound entwickeln konnte. Diesen Sound muss man kennen, um zu verstehen, wie sehr Test Icicles dem Untergang geweiht waren. Zwar wirken die schwülstig-orchestralen Folksongs, die Hynes ab 2007 unter dem Namen Lightspeed Champion schrieb, aus heutiger Sicht wie ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur freiförmigen Referenzpopmusik von Blood Orange. Zur damaligen Zeit markierten sie jedoch einen Bruch mit seinen Weggefährten und den Vorlieben der Fachpresse. Hinzu kam ein neuer Look, selbstbewusst angelegt zwischen menschlichem Kuscheltier und Prinz von Bel-Air im Skiurlaub. Auf Fotos hielt Hynes Kaninchen und Katzenbabys im Arm. Er sang ernsthafte Bekennerstücke über kaputte Liebe und die Essex-Jahre, schien den Klischeetyp des aufrichtig-empfindsamen Liedermachers jedoch gleichzeitig verarschen zu wollen.

Tatsächlich war Lightspeed Champion wichtig für Hynes, weil er durch das Projekt erstmals eine Beziehung zum Kitsch entwickelte. Seine Experimente mit Überschwang, Überdruss, Überempfindlichkeit und zahlreichen weiteren Überformen erzwangen die gewünschten Effekte zwar bisweilen mit der Brechstange – im Lightspeed-Song “The Big Guns Of Highsmith” gibt es eine Art göttlichen Interventionschor, der hörbar genervt fordert: “Oh, just stop complaining!” Auf den heutigen Sound von Blood Orange nahmen diese Spielereien jedoch ähnlich großen Einfluss wie der Umzug nach Brooklyn, den Hynes im Jahr 2007 “aus einer Laune heraus” vollzog. Der Künstler trug sein Herz auf der Zunge und alles andere am Körper. Die Lightspeed-Zeile “I’m wearing everything I own” stellte sich als doppelt programmatisch heraus.

So unkompliziert, wie er sie heute darstellt, verlief die zweite Flucht von Hynes jedoch nicht. In London fühlte er sich isoliert, die Stimmbänder machten Probleme, die lauwarme Rezeption seiner Musik schmerzte. Der NME packte ihn auf eine Liste von has-beens, die ihren Erfolg mutwillig weggeworfen hätten. Es ist deshalb schwer zu sagen, ob der Wille zur Umschulung ein Produkt seines New Yorker Lebens war oder schon vorher in Hynes gebrodelt hatte. Die Stadt kitzelte jedenfalls einen neuen Künstler aus ihm heraus, sie politisierte ihn und weckte seinen Kampfgeist.

Hynes zog sich an wie eine Wanderausstellung zur afroamerikanischen Modegeschichte von Disco bis heute. Er kreuzte diesen Look mit amüsanten Big-Apple-Touri-Insignien und bekannte sich zum Leben als Solokünstler und Studiowühlmaus in der Welthauptstadt der Künste. “Ich begann damit, alle Instrumente selbst zu spielen, weil ich so ungeduldig bin”, sagt Hynes. “Am liebsten würde ich auf Notenblättern komponieren und nicht mal selbst singen. Aber dann würde es ewig dauern, bis etwas fertig ist.”

Obwohl er in den USA zunächst noch ein Album als Lightspeed Champion aufnahm, ist Blood Orange das unverkennbare NYC-Vehikel von Hynes: das Projekt, bei dem man die Stadt durch seine Augen kennenlernt. Weil Brooklyn schnell zu teuer wurde, schloss sich Hynes einer Bewegung an, die zahlreiche Künstler zurück nach Manhattan führte. Er lebt heute im East Village und arbeitet in einem Studio am St. Marks Place, “einem echten, geschichtsträchtigen Höllenschlund”, wie er sagt. Dort wandelt Hynes auf den Spuren erklärter Vorbilder wie Allen Ginsberg und Arthur Russell. Seine Lieblingsorte, das Museum Of Modern Art und die Aussichtsplattform des Empire State Buildings, befinden sich nur einen Fußmarsch entfernt. Die Ticketabreißer und Kassiererinnen der jeweiligen Cafés kennt Hynes längst persönlich.

“New York hat tatsächlich diese mythische, undefinierbare Komponente an sich, von der immer alle reden”, sagt er. “Das ist natürlich eine vage Idee, und oft hat sie nicht viel mit der harten Lebensrealität der Stadt zu tun. Aber man kann daran arbeiten, die Idee am Leben zu erhalten. Dann ist sie unendlich inspirierend.” Hynes liebt New York, wie andere Menschen ihren müffelnden, löchrigen Lieblingspulli lieben. Jeden Tag schlendert er mit Notizbuch durch die Straßen, hält aufgeschnappte Unterhaltungsfetzen fest, lässt sich von der Musik beflügeln, die aus Kellerbars und offenen Fenstern dringt, und freut sich über die LKW-Hupen, die nirgendwo lauter sind als in Manhattan. “Ich habe noch immer etwas von einem Neuankömmling”, sagt Hynes. “Wenn ich andere Leute treffe, denke ich meistens, dass sie schon viel länger in New York leben müssen als ich. Dann unterhalten wir uns und finden heraus: Ich bin seit neun Jahren hier, mein Gesprächspartner seit letztem Oktober.”