Her & Black Mirror: Maschinenliebe, die nächste Stufe (Beta-Version)

Her: Theodore und Samantha (in der Brusttasche) genießen ihr Glück

In Spike Jonzes Her, just auf DVD erschienen, verliebt sich Joaquin Phoenix in sein Betriebssystem. In der britischen TV-Serie Black Mirror heißt es dagegen, etwas weniger romantisch: The future is broken. Zwischen Hoffnung und Angst lernen wir: Nur weil etwas simuliert ist, muss es noch lange nicht unecht sein.

Es ist gar nicht so lange her, dass Siri Menschen in aller Welt zu einem lebensverändernden Erlebnis verhalf: Man ertappte sich dabei, allen Ernstes mit einem Computer zu sprechen. Im Fall von Siri mit dem Sprachinterface des Apple-Betriebssystems iOS, und zwar nicht kichernd-ironisch wie früher im Märchenpark (»Hörst du mich, Rübezahl?«), nicht ärgerlich-ungeduldig wie mit den Sprachmenüs sogenannter Service-Hotlines (»Antworten Sie mit Ja!« »Ja!« »Ich habe Sie nicht verstanden …«), sondern geradezu locker, im Plaudertonfall: »Siri, schreibe bitte eine SMS an Mama.« Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt. Wie schnell man akzeptiert, dass ein Smartphone tatsächlich tut, was man ihm sagt. Im realen Alltag erleben schließlich nur Hundebesitzer täglich, dass auf sie gehört wird. Eingedenk dessen, dass außerdem kein Gerät so viel über uns »weiß« – und auch nicht mehr vergisst – wie unser Computer, scheint es nur logisch, dass aus dieser engen Beziehung eines Tages mehr werden könnte. Tatsächlich: Liebe?

Spike Jonze spielt die entscheidenden Momente einer solchen Romanze in seinem neuen Film Her – neben fast 40 Musikvideos ist es erst Jonzes vierte abendfüllende Regiearbeit – einmal durch: Theodore Twombly, von Joaquin Phoenix als überaus softer und nerdiger Charakter angelegt, ist einsam, seit einem Jahr von seiner Frau getrennt und kauft sich kurz vor dem Scheidungstermin ein neues Betriebssystem. Das OS1 fragt ihn bei der Installation kurz nach ein paar privaten Dingen – und ist schon Sekunden später so gut auf ihn eingestellt, so sehr für ihn da, hört ihm so gut zu, dass Theodore fast nicht anders kann, als sich zu verlieben. Natürlich hilft dabei, dass sich das Betriebssystem Samantha nennt und mit der rauchig-sinnlichen Stimme von Scarlett Johansson spricht.

Maschinen, zu denen man Gefühle entwickelt, sind in der Filmgeschichte ein alter Hut. Und sie müssen dafür nicht mal sprechen können, wie etwa der piepsende und rollende Zylinder R2D2 aus Star Wars belegt, der weit mehr Sympathien auf sich zog als sein anthropomorpher Dienstkollege C-3PO mit seinen gut artikulierten Pessimismen (»I have a bad feeling about this«). Von der tödlichen Maria aus Fritz Langs Metropolis bis zum allerliebsten Schrottroboter Wall-E führt das Kino immer wieder vor Augen, wie wenig es im Grunde braucht, um den Zuschauer dazu zu bringen, sich mit Maschinen zu identifizieren. Ein paar typische Bewegungen, ein paar interpretierbare Geräusche reichen. Die Geschichte der künstlichen Intelligenz im Film reflektiert so schon immer den beziehungssüchtigen Menschen. In Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum, einem der visuell einfallsreichsten und visionärsten Science-Fiction-Filme überhaupt, ist ausgerechnet der Computer reduziert auf ein rotes Kameraauge. Es ist allein die Stimme, dieser betont freundliche Bariton, aus der eine der faszinierendsten aller Figuren mit künstlicher Intelligenz entsteht. HAL 9000, der Computer, der es gut mit Ihnen meint – zumindest solange Sie mit ihm kooperieren!

HAL 9000 als der finale Bösewicht in 2001 verkörpert zugleich das Paradebeispiel des Mensch-Maschine-Konflikts, wie er im Kino erzählt wird: mit einem bösen Ende. Die vom Menschen geschaffene künstliche Intelligenz wendet sich schlussendlich gegen ihre Schöpfer. Dieses Erzählmodell hat sich in der Erfahrung des Publikums so tief eingegraben, dass man auch in einem durchweg sanften und geradezu romantischen Film wie Her die ganze Zeit befürchtet, dass irgendwann ein böses Erwachen folgen muss. Zumal der allgegenwärtige Datenklau bereits in unserer Gegenwart zur Nummer Eins unter den Alltagsbedrohungen aufgestiegen ist – wie schlimm muss das erst in der Zukunft werden, wenn wir uns noch mehr auf die Technik, gar wie in Her romantisch auf ein Betriebssystem einlassen!

Doch Spike Jonze weicht mit Her, für den er auch das Drehbuch schrieb, vom Schema ab. Mehr als um die Bedrohung geht es ihm um unser Verhältnis zur Technologie oder, im ganz emphatischen Sinn: um unsere Beziehung zu ihr. Her ist aber nicht nur in der Art, wie der Film seinen Mensch-Maschine-Konflikt beschreibt, das radikale Gegenstück zu dystopischen Science-Fiction-Filmen wie Minority Report und Blade Runner. Er ist es in seinem ganzen utopischen Entwurf. Das Los Angeles aus Blade Runner (Datumsangabe: November 2019) ist ein düsterer Ort im Dauerregen, vollgestopft mit Menschen und Gebäuden, durch den sich nur mit kleinen Raumschiffen navigieren lässt. Her dagegen zeigt ein Los Angeles zwar ohne Datumsangabe, dafür aber in ganz anderer Weise utopisch: als moderne Stadt mit einer Skyline aus Hochhaustürmen, in der Menschen hauptsächlich zu Fuß gehen und den öffentlichen Nahverkehr nutzen, in der es keine fliegenden Autos oder Raumschiffe gibt, dafür aber eine U-Bahn-Linie, die direkt zum Strand führt – eine Zukunftsvorstellung, die heutigen Besuchern und Bewohnern von Los Angeles fast unwahrscheinlicher vorkommt als die Molochvision aus Blade Runner.

Sie hat soviel Humor - in seinem Ohr. Scarlett Johansson und Joaquin Phoenix
Sie hat soviel Humor – in seinem Ohr. Scarlett Johansson und Joaquin Phoenix

Die Stadt, die Her in seinen Totalaufnahmen zeigt, ist noch immer das typisch, endlose Häuser- und Straßenmeer, aber viele Details sprechen von einem unerhörten ökologischen Fortschritt: So wohnen die Protagonisten in lichten Hochhausapartments, deren Beleuchtung sich perfekt und automatisch den Bewegungen der Personen anpasst. Hauptfigur Theodore scheint kein Auto zu besitzen – hat es so etwas in einem in L.A. spielenden Film je schon gegeben? So fremd in seiner Vertrautheit wirkt dieses aufgeschlossene Los Angeles, dass man es bereits vermutet: Eine andere Stadt schlüpft hier in die Rolle der kalifornischen Metropole. Es ist die in vielem neuere Stadtarchitektur Shanghais, die dem Film seine futuristische Note leiht. Und diese Substitution, die zugleich eine Simulation ist, reflektiert subtil das Thema des ganzen Films.

Die Details der Ausstattung bilden ein raffiniertes Spiel mit unserer Gegenwart und ihren Ängsten und Hoffnungen in Bezug auf Technologie ab. Online-Dating und Online-Sex gibt es nach wie vor. Die Verkaufsschlager der Elektronikabteilungen von heute, Flatscreens und Tablets, spielen aber so gut wie keine Rolle. Zwar arbeitet Theodore am Bildschirm, aber nirgendwo gibt es Tastaturen. Die Sprachsteuerung ist so universell wie selbstverständlich geworden. Auf der Straße und in der U-Bahn sprechen Menschen mit Knopf im Ohr leise vor sich hin, meist mit ihren Geräten, lassen sich E-Mails vorlesen, geben Anweisungen oder diktieren neue Nachrichten.

Der Alltag der Menschen scheint dem der Gegenwart nur wenig entrückt. Ihre Kleidung ist eine merkwürdige Mischung aus Retroelementen wie Hosen mit hoher Taille und Hemden mit schmalen Kragen. Und immer wieder steckt die kühnste futuristische Idee im kleinsten Detail: Theodores beste Freundin Amy (Amy Adams) arbeitet als Computerspiel-Designerin, ein bereits heute etablierter Beruf, ihr neuestes Projekt aber ist kein Egoshooter oder Welteneroberer-Game, sondern ein Spiel für das heute fürs Gaming noch kaum erschlossene Kundensegment der Mütter und Hausfrauen.

Nicht alles, was simuliert ist, muss unecht sein.

Theodore selbst schreibt beruflich Briefe bei einer Firma namens Beautifulhandwrittenletters.com – die natürlich alles andere als handgeschrieben sind, nicht zuletzt weil er sie ins Mikrofon diktiert. Wo der Name in der nahtlosen Kombination von »schön«, »handgeschrieben« und »dot.com« in sich bereits eine Absurdität abbildet, reflektiert Theodores Beruf – in dem er übrigens ein kreativer Leistungsträger ist – ein weiteres Mal das Kernthema des Films um Substitution und Simulation. Die Handschriften, in denen Theodores Briefe gedruckt werden, sind computergeneriert; er schreibt seelenvoll, indem er vorgibt, jeweils ein anderer zu sein – und doch entsteht aus diesem zweifachen So-tun-als-ob ein Werk, das authentisch Gefühle ausdrückt und, wie der Film zeigt, von Lesern sehr geschätzt wird. Nicht alles, was simuliert ist, muss unecht sein. Theodore scheint geradezu prädestiniert dafür, von einem Betriebssystem, das so tut, als ob es ihn versteht, verführt zu werden.

Science Fiction in der Form dieser nur sanft in die Zukunft verschobenen Utopie, einer slight future, zeigt auch die britische Serie Black Mirror. Auch deren Schöpfer Charlie Brooker geht es nicht darum, immer gleich eine ganze Welt neu zu entwerfen, dafür wird in jeder Folge gewissermaßen eine technologische Innovation zu Ende gedacht. Die voneinander unabhängigen, in sich abgeschlossenen Episoden – bislang strahlte der Sender Channel 4 zwei Staffeln mit jeweils drei einstündigen Folgen aus, eine dritte Staffel ist angekündigt – drehen sich etwa um naheliegende Dinge wie den voyeuristischen Einfluss von Social Media auf die Politik oder um Castingshows als Abbild der Emporkömmlingsgesellschaft. In einer Folge (»The Entire History Of You«) wird die moderne Aufzeichnungslust auf die Spitze getrieben: Was wäre, wenn allen Menschen ein Chip eingepflanzt würde, der unser ganzes Erleben aufzeichnet, sodass wir es uns selbst und anderen jederzeit wieder vorspielen können? Man würde Heuchlern besser auf die Schliche kommen, vor allem aber könnte man den beliebten Beziehungsstreitklassiker – wer hat wann was genau gesagt? – in Sekundenschnelle klären. Mit ungeahnten zerstörerischen Folgen: Es zeigt sich, dass Beweise so viel schlimmer sein können als jede Vermutung.

Wie in Her sind es auch in Black Mirror all die kleinen Ideen und Ausstattungsdetails, die die Zukunftsvisionen interessant machen. In der Episode »Be Right Back« stirbt ein junger Mann bei einem Autounfall. Die Eingangsszenen haben ihn als Smartphone-süchtigen Nutzer von Facebook und Twitter vorgestellt. Nach seinem Tod bekommt seine trauernde Frau einen Service aufgenötigt, den sie nach anfänglichem Zögern auch nutzt: Eine Firma generiert aus der Online-Präsenz ihres Mannes einen Sender, der ihr im Tonfall des Verstorbenen E-Mails und Textnachrichten schickt. Angefixt stimmt die Trauernde dem Hochladen aller Fotoalben und Videofilme ihres Mannes zu – mit dem Ergebnis, dass sie mit ihrem Mann, beziehungsweise dessen computergenerierter Stimme bald lange innige Gespräche am Telefon führen kann. Und schließlich kommt die nächste Stufe, noch als Beta-Version: Ihr wird ein täuschend echter Menschenroboter ins Haus geliefert.

In unserer Internet- und Social-Media-Sucht spiegelt sich letztlich unsere ureigene Beziehungssucht.

Die Parallelen zu Spike Jonzes Entwurf in Her liegen hier weniger an der Oberfläche der computergenerierten Simulation einer menschlichen Präsenz als in der Dynamik, die diesen Beziehungen innewohnt. Sowohl für Theodore in Her als auch für die trauernde junge Witwe in Black Mirror kommt nach dem ersten Glück die Phase der Zweifel, in der sie ihr jeweiliges Gegenüber der bloßen Imitation bezichtigen und ihm ihre Perfektion vorwerfen. Es stellt sich heraus, dass die schwierigste Klippe der künstlichen Intelligenz nicht darin besteht, so intelligent wie der Mensch zu sein, sondern darin, situationsspezifisch auch mal unintelligent zu handeln. Die wahre Herausforderung wäre also: Wie ahmt man den Menschen mit seinen widersprüchlichen Gefühlen und Launen nach, mit seiner Lust an schierem Blödsinn?

Wie Her handelt auch Black Mirror weniger von den Gefahren der Technologie als vielmehr von unserer Beziehung zu ihr. In unserer Internet- und Social-Media-Sucht spiegelt sich letztlich unsere ureigene Beziehungssucht. Wie in menschlichen Begegnungen sucht man auch in der Technik das perfekte Gegenüber – und sieht sich folglich mit der eigenen Ambivalenz konfrontiert. Das perfekte Gegenüber ist letztlich nur dann perfekt, wenn es nicht ganz perfekt ist.

In den USA hat Apple der iOS-Sprachsteuerung Siri bereits Antworten auf Fragen nach Spike Jonzes Her und dem Siri-Pendant Samantha einprogrammiert. »In my opinion, she gives artificial intelligence a bad name«, lautet eine dieser Antworten.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in SPEX N° 351 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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