Black Lips

Nach dem MySpace-Star ist nun ein anderes auf Kommunikationstechnik und Internet fußendes Phänomen auszurufen: die Handy-Band. Schon länger fällt auf, dass sich Zuschauer von Rockkonzerten nicht länger auf ihre Kernaufgaben, das Kopfwackeln, Biertrinken und Pogo-Tanzen beschränken, sondern das mit dem Handy festhalten, was lange Zeit der ersehnte, aber eben auch überaus flüchtige Reiz eines Rockkonzerts war: den Moment, in dem Musiker und Publikum die Routine eines normalen Abends überwinden. Und so kommt es dann dazu, dass das mit Abstand meist gesehene Internetvideo der Black Lips vereinzelte Bandmitglieder dabei zeigt, wie sie in einem Londoner Club während ihres Punkrocksongs »Juvenile« von der Bühne hüpfen und das Publikum umgekehrt auf die Bühne hinauf; aufgezeichnet in einer Bild- und Tonqualität, wie sie zuletzt bei der Mondlandung im Jahr 1969 dargeboten wurde. Bemerkenswerterweise gibt es davon noch eine weitere, direkt von der Bühne gefilmte Version. Es sind also nicht nur die Zuschauer, die ein Interesse daran haben, dass Filmchen von den Durchdrehshows der Black Lips bei YouTube auftauchen.

    Fans der Band aus Atlanta in Georgia schwärmen schon lange davon, dass es auf deren Konzerten fast so wild zugeht wie einst in Johnny Knoxvilles MTV-Serie »Jackass«: Kotzen, Pissen, Küssen, Ausziehen, Feuerwerk, lebende Hühner und brennende Gitarren – alles dabei, was seit The Who oder spätestens den God Bullies zum klassischen Irrsinn des Rock’n’Roll zählt. Bei älteren Musikern kann das bekanntlich würdelos und kalkuliert wirken. Bei jungen Bands auf dem Peak ihres Testosteronrausches aber entsteht immer wieder der schöne Eindruck, der Übermut wäre gerade erst erfunden worden. Und die Black Lips sind – wenn auch keine Teenager mehr wie bei der Gründung der Band vor neun Jahren – noch immer ziemlich jung.

    Jetzt erscheint »200 Million Thousand«, das fünfte Studioalbum. Hatten die vier Amerikaner mit ihrer vorigen, 2007 erschienenen Platte »Good Bad Not Evil« einen Höhepunkt an Eingängigkeit, Frohsinn und Schwung erreicht, der in dem mitreißenden »Cold Hands« und in der herrlich bescheuerten Pubrock-Karaokenummer »Bad Kids« gipfelte, so geht es nun wieder zurück in die Garagenrock-Frühzeit der Gruppe. »200 Million Thousand« klingt versumpft, verschnupft, versackt, verhallt, verschleppt, verschliffen.

    Sieht man einmal von dem an die Rolling Stones in ihrer irrlichternden »Goat’s Head Soup«-Phase erinnernden »Short Fuse« ab, so geht die Band auf diesem Album dem Hit aus dem Weg wie ein Psychotiker seinem gutgelaunten, pragmatischen Bruder. Geradezu programmatisch ist der Songtitel »Trapped in a Basement«: Gäbe es eine Halloweenfolge der Simpsons, die komplett in einem von Voodoopriestern, Kürbisköpfen mit Pilzkopffrisuren und einem aus dem Grab herausfahrenden Screamin’ Jay Hawkins beherrschten Beatkeller spielen würde – »200 Million Thousand« würde dazu die ideale Begleitmusik abgeben.

LABEL: Vice Records / Pias

VERTRIEB: RTD

VÖ: 13.03.2009

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