Black Kids

Die Indie-Disko, Anfang 2000 hervorgegangen aus den tanzbaren Gitarrenriffs der The-Bands weißer Großstadtkids, ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Ort geworden, der keine Beschränkungen kennt. Es gibt längst keine starren Codes mehr, der Sound ist variabel bis weit über die Genregrenzen hinaus und die sexuelle Orientierung spielt spätestens seit den Scissor Sisters genauso wenig eine Rolle wie Sozialisierung und Herkunft, seit Bands wie Bloc Party oder Go! Team den Ton in der ›Szene‹ angeben. Es kann also keinen idealeren Ort für die Black Kids geben als die Indie-Disko.  

    Aufgewachsen in einer streng-katholischen, schwarzen Baptistengemeinde in Jacksonville, Florida waren Kindheit und Jugend von Reggie Youngblood und seiner Schwester Ali geprägt von Entbehrung und Weltferne. Die Welt des Clubbing und Partying erschloss sich ihnen erst mit Anfang Zwanzig. Sänger Reggie nennt »Partie Traumatic«, das Debüt der Black Kids, dennoch ein »teenager´s record«, weil das Album die Kompensation all dessen widerspiegelt, was den insgesamt fünf Südstaatensprößlingen in ihrer Teenagerzeit verwehrt geblieben ist.

    Schon der Opener »Hit The Heartbreaks« drängt mit der ganzen Wucht endlich erfüllter Sehnsucht auf den Indie-Dancefloor: Dröhender Gitarrenbombast, der das Weite sucht und die große Pose will, eine catchy gespielte Melodie und ein hämmernder Diskobeat. Darauf folgt einer jener Call-and-Response-Dialoge zwischen Reggie und Schwester Ali im Stile der B-52’s, die sich als prägendes Stilmerkmal des Albums herauskristallisieren. »Knock, knock«, singt er. »Who’s there? «, fragt sie. »Call the ghost in your underwear!«, fordert er die Geliebte auf, denn er will nur ihre Hülle und nur für diese Nacht: »You can stay the night / But please be gone by next morning girl.« In »Listen To Your Body Tonight« sind die beiden dann bereits auf Tuchfühlung. Der Song inszeniert im Mittelteil ein Zwiegespräch zwischen ›ihm‹ und ›ihrem‹ Körper. In »Love Me Already« mimt die Schwester die Freundin, die ihn mit dem besten Freund hintergeht: (»What she´s doing in his apartment at midnight? / I didn’t get an invite«). Mit teils hanebüchenen Wortspielen (»Like many a Mael / I get angst in my pants«) nimmt Youngblood auch mal gerne die Rolle der Frau ein: »You are the girl / that I’ve been dreaming of / ever since I was a little girl« (aus »I’m Not Gonna Teach Your Boyfriend How To Dance With You«).

    Youngblood, dessen Stimme zwischen Robert Smiths schmerzverzerrtem Wehklagen und Morrisseys komödiantischem Pathos die Balance hält, hat nicht nur ein Händchen für skurrile Inszenierung, er hat auch ein unheimliches Gespür für Hooks und Melodien, die dauerhaft im Ohr bleiben. Allen voran »Hurricane Jane« und »I’m Not Gonna …« sind der Indie-Disco wie auf den Leib geschrieben. Ex-Suede Gitarrist Bernard Butler, der auch als Co-Produzent für Tricky arbeitet, hat die auf der EP »Wizard Of Aahs« noch etwas schwächlichen Instrumentierung mehr Raumklang und Klangfülle verliehen. Der Dark Wave von Orange Juice, den Sparks oder den Associates kommt einem in den Sinn,  die Bassläufe erinnern an die Talking Heads, die quengelnden Synthesizer an den funkigen R’n’B von Prince, die Singalong-Gesänge an den Bubblegum-Pop der Archies. Letztlich gibt es auf »Partie Traumatic« aber nur ein einziges Kriterium: die Tanzbarkeit.

LABEL: Mercury

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 22.08.2008

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