Björk Vulnicura

Wie damit umgehen? Das Break-up-Album Vulnicura ist nach Verwundung und Heilung benannt – klingt aber keineswegs überemotionalisiert. Björks Kunstgriff ist die Nüchternheit. 

Es ist Nacht, Schauplatz Ehebett. Die Protagonistin erwacht, weckt ihren Liebsten und weiß plötzlich: Das wird ihr letztes gemeinsames Mal. Diesen Moment, wenn mit geradezu körperlicher Intensität klar wird: Es ist aus, hält der Song »History Of Touches« mit irrlichternder Klarheit fest.

Vom Davor und vom Danach erzählt Vulnicura, es ist die Übererfüllung eines beliebten Popstandards: des Break-up-Albums, Björks Langversion von »Heartbreak Hotel« könnte man sagen (wenn man es mit richtig trollhaft gerolltem R ausspricht). Bei ihr klingt die Paradedisziplin zum dritten Mal frisch geschiedener Songschreiber und Bekenntnislyriker so, als würde eine der zwei Ehebettparteien am nächsten Morgen am Frühstückstisch fragen: Hast du das Ei auch wirklich viereinhalb Minuten lang gekocht? Und: Können wir nicht mal in Ruhe darüber sprechen? Wie zwei erwachsene Menschen? Es klingt also wie etwas, das einen gerade durch die eingeforderte Sachlichkeit komplett zur Raserei bringt.

Die Naturwissenschaftlichkeit von Björks letztem Album Biophilia von 2011 wird mit Vulnicura auf das Versuchsobjekt Mensch übertragen. Genauer: auf das Kraftfeld zwischen zwei Menschen, dessen Polung sich von Anziehung zu Abstoßung wandelt, nämlich das von Björk und ihrem ehemaligen Partner Matthew Barney. Mit Cellostreicheleinheiten fängt das Ende an. Die Sängerin nimmt zärtlich technische Begrifflichkeiten humaner Interaktion in den Mund. Das erste Wort: »A ju-x-ta-po-si-tion«, wenig später geht es um das Finden von »mutual coordinates«.

Diese Worte und die zugehörige Musik sind in dem Sinne schön, in dem eine Fabrikhalle voller Roboter und sich rhythmisch bewegender Maschinenarme schön ist: aufgeräumt, übersichtlich, funktional. »Moments of clarity are so rare«, singt Björk und kündigt damit an, dass es um einen dieser raren Momente gehen soll, auf neun Songs gestreckt, 59 Minuten lang, inszeniert als Widerstreit von Sachlichkeit (des Inhalts: Kühle, Präzision, Frühstücksei) und Sinnlichkeit (der Interpretation: Spieltrieb, Lust, Schmerz).

Die Beschreibung der Kapitulation wird so zugleich zum Triumph über das Geschehen: »These abstract complex feelings / I just don’t know / How to handle them.« Aus dem Nicht-wissen-wie-damit-umgehen ist dieses Album geworden. Björk hat es nach Verwundung und Heilung benannt. Es ist durch den Erzählrahmen überdeterminiert, aber alles andere als überemotionalisiert. Gerade die Nüchternheit und Direktheit der Problemansprache sind Vulnicuras großer Kunstgriff. Man heult nicht, aber man leidet umso mehr mit.

Die Entwicklung des Dramas folgt dabei weniger dem Songformat, sondern vielmehr einer Logik, die man eher aus der Oper kennt. Der Ablauf ist chronologisch – Zweifel, Gewissheit, Trennung, Vorwurf, Schmerz, Überwindung –, die in typischen Björk’schen Manierismen entfaltete Lyrik wird in einer Art Parlando-Singsang vorgetragen, begleitet von Streicherarrangements. Die schroffen elektronischen Klänge, die Koproduzent Arca beigetragen und The Haxan Cloak in die rechte Abmischung gebracht hat, wirken wie Kontrapunkte und V-Effekte; an einer Stelle lässt noch Antony Hegarty seine Stimme verhackstücken.

Das bleibt musikalisch teilweise etwas im Ungefähren, die Melodien sind so flüchtig wie die Liebe. Entschlossen ist das Album aber in dem, was es nicht ist: keine Programmmusik. Hier wird eben bewusst nicht musikalisch bebildert, wie ein Herz zerbricht – was Vulnicura emotional aber gerade öffnet und zugänglich macht.

Es ist schwer vorstellbar, dass man in zehn Jahren einen Song wie »Mouth Mantra« fidel beim Frühstückstisch mitsummt. Aber das hat auch sein Gutes: Die Drohung, zur Singer-Songwriterin zu werden, hat Björk nicht wahrgemacht.

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