Björk – »Ich stehe auf den Schultern von Gigantinnen«

Fotos: Páll Stefánsson

Während Pop als Protestmedium weitgehend ausgedient hat, nimmt sich die Hochkultur seiner Protagonisten an. Die in diesem März im New Yorker MoMA startende Björk-Ausstellung will indes mehr als reine Musealisierung. Durch sie erfährt das stets interdisziplinär angelegte Gesamtwirken der Musikerin, Künstlerin und Filmschaffenden Björk eine hochinteressante Zuspitzung. Ihre Verdienste sind unbestritten: Björk hat die Sagen- und Mythenwelt ihrer isländischen Heimat auf ebenso selbstverständliche Weise in den Pop gebracht, wie sie zur Ikone einer selbstbestimmten und punkgeschulten Weiblichkeit wurde. Nach dem multimedial angelegten Biophilia erscheint nun wieder ein klassisches Björk-Album: Vulnicura ist ein Requiem auf eine zu Ende gegangene Liebe. Zum Zeitpunkt des SPEX-Interviews hielt sich Björk in Puerto Rico auf.

Björk, im Vorfeld zu Ihrer großen Ausstellung im März im MoMA New York haben Sie mit dem amerikanischen Philosophen Timothy Morton ein längeres Gespräch geführt.
Haben Sie es gelesen? Das ist gut. Das Interview sagt viel über mich aus.

Sie sprechen über den Begriff des »Hyperobjekts«. Hyperobjekte, sagt Morton, sind große, die menschliche Vorstellungskraft übersteigende Phänomene wie die Erderwärmung. Morton sagt, dass er Ihren Song »Hyperballad« im Ohr hatte, als er seine Forschungen zum Thema betrieb.
Ja, ausgerchnet.

Und wie verhält es sich mit Objekten, die der Mensch sehr wohl begreifen kann? Das MoMA wirbt mit einem Still aus Ihrem Video »All Is Full of Love« für die Björk-Ausstellung – in dem Video lieben sich zwei Roboter, nachdem die Menschen das Labor verlassen haben. »Alle Dinge sind verzauberte Menschen«, sagt Karl Marx.
Ich glaube tatsächlich, dass die Welt verzaubert ist. Als Kind und als Teenager habe ich natürlich noch nichts gewusst, die Welt nur gefühlt. Später habe ich dann selbst geforscht und herausgefunden, dass von allen Ländern dieser Erde ausgerechnet auf Island der Glaube an den Animismus am weitesten verbreitet ist. Animismus bedeutet, dass man davon ausgeht, dass alles eine Seele hat. Die Natur, die Vulkane, die Steine – aber auch die von Menschen erschaffenen Dinge. Es wird interessant, wenn wir daran glauben, dass die Erde eine Seele hat. Dann fragt man sich nämlich, ob der Planet weint, wenn ein Hyperobjekt wie der Klimawandel den Planeten verändert. Überhaupt verändert sich das ganze eigene Handeln, wenn wir annehmen, dass die Dinge, die Natur beseelt sind.

Weint die Erde, wenn ein Vulkan ausbricht?
Immer wenn in Island ein Vulkan ausbricht, rote Lava in die Luft gespuckt wird, Magmaseen entstehen, dann steigt die Frequenz der Meldungen in den Sozialen Medien. Wir sind einfach unglaublich stolz darauf, dass sich die Erde ausgerechnet bei uns auf Island meldet. Wir schreiben uns dann so Quatsch in der Art: »Yeah! We still got it!« Und immer wenn ein neuer Berg entsteht, wollen wir einen Namen für ihn finden. Seit es Facebook gibt, gibt es auch eine viel breiter gefächerte Diskussionskultur. Überhaupt geht es mir stets so, dass ich das Gefühl habe, meine Batterien würden sich rasend schnell wieder aufladen, wenn ich in Island bin.

Wann haben Sie das letzte Mal einer Eruption beigewohnt?
Vor zwei Monaten.

Wie erklären Sie es sich, dass dieser Naturglaube in Island so ausgeprägt ist?
Wir Menschen leben erst seit dem achten oder neunten Jahrhundert auf Island, die Insel war zudem die meiste Zeit eine Kolonie. Viele Isländer können ihren Stammbaum bis zur Besiedelung der Insel zurückverfolgen. Es gibt keine bedeutenden Bauwerke oder Städte auf Island. Zugleich gibt es kaum Tiere und Pflanzen, auch kaum Wälder auf der Insel, dafür umso mehr Steppe, Eis, Lava und Berge. Ich erinnere mich an unendlich viele kleine Geschichten, die stets die Existenz eines Hügelkamms, eines Tals oder eines Findlings mit Leben ausstatteten. Island ist eine Insel der Geschichten und der Erzählungen. Man kann quasi jedem Felsen seine eigene Geschichte zuordnen – mit Elfen und Trollen, die dort gewirkt haben sollen. Ganz Island ist in diesem Sinne die Summe einer Vielzahl von Märchen, die alles Profane ins Zauberhafte kehren. Es ist wie eine virtuelle Realität. Man sieht nur einen moosbewachsenen Lavahügel, aber man erinnert sich an die Geschichten, die über den Landstrich erzählt werden, bevor die Lava alles überdeckte.

Glauben Sie selbst an die Elfen und die Trolle?
Sie sind elementarer Bestandteil der Mythologie Islands. Sie sind so echt wie Rotkäppchen echt ist. Es geht auch gar nicht wirklich darum, ob sie tatsächlich existieren. Viel wichtiger ist, dass die Elfen und Trolle für eine ganz eigene Art des Erzählens stehen. Wenn zum Beispiel ein Felsen eine eigentümliche Form hat, dann ist die Erklärung meistens, dass ein Troll von einem Sonnenstrahl erfasst und in der Bewegung zu Stein wurde. Gleichwohl würde ich Elfen und Trolle nicht als Wesen bezeichnen wollen, sondern eher als Energien. Und wir Menschen in Island zollen den Dingen und den Energien, die für uns unsichtbar sind, Respekt, indem wir annehmen, sie seien beseelt. Denn einer Seele begegnet man mit Respekt.

Was passiert, wenn man respektlos agiert?
Die respektlose Handlung wird auf einen zurückgeworfen. Sie bringt Unglück. Sie dürfen nicht vergessen, dass Island weder die industrielle Revolution, die Moderne noch die Postmoderne durchlebt hat. Island ging direkt vom Kolonialismus ins 21. Jahrhundert. Wir Isländer sind zu Beginn des Anthropozäns konfrontiert mit einer nahezu unberührten Natur – und einer durchdigitalisierten Welt. Das sind tolle, inspirierende Widersprüche, auch für meine Musik. Und dann kam die Einladung von Klaus Biesenbach, im MoMA auszustellen. Die Einladung nahm ich an und suchte den Dialog mit Ähnlichdenkenden. Ein Freund hat mir dann das Buch Realist Magic von Timothy Morton geschenkt, das ich mit großer Begeisterung verschlungen habe, denn es knüpft nahtlos an meine Gedanken zum Animismus an. Er behauptet eben nicht, dass der Mensch das Wichtigste auf der Welt sei. Wir Menschen müssen erst noch lernen, wie wir mit der Natur, die uns umgibt, respektvoll umgehen. Timothy Morton spricht über einen Anfang, an dem die Menschheit steht.

Der Begriff »Anthropozän« bezeichnet den Beginn einer neuen Epoche der Menschheit. Die jüngsten Eingriffe des Menschen in das Ökosystem haben den Planeten aus den Fugen gebracht. Interessanterweise ist einer der Schlüsse, die sich daraus ableiten lassen, ein sehr positiver: Die Menschheit ist erstmals gezwungen über Staatsgrenzen und Ideologien hinweg zusammenzuarbeiten, um existenzbedrohende Veränderungen wie den Klimawandel gemeinsam in Griff zu bekommen.
Wir müssen das Verhältnis von Technologie zu Natur neu überdenken. Was bedeutet es für die Menschheit, wenn wir vielleicht umzudenken beginnen und akzeptieren, dass alles gleichwertig ist? In jedem kleinen Ding steckt Magie. Jedes Ding steht energetisch in Bezug zu jedem anderen Ding.

»In all meinen Handlungen versuche ich stets zu bedenken, dass ich nicht einen einzigen Schritt hinter den Errungenschaften des Feminismus zurückbleibe.«

Wenn Sie jetzt im MoMA ausstellen werden und all die genannten Gedankengänge in dieser Ausstellung kulminieren, was für einen Schritt gehen Sie dann eigentlich in Ihrem Selbstverständnis? Stellt da die Musikerin oder die Künstlerin Björk aus?
Ich bewege mich ja schon seit Jahren in beiden Welten, und auch in der Welt des Films.

Sie sprechen von Drawing Restraint 9, dem Film, den Sie gemeinsam mit Ihrem damaligen Lebensgefährten Matthew Barney drehten?
Genau. Die Welten überlappten sich bereits vor der Einladung ins MoMA. Tatsächlich hat Klaus mich schon vor Jahren eingeladen – und ich habe anfänglich abgelehnt, da ich nicht begreifen wollte, wie man Musik an die Wand hängt. Museen sind konzeptuelle, rituelle Orte, während Konzerthallen einem Musiker lebendig entgegenwirken. Mein Freund Antony Hegarty überzeugte mich schließlich, die Einladung als Chance zu sehen, etwas Neues zu lernen – und Klaus schlug vor, dass ich eine eigene, neue Musik für die Ausstellung aufnehmen könnte. Mich hat zum Schluss am meisten fasziniert, dass ich mich in einem neuen Kontext beweisen musste – und sagte zu. Drawing Restraint 9, all die Apps, die ich für mein letztes Album Biophilia habe entwickeln lassen und nicht zuletzt all die Protagonisten aus der Kunstwelt, die ich in den letzten Jahren habe kennen und schätzen lernen dürfen, erscheinen mir im Rückblick wie klare Schritte, die alle auf diese Museumsausstellung hinführen.

Einer dieser Protagonisten, der Kurator Hans Ulrich Obrist, sagt, dass sich die Museen dem Klang, also der Dimension des Klangs als Kunstform, öffnen müssten.
Mir ist in der Vorbereitung zur Ausstellung noch einmal bewusst geworden, dass der Prozess des Musikmachens für mich eine Auseinandersetzung zwischen mir als Mensch und der Musik ist. Sobald diese Auseinandersetzung in eine Form gegossen wird – also das Format einer Vinylschallplatte, einer CD, eines Films oder eines Konzerts –, wird die Musik kanalisiert. Man muss in diesem Sinne unbedingt mit alten Gewohnheiten brechen, um geistig nicht zu verkalken. Stellt man Formate nicht in Frage, macht man als Musiker früher oder später Musik für die Formate – und nicht mehr als Ausdruck von sich selbst. Dass ich mich mit dem neuen Format der Museumsausstellung auseinandersetzen musste, hat mich zurück zum Kern meiner Arbeit gebracht. Erst die konkrete Vorbereitung der Ausstellung hat mir noch einmal ganz klar vor Augen geführt, dass ich eine Musikerin bin. Das hält mich nicht ab, meine Musik in einem neuen Kontext zu präsentieren, aber ich bin vor allem eine Musikerin. Ich bin keine bildende Künstlerin. Die Professionalität der Kunstwelt hat mich auch dazu gebracht, wieder auf meine Instinkte zu hören.

Das klingt, als hätten Sie das Abenteuer MoMA als Experiment mit offenem Ausgang angesehen.
Unbedingt. Und genauso verhielt es sich mit dem Film und mit dem App-Album. Ich wusste immer, dass ich im jeweiligen Moment genau das richtige machte. Aber ich wusste nie, wo es mich jeweils hinführen würde. Ich spüre aber immer, ob etwas, an dem ich gerade arbeite, fruchtbar ist oder nicht. Ist es fruchtbar, wird es schon zu einem guten Ergebnis führen, auch wenn ich es nicht mehr wirklich kontrollieren kann. Im MoMA bekam ich vier Räume, die ich zu bespielen hatte. Im ersten Raum gibt es die interaktiven Biophilia-Apps und die Instrumente. Der zweite Raum widmet sich retrospektiv meiner musikalischen Geschichte. Raum drei ist ein Vorführraum für die Videos. Und im vierten und letzten Raum findet die neue Musik statt. Tatsächlich habe ich am meisten Arbeit in das Komponieren und Aufnehmen dieser neuen Musik investiert.

Die Kunstwelt gilt wie die Musikwelt als Männerdomäne. Zumindest in der Musikwelt haben Sie sich durchsetzen können, gelten auch als Rollenmodell. Haben Sie neue Erkenntnisse gewinnen können?
Ich bewege mich privilegiert in der Kunstwelt. Ich erlebe schon lange keine Ungleichbehandlung im negativen Sinne mehr. Aber in allem, was ich tue, in allen meinen Handlungen versuche ich stets zu bedenken, dass ich auch nicht einen einzigen Schritt hinter den Errungenschaften des Feminismus zurückbleibe. Wir vergessen oft, welche Kämpfe die Feministinnen im letzten Jahrhundert durchgeführt haben, um die Gleichberechtigung zu erkämpfen. Es wäre ein Skandal, ein und dieselben Kämpfe ein zweites Mal zu führen. Ich stehe auf den Schultern von Giganten und verspüre gerade als Frau die Verpflichtung, die Gegenwart danach zu sondieren, wie es weitergehen kann.

Und, wie kann es weitergehen?
Aktion ist immer gut. Ich habe immer getan, was ich für richtig gehalten habe, und habe mich immer durchgesetzt. Das größte Hindernis ist oft gar nicht die patriarchalische Gesellschaft, sondern die Lethargie der ihr ausgelieferten Person. Übersehen wird dabei aber oft, dass die Lethargie das Ergebnis eines übermenschlichen Drucks ist, der von einer männerdominierten Gesellschaft permanent ausgeübt wird. Der Fehler ist also, sich seine Lethargie als eigenes Versagen vorzuwerfen. Und gleichzeitig ist es ein Fehler, lethargisch zu sein. Ich war nie lethargisch, und deshalb habe ich vielleicht weniger Widerstand erlebt als Frauen, die tendenziell unsicher und vorsichtig agieren, die weniger Aktion zeigen. Und bevor ich es vergesse: Rumlamentieren über alltäglichen Sexismus bringt auch nichts. Es ist immer Handeln angesagt. Nur wer handelt, muss Entscheidungen treffen. Nur wer handelt, kann verändern. Ich habe im Übrigen oft den Eindruck, dass Männer das ganze Konzept der Verzauberung nicht verstehen wollen. Sie lehnen es als irrational ab. Gerade in der künstlerischen Praxis aber sind das Irrationale und auch die Verspieltheit essenziell. Mein Lebensmotto lautet seit jeher: »When in doubt, do more things.«

bjoerk

Ihr neues Album Vulnicura scheint von Trauer durchdrungen zu sein, es hört sich an wie ein Requiem.
Das haben Sie richtig gehört. Der Titel bringt es zum Ausdruck: »Vulnerable« bedeutet verwundbar, »cure« Heilung. Die Songs beschreiben verschiedene Stadien einer Liebesbeziehung, die ihrem Ende entgegengeht. Nochmals: Ich hatte dieses Album nicht so geplant. Es ist das Resultat einer Reihe musikalischer und künstlerischer Entscheidungen. In den letzten anderthalb Jahren habe ich sechs Songs geschrieben, die sich mit dem Ende dieser Liebe beschäftigten. Und dann steckt in mir ja noch dieses andere Wesen, dieser Anthropologe. Und der Anthropologe in mir, der stellte bald fest, dass die Songs unterschiedliche Aggregatzustände dieser Trennung festhielten. Den ersten Song schrieb ich neun Monate vor dem Split, der zweite datiert auf vier Monate vor der Trennung, der dritte auf einen Monat. Und dann gibt es Songs, die ich einen Monat danach geschrieben habe, fünf Monate, ein Jahr danach.

Gemeinhin wird in der elektronischen Musik die Trauerfähigkeit vermisst. Bei Ihnen ist zwar niemand gestorben, aber …
Wissen Sie, ich habe mich den ganzen Prozess über gefragt, ob ich diese Lieder meinen Hörern zumuten kann. Ich hatte Angst, dass die Songs zu privat, zu distanzlos sein könnten. Aber der Anthropologe in mir führte den Beweis an, dass das, was ich da erlebt habe, millionenfach und immer ähnlich passiert. Jede Trennung geht durch dieselben Stadien. Jede Trennung ist universal, nicht individuell. Mit meinem Requiem auf eine zu Ende gegangene Liebe spreche ich das kollektive Unterbewusstsein der ganzen Welt an. Musikalisch zeichne ich das emotionale Modell eines universalen Vorgangs. Rückblickend sehe ich, wie sich ein Automatismus abgespielt hat, als ob wir Menschen programmiert wären und über gar nicht so viel Handlungsspielraum verfügen, wie wir uns gerne einreden. Um ganz sicherzugehen, las ich mehrere akademische Bücher zum Thema und fühlte mich schließlich in meiner anthropologischen Studie bestätigt. Ich weiß noch, dass es mich zum Schluss geradezu angewidert hat zu sehen, dass meine persönliche, schmerzhafte Trennung haargenau so verlaufen ist wie Millionen Trennungen davor und danach. Und gleichzeitig hat mich exakt dieser Aspekt des Programmiertseins total fasziniert.

Der deutsche Philosoph und Schriftsteller Alexander Kluge sagt, dass Kraftwerk eine der wenigen Bands seien, die diese Requiemfähigkeit besäßen. Vielleicht sollten Sie ihm Ihr neues Album schicken.
Ich mag Kraftwerk, aber ich mag DAF noch mehr. Die haben noch mehr Energie, in ihnen ist mehr Punk, sie haben viel mehr Sex. Kraftwerk ist verglichen mit DAF eine Generation älter. Sie haben einen anderen Humor, sie zeigen Gefühle eher verschlüsselt. Aber in jedem Falle traue ich elektronischen Bands mehr als Rockbands. Ihre Gesten sind nicht so machohaft verdorben. Das wurde mir klar, als ich immer tiefer in die Musik des Warp-Labels eintauchte, die ich als Enkel von Kraftwerk bezeichnen würde. In dieser abstrakten Musik fühle ich mich zu Hause. Diese Musik spricht zu mir.

Diese Geschichte ist in der Printausgabe SPEX N° 359 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden.

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